KRITIKEN 2018/2019



Hellerau

DIESES WILDE TIER IST GEREIZT

Die TänzerInnen der Dresden Frankfurt Dance Company zeigen in Hellerau eigene Arbeiten



In fünf eigenen Choreografien zeigen Tänzer und Tänzerinnen der Kompanie eigene Impulse und Gedanken. Das tun sie alle auf hohem Niveau, nur individuelle Handschriften lassen sich nicht ablesen.


  • "Ectomorphs" von Vincenzo De Rosa; Vincenzo De Rosa & Joel Small Foto © Dominik Mentzos
  • "Ectomorphs" von Vincenzo De Rosa; Vincenzo De Rosa & Joel Small Foto © Dominik Mentzos
  • "Haus" von Michael Ostenrath; Ulysse Zangs, Amanda Lana, Kevin Beyer & Daphne Fernberger Foto © Dominik Mentzos
  • "Haus" von Michael Ostenrath; Ulysse Zangs, Amanda Lana & Kevin Beyer Foto © Dominik Mentzos
  • "Carnegie Solo
" von Sam Young-Wright; Anne Jung Foto © Dominik Mentzos
  • "Carnegie Solo
" von Sam Young-Wright; Anne Jung Foto © Dominik Mentzos
  • "ORBIT" von David Leonidas Thiel; Tamás Darai Foto © Dominik Mentzos
  • "ORBIT" von David Leonidas Thiel; Carola Sicheri, Clay Koonar, Felix Berning & Tamás Darai Foto © Dominik Mentzos
  • "#threewithfour" von Anne Jung; Anne Jung & Sam Young-Wright Foto © Dominik Mentzos
  • "#threewithfour" von Anne Jung; Barbora Kubátová & Joel Small Foto © Dominik Mentzos

Mit einer Femme fatale eröffnet der neue Abend der Dresden Frankfurt Dance Company im Festspielhaus Hellerau. Anne Jung gibt die vor Kraft strotzende Frau in „Carnegie Solo“ von Sam Young-Wright. Diese knackigen sechs Minuten sind der Auftakt für insgesamt fünf Choreografien von Tänzern und Tänzerinnen der Kompanie, die hier die Gelegenheit bekommen haben, ihren eigenen Impulsen und Gedanken künstlerischen Ausdruck zu verleihen. Das tun sie alle auf beeindruckend hohem Niveau, nur lassen sich individuelle Handschriften daraus nicht ablesen. Trotzdem ist der Abend ein Fest für den zeitgenössischen Tanz.

Die immense visuelle Stärke und emotionale Intensität wird in der zweiten Arbeit, „Haus“ von Michael Ostenrath, durch unwirklich wirkendes, fades Licht abgelöst, das eine gespenstische, befremdliche Atmosphäre schafft. Was bei Anne Jung noch Kraft war, erweitert sich hier zu expressiver Aggressivität. Es liegt eine deutliche Gereiztheit in der Luft. Fünf TänzerInnen, alle mit verschmiertem Lippenstift, getrieben von unbedingter Notwendigkeit des Ausdrucks. Bei diesem Druck bekommt eine Tänzerin auch mal einen kräftigen Tritt ins Rückgrat, der sie quer über die Bühne katapultiert. Im Menschen wohnt eben nicht nur das Gute.

Eine gewisse Außer-Menschlichkeit zeigt auch Vincenzo De Rosa mit seinem Duo „Ectomorphs“. Da rülpst es aus den Lautsprechern, da gurren die Tauben, während er und Joel Small in langen Tüllkostümen stecken, die ein bisschen wie Kleider wirken, aber dann doch wieder nicht so ganz als solche durchgehen. Queerness und genderbending sind im Tanz seit geraumer Zeit auf der Tagesordnung. In gewisser Hinsicht gilt das hier auch für die Choreografie. Es lässt sich nicht sagen, die beiden Tänzer wären ‚männlich‘ choreografiert worden. Stattdessen setzt die Agilität und Bildintensität nahtlos an die vorhergehende Arbeit an, ganz so, als wäre der Kleinkram alltäglicher Diskussionen schon längst überwunden.

Der dramaturgische Aufbau dieses Abends funktioniert. Das gleiche gilt für die Arbeiten selbst. Mehrere der Stücke setzen diskrete Brüche, komplette Blacks, ohne dass der Faden reißen würde. Gleichzeitig fragt man sich, inwiefern einzelne Stücke eventuell Bezug aufeinander nehmen, denn eine Grundstimmung des Verstörenden zieht sich von „Haus“ über „Ectomorphs“ bis hin zu „Orbit“ von David Leonidas Thiel. Die breiten Krempen schwarzer Hüte verdecken die Gesichter der TänzerInnen, die mit überdimensioniert langen Armen wie Insekten wirken. Was hier ruhig, besonnen und introspektiv beginnt, wird zwar unerwartet doch härter im Ansatz, bleibt aber weitestgehend frei von der mehr oder minder unterschwelligen Aggression mancher anderen Choreografie. Ganz unerwartet schwebt in diesen Raum scheinbarer Rituale ein kleines Gimmick, das mit seinem Eigenleben den bisherigen Rhythmus unterbricht. Das ist äußerst erfrischend weil ungewohnt.

Anne Jung gestaltet nicht nur den Anfang, sondern auch den Abschluss dieses Abends. Für „#threewithfour“ agiert sie sowohl als Choreografin als auch als eine von vier TänzerInnen. Was sie zeigt, ist ein Spiel der Sinne. Die zunächst nur als schwarze Schattenrisse auftretenden TänzerInnen tragen individualisierte schwarze Kostüme, deren Erotik wenig sublimiert erscheint. Ein Kampf der Geschlechter ist das aber ganz und gar nicht. Es ist vielmehr ein Testen der Möglichkeiten des Miteinanders, frei von Machtstreben und Urteilen.

Diesen Abend in seiner Gänze vorbehaltlos zu genießen, fällt nicht schwer. Wer allerdings bereits die eine oder andere Arbeit des Künstlerischen Leiters der Company Jacopo Godani erlebt hat, weiß, was das Publikum hier ganz eindeutig präsentiert bekommt: Es ist zweifelsfrei die Handschrift des Lehrers, von der ersten bis zur letzten Sekunde. Die sinnlichen Kostüme, die äußerst kreativen Lichtwechsel, die immer auch dramaturgisch wirken, der Hang zur starken Bildlichkeit, die Exaltiertheit im Bewegungsvokabular. Alles ist massiv von Godani beeinflusst. Auch das nahtlose Ineinandergreifen der einzelnen Details, die sich dann zu einer Einheit fügen, ist typisch für ihn. Angesichts der immensen Qualität der Arbeiten kann man aber über diesen Mangel an künstlerischer Eigenständigkeit nur entspannt mit den Schultern zucken. Wer sagt denn, es wäre unbedingt etwas Schlechtes, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt?

Veröffentlicht am 28.06.2019, von Rico Stehfest in Kritiken 2018/2019

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