HOMEPAGE



Berlin

KEINE EIGENE BÜHNE

"Den Tanz in Berlin deutlich stärken" - Aber wann denn nun?



Aktuelle Förderempfehlungen und Senatsentwurf für den Doppelhaushalt 2020/2021 in Berlin ernüchternd für die Kunstform Tanz – Höchste Zeit die Vereinbarung aus dem Koalitionsvertrag und die Empfehlungen des Runden Tisch Tanz umzusetzen!


  • "Der Palast" von Constanza Macras und DorkyPark Foto © Dieter Hartwig

Die Berliner Regierung hat sich in ihrem Koalitionsvertrag 2016-2021 für eine deutliche Stärkung des Tanzes ausgesprochen. Der von der Szene eingeforderte und im Jahr 2018 durchgeführte Runde Tisch Tanz (RTT) machte einmal mehr deutlich wie groß der Nachholbedarf für den Tanz innerhalb der Berliner Kulturlandschaft noch immer ist: Inklusive Staatsballett wird die gesamte Kunstsparte Tanz mit durchschnittlich 15,3 Millionen Euro pro Jahr öffentlich gefördert – dies entspricht z.B. dem Etat eines einzelnen Sprechtheaters, der Schaubühne. Der Berliner Tanz hat keine eigene Bühne, an der er verortet ist, institutionelle Förderung erhalten bisher lediglich vier Kompanien.

Es bleiben neben der Einzelprojektförderung also nur die mehrjährigen Instrumente – Basis- und Produktionsortförderung, Konzeptförderung, Spartenoffene Förderung und Festivalförderung –, um die fehlende institutionelle Verankerung wenigstens in Ansätzen aufzufangen. Mit den aktuellen Förderempfehlungen für die nächsten zwei bis vier Jahre und dem Senatsentwurf für den Doppelhaushalt 2020/2021 hätte diesem Missstand ein erstes starkes Zeichen entgegengesetzt werden können. Das Zeichen blieb jedoch aus, auch wenn punktuelle Erhöhungen zu verzeichnen sind. Die Politik muss endlich eine Antwort darauf finden, wie sie „den Tanz in Berlin stärken und die Tanzförderung in den kommenden Jahren strukturell in allen Fördersäulen ausbauen“ will (Koalitionsvertrag).

Konzept- und Basisförderung
Laut Gutachterempfehlungen zur Konzeptförderung sollen ab 2020 mit Tanzfabrik und DOCK 11 erstmals zwei Choreografische Zentren in dieses Förderprogramm aufgenommen werden. Das ist zwar erfreulich und mehr als überfällig, aber bei jeweils 400.000€ Jahresetat lässt sich kaum von Institutionalisierung sprechen. Auch wenn man die ein- und zweijährige Produktionsortförderung dreier weiterer explizit Choreografischer Arbeitsorte hinzuzählt (ada Studio, Lake Studios, Wiesenburg), ist noch nicht einmal die Million erreicht. Bei fast 2500 in Berlin ansässigen Tanzschaffenden werden fünf genuine Orte für Tanz und Choreografie mit 955.000€ jährlich gefördert – einem Sechzehntel des Etats eines einzelnen der großen Berliner Theaterhäuser. Natürlich wird der Tanz auch an spartenübergreifenden Häusern wie den Sophiensaelen, dem HAU und an teilgeförderten Spielstätten wie dem Radialsystem produziert bzw. präsentiert, zugleich aber zu einem erheblichen Teil an zahlreichen ungeförderten Orten.

Und auf Künstler*innenseite? Institutionell gefördert sind die Tanzensembles von Staatsballett, Sasha Waltz & Guests sowie mit aktuellen Aufwüchsen die cie. toula limnaios und Constanza Macras|DorkyPark. Die vier Berliner Tanzensembles können zusammen 110 Tänzer*innen im festen Arbeitsverhältnis beschäftigen. Darüber hinaus bleibt Tanzschaffenden als Schlüsselinstrument für Aufbauarbeit und Kontinuität nur die zwei- und vierjährige Basisförderung. Gerade weil der Tanz fast nicht an institutionellen Strukturen partizipiert, müsste hier ein enormes Schwergewicht liegen. Den Forderungen von 2017 folgend, hat der Runde Tisch Tanz daher auch für den Haushalt 2020/2021 substanzielle Mittelaufwüchse von knapp 1,8 Millionen allein für die Basisförderung jährlich veranschlagt. Ein solcher Mehrbedarf ist notwendig, um der hohen Anzahl förderwürdiger Künstler*innen / Kollektive gerecht zu werden, die seit vielen Jahren die Berliner Tanzlandschaft prägen und somit deren eigentliche Struktur bestimmen, und um über singuläre Projektarbeit hinaus Festigung, Ensembleaufbau und Honoraruntergrenzen zu ermöglichen. Mit den aktuellen Förderergebnissen wird für den Tanz ein Aufwuchs empfohlen, allerdings beläuft sich dieser (ca. 450.000€) auf noch nicht einmal ein Drittel der Forderung. Die Jury hatte angesichts der viel zu geringen Mittel kaum eine Handhabe. So gehen abermals viele etablierte Tanzschaffende leer aus und werden die meisten von den elf zur Förderung Empfohlenen deutlich niedrigere Fördersummen als die beantragten und für die künstlerische Produktion notwendigen Mittel erhalten. Tanzbüro/ZTB/TRB haben bereits 2017 einen durchschnittlichen Jahresbedarf von 200.000€ pro Kollektiv ermittelt und kommuniziert, die aktuellen Förderungen liegen im Schnitt bei der Hälfte!

Vierjährige Festivalförderung
Noch schlechter sieht es in der neuen vierjährigen Festivalförderung aus, mit der auf anderer Ebene wichtige strukturelle Anker für den zeitgenössischen Tanz ausgeworfen werden müssten: Unter den 26 Förderungen der vierjährigen Festivalförderung befindet sich mit der Tanznacht Berlin lediglich ein biennales Tanzfestival, der Etat entspricht weniger als 3% des bewilligten Gesamtvolumens. Während einige Sparten überproportional stark in den Förderergebnissen vertreten sind, fehlt der Tanz bis auf das im Vergleich sehr kleine Tanznacht Forum in jedem zweiten Jahr ganz. Die erschreckende Unterrepräsentation des Tanzes in dem strukturell und konzeptionell so wichtigen neuen Förderinstrument erschüttert das Vertrauen in die Kompetenz der zuständigen Jury, die die Vielfalt der Sparten in einer angemessenen Balance anteilig zu berücksichtigen und spartenoffen, unabhängig von der eigenen (künstlerischen) Verortung zu entscheiden hat. Es entsteht der bittere Eindruck, dass der Tanz stadtpolitisch in der Kulturlandschaft als nicht relevant angesehen wird: Weder das erfolgreiche Festival Alumni.Tanz.Berlin noch das internationale Festival für Zeitgenössischen Tanz und Klang SOUNDANCE erhalten Förderung. Zudem bleibt der Tanz für junges Publikum weiterhin eine Kulturlücke in der Berliner Landschaft, da auch das internationale Tanzfestival PURPLE sowie TANZKOMPLIZEN-Produktionen für junges Publikum nicht zur Förderung empfohlen wurden. Auch an dieser Stelle können im Tanz keine nachhaltigen Strukturen aufgebaut werden, wenn solche, seit mehreren Jahren erfolgreich etablierte Festivals nicht in eine 4-Jährige Förderung aufgenommen werden.


Höchste Zeit die Empfehlungen des Runden Tisch Tanz umzusetzen – beginnend mit den jetzt anstehenden Haushaltsverhandlungen!
Der Unmut in der Szene ist groß. Die Ergebnisse aus einem Jahr Runder Tisch Tanz scheinen ins Leere zu laufen. Es hätte genau jetzt ein Bekenntnis für den Tanz gebraucht, um die Ernsthaftigkeit eines solchen, von der Berliner Politik finanzierten partizipativen Prozesses zu unterstreichen. Die Vorahnung kommt auf, ein weiteres Papier für die Schublade erarbeitet zu haben. Rund 6 Millionen Euro Aufwuchs wurden im Abschlussbericht des RTT für den kommenden Doppelhaushalt gefordert – ein wesentlicher Schritt für den Stufenplan Tanz 2019-2025, an dessen Ende ein Haus für Tanz und Choreografie stehen soll. Mit dem am 18.6.2019 vorgelegten Senatsentwurf für den Doppelhaushalt 2020/2021, indem lediglich 700.000 Euro zur Umsetzung von Empfehlungen des RTT vorgesehen werden, bestätigt sich diese Befürchtung. Dies kann die Berliner Tanzszene so nicht hinnehmen. Wir fordern die Politik nachdrücklich auf, die Ergebnisse des RTT im Zuge der anstehenden Haushaltsverhandlungen ernst zu nehmen! Der Runde Tisch Tanz war keine Plattform des Wünsch-Dir-Was. Der Runde Tisch Tanz hat mit großer Expertise vieler Beteiligter am Bedarf orientierte kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen als Gesamtpaket miteinander verzahnt, die der Vielfalt und gesellschaftlichen Relevanz des Tanzes gerecht werden, darunter die Empfehlungen eines Residenzförderprogramms für Berliner Künstler*innen und eines Stipendiums für Tanz und Choreografie. Wir sprechen von einer gesamten Kunstsparte, die im 21. Jahrhundert endlich als eigenständig anerkannt werden und entsprechend in der Kulturlandschaft einer Hauptstadt verankert werden muss! 6 Millionen zusätzlich und ein eigenes Haus sind nicht anmaßend, sondern angesichts von bisher ca. 3% Tanz im Kulturhaushalt (1,4% ohne das Staatsballett) das Mindeste, was die Kulturpolitik tun sollte, um der hoch innovativen Kunstform Tanz die längst überfällige Anerkennung zu zeigen.

Veröffentlicht am 24.06.2019, von Pressetext in Homepage, Kurznachrichten 2018/19

Dieser Artikel wurde 294 mal angesehen.



Kommentare zu "Keine eigene Bühne"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    EINGEHEIZT IN NEUER MOVIMENTOS-SPIELSTÄTTE

    São Paulo Dance Company eröffnet das 17. Tanzfestival in Wolfsburg
    Veröffentlicht am 21.07.2019, von Kirsten Poetzke


    SPRUNGBRETT

    Junge Choreografen des Ballett am Theater Pforzheim
    Veröffentlicht am 14.07.2019, von Gastbeitrag


    BITTE ANSCHNALLEN UND DIE FANTASIE FLIEGEN LASSEN

    Das ARTORT-Festival des Heidelberger UnterwegsTheaters auf dem Airfield
    Veröffentlicht am 12.07.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DEUTSCHER TANZPREIS 2019: PROGRAMM TANZ-GALA STEHT FEST

    Preisverleihung Gert Weigelt 19.10. / Ehrungen Jo Parkes und Isabelle Schad 18.10.

    Die Verleihung des ebenso traditionsreichen wie auf Innovation bedachten Preises findet im Rahmen einer hochkarätigen Tanz-Gala im Aalto-Theater Essen statt.

    Veröffentlicht am 23.06.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    EINS MIT SICH

    Solos von Urs Dietrich und Susanne Linke in der Heidelberger Hebelhalle

    Veröffentlicht am 02.07.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel


    OPULENZ UND EMOTIONALE ABSCHIEDE

    Die 45. Nijinsky-Gala beim Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 02.07.2019, von Annette Bopp


    KOPFNOTE: TADELLOS

    Die Palucca Hochschule für Tanz Dresden zeigt ihre jährliche Leistungsschau

    Veröffentlicht am 04.07.2019, von Rico Stehfest


    DANKE REGINE!

    Renate Killmann erinnert an Regine Popp

    Veröffentlicht am 12.07.2019, von Gastbeitrag


    PROF. BIRGIT KEIL MIT DEM GOLDENEN EHRENFÄCHER AUSGEZEICHNET

    Doppelte Ehrung für das Staatstheater Karlsruhe

    Veröffentlicht am 04.07.2019, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP