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Recklinghausen

TANZTHEATER

Tanz bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2019



Mit fünf choreografischen Arbeiten zählt der Tanz eher zu den kleinen Sparten dieses Festivals. Das hindert ihn jedoch nicht, durch seine Qualität zu überzeugen.


  • "The Great Tamer" von Dimitris Papaioannou Foto © Julian Mommert
  • "The Great Tamer" von Dimitris Papaioannou Foto © Julian Mommert
  • "Beytna" von Omar Rajeh Foto © Caroline Minjolle
  • "Beytna" von Omar Rajeh Foto © D. Matvejev
  • "Auftaucher" von Henrietta Horn Foto © Ursula Kaufmann
  • "wilderness tender" von Stephanie Miracle Foto © Elsa Wehmeier
  • „Das Jetzt-Stück no. 11 - Massiv inspiriert in Paris“ von Gintersdorfer & Klaßen Foto © Willy Vainqueur
  • „Das Jetzt-Stück no. 11 - Massiv inspiriert in Paris“ von Gintersdorfer & Klaßen Foto © Willy Vainqueur
  • "Grand Finale" von Hofesh Shechter Foto © Rahi Rezvani
  • "Grand Finale" von Hofesh Shechter Foto © Rahi Rezvani

Fünfmal Tanz gab es bei den diesjährigen Ruhrfestspielen Recklinghausen, die erstmals unter der Intendanz von Olaf Kröck standen. Olaf Kröck, langjähriger Dramaturg am Bochumer Schauspielhaus, ist Theatermensch durch und durch, zumindest bei den Tanzveranstaltungen, die er für sein 90 Produktionen und 210 Vorstellungen umfassendes Programm auswählte. Dass Kröck so einiges anders machen wollte und machte, liegt nicht nur an dem um ca. 1 Million gekürzten Budget der Ruhrfestspiele, sondern auch an einer neuen inhaltlichen Ausrichtung: mehr Politik, mehr Vielfalt, mehr Impulse. Nicht umsonst lautete das diesjährige Motto „Poesie und Politik“.

Fünfmal Tanz ist bei 90 Produktionen nicht unbedingt viel. Für ein Theaterfestival aber durchaus keine schlechte Bilanz. Und dass sich Kröck für Körper- und Bewegungskunst interessiert, zeigt nicht zuletzt seine Auseinandersetzung mit dem Neuen Zirkus, der als eigene Rubrik seinen Platz bei den Ruhrfestspielen findet. Das Theater bleibt aber Dreh- und Angelpunkt der Programmgestaltung und so bestechen auch die ausgewählten Tanzproduktionen durch ihre theatrale Qualität.

Doch auch die Politik kommt nicht zu kurz. Und das nicht nur bei der Eröffnung der Festspiele, bei der Omar Rajeh in „Beytna“ zum gemeinsamen Essen lädt. Wenn Rajeh seine Kollegen Koen Augustijnen, Anani Sanouvi und Moonsuk Choi auf die Bühne bringt, um mit ihnen zu tanzen und zu kochen, entstehen kurze Dialoge, es werden Geschichten erzählt, es wird gelacht und geweint – wie das halt so ist, wenn man gemeinsam in der Küche steht. Verschiedene Tanztraditionen werden sichtbar, mischen sich sporadisch und werden zum individuellen Ausdrucksmittel der Tänzer. Begleitet werden sie dabei von vier Musikern, die mal Teil der Gemeinschaft werden, mal am Rand sitzen. Und an dem großen langen Tisch, der immer wieder seine Position auf der Großen Bühne des Recklinghauser Festspielhauses wechselt, steht Rajehs Mutter, dirigiert das Schneiden der Tomaten, Gurken, Kräuter und rührt in großen Töpfen. Ihre Rolle bleibt still, bis sie nach getaner Arbeit das Publikum zum Essen einlädt. Das braucht ein bisschen, bis es sich auf die Bühne traut, und genüsslich essend und redend die Ruhrfestspiele eröffnet und gleich einmal für sich in Beschlag nimmt. Genau so soll es sein, sind doch gerade diese Festspiele für das lokale Publikum gemacht.

Lokalbezug hat auch die Einladung des Folkwang Tanzstudios, das als Kompanie der Folkwang Universität der Künste in Essen seit Jahrzehnten eng mit dem Ruhrgebiet verbunden ist. In einem Doppelabend stehen mit „Auftaucher“ von Henrietta Horn und „wilderness tender“ von Stephanie Miracle zwei Stücke auf dem Programm, die Lokales mit Internationalem verbinden, haben doch beide Choreografinnen zumindest zum Teil an der Folkwang Universität studiert und tanzten im Folkwang Tanzstudio und sind doch so international vernetzt, dass ihre Einflüsse weit über Essen hinausgehen.

Eine Mischung kultureller Einflüsse, die sogar zum Thema erhoben wird, zeigt sich auch bei Gintersdorfer & Klaßen in „Das Jetzt-Stück no. 11 - Massiv inspiriert in Paris“. Gemeinsam mit Gadoukou la Star und dem Ensemble „La Fleur“ zeigen und erklären die TänzerInnen die Entstehung neuer Tanzformen zwischen Paris, dem Kongo und der Elfenbeinküste. Die Fragen nach der Entwicklung neuer kultureller Identitäten von Menschen, die sich zwischen Kulturräumen bewegen, ist sicherlich ein spannendes Thema. Zu schnell rutscht diese Performance jedoch in ein Vorführen mitreißender Rhythmen und virtuoser Tanzschritte ab. Das Publikum klatscht fleißig mit und bewundert die TänzerInnen jubelnd. So scheint die mit kritischen Tönen im Text nicht zu sparende Performance dann doch etwas zu nah an der Präsentation des Exotischen zu bleiben.

Von der Halle König Ludwig I geht es wieder zurück auf die Große Bühne des Festspielhauses. Die ist, samt Zuschauerraum, komplett in Nebel gehüllt. Irgendwo im undurchsichtigen Nichts können dunkle Blocke erspäht werden. Körper tauchen auf, verschwinden wieder, um an anderer Stelle erneut kurz aufzublitzen. Die Lichtregie ist äußerst ausgeklügelt bei diesem „Grand Finale“ von Hofesh Shechter, das einen Sog entwickelt, der nicht mehr loslässt. Die TänzerInnen füllen den Raum mit einer Energie, die sprachlos macht. Unterstützt werden sie dabei von fünf MusikerInnen. Anleihen an israelische Volkstänze sind ebenso zu finden, wie Zitate aus dem Ballett. Immerhin rekurriert Shechter mit seinem Titel auf den Höhepunkt einer klassischen Ballettaufführung mit aller zugehörigen Euphorie und Opulenz. Ansonsten bewegt sich die Choreografie in bekannten Bewegungsmustern. Aber sie ist auf jeden Fall großes Theater.

Auf diesen energetischen Ausbruch folgt mit Dimitris Papaioannous „The Great Tamer“ als letzte der Tanzvorstellungen ein hoch konzentrierter, stiller, in sich ruhender Bilderreigen. Im klassischen Sinne getanzt wird hier eigentlich nicht, und doch lässt sich kaum eine größere körperliche Präsenz kreieren. Angelehnt an Motive bekannter Gemälde erzählt Papaioannou, der sich als visueller Künstler versteht, Geschichten vom Leben, von Menschen, die auf die Welt kommen, dort ihren Platz suchen und wieder gehen. Nicht immer angenehm ist dieser Weg durch soziale Höhen und Tiefen und doch enthält er viele schöne und berührende Momente. Wie Papaioannou die Körper seiner TänzerInnen einsetzt, ist immer wieder überraschend. Skulpturale Gebilde entstehen, Körper verflechten sich ineinander und bilden Kreaturen, die irgendwo zwischen Mythologie und Science-Fiction schwanken und dabei doch so viel Menschliches behalten. Eine langsame aber kontinuierliche Spannung erzeugen diese Bilder, die farblich in einfachen hell-dunkel Kontrasten gehalten werden. Papaioannou inszeniert hier ein Körper- und Bewegungstheater auf höchstem Niveau. Nicht umsonst zählt die britische Zeitung „The Guardian“ das Stück zu den besten Choreografien des letzten Jahres.

Die Auswahl der fünf Tanzinszenierungen der Ruhrfestspiele besticht durch ihre durchweg hohe theatrale Qualität. Vielleicht sind es nicht immer die innovativsten Ansätze, die auf den Bühnen Recklinghausens zu erleben waren, doch fügen sie sich gut ein in den Kontext eines Theaterfestivals. Olaf Kröck bietet seinem Publikum einen Einblick in die Vielfalt der internationalen Tanzszene ohne seinen Fokus zu verlieren, denn dem Motto der Festspiele folgend, bewegen sich die ausgewählten Choreografien zwischen „Poesie und Politik“.

Veröffentlicht am 14.06.2019, von Anja K. Arend in Homepage, Kritiken 2018/2019

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Kommentare zu "TanzTheater"



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