HOMEPAGE



Gießen

RÜCKBLICKEND

Das TanzArt ostwest Festival 2019



Das Festival in Gießen war von atemberaubender Vielfalt. Gut 150 TänzerInnen und ChoreografInnen kamen innerhalb von zehn Tagen in die Lahn-Stadt. Vorstellungen fanden an insgesamt sechs verschiedenen Orten statt.


  • "Re-Recreator" vom Tanztheater des Staatstheaters Kassel Foto © Rolf K. Wegst
  • "Oscar" vom Tanztheater Staatstheater Braunschweig Foto © Rolf K. Wegst
  • "Bach-Ballett" des Ballett Koblenz Foto © Rolf K. Wegst
  • "Melankoli" von Barbara Gatto Foto © Rolf K. Wegst
  • "Metro_Cruise" der Tanzcompagnie Gießen Foto © Rolf K. Wegst
  • "Charm of Figure" der Shenzhen Arts Company (China) Foto © Rolf K. Wegst
  • "Respire, bien aimée, respire!" der Compagnie Irene K. (Belgien) Foto © Rolf K. Wegst

Rückblickend auf 17 Jahre TanzArt ostwest in Gießen lässt sich konstatieren, dass die freien Gruppen professioneller und die Theaterensembles ideenreicher geworden sind. Beide haben offensichtlich voneinander profitiert, auch tragen diverse Leitungswechsel an den Theatern zum frischen Wind bei.

Die site-specific-Performances stießen auf große Resonanz, fanden sie doch an außergewöhnlichen Orten statt. Im Hangar des Johanniter-Luftrettungszentrums berauschten die Aussicht und die Choreografie von Lucyna Zwolinska. In der Tiefgarage des Rathauses ging es experimentell zu, mit vier Gruppenstücken der Hessischen Theaterakademie Frankfurt. Im Innenhof des Alten Schlosses bot Mechtild Hobl-Friedrich Lyrik von Frauen, zu Musik von Frauen, sensibel umtanzt von TCG-Mitglied Adriana Dornio. Zum vierten Mal war das Uniklinikum Gießen Kooperationspartner, vermittelt durch die Kunstbeauftragte Dr. Susanne Ließegang. Hier zeigten der erfahrene Tänzer, Choreograf und Trainingsleiter Paolo Fossa mit der Schauspielerin Esra Schreier vom Stadttheater Gießen einen intensiv berührenden Tanzparcours.

Der Bühnentanz auf der taT-Studiobühne war von Freitag bis Sonntag mit zahlreichen Gruppen aus der freien Szene und von Ausbildungszentren gefüllt. Dazu kamen die Produktionen der Tanzcompagnie Gießen (TCG): „Metropolis“ von Tarek Assam und die „Carmen“-Premiere von Ivan Strelkin. Am Sonntag fand die große Tanz-Gala vor ausverkauftem Haus statt.

Die weiteste Reise hatten wieder die Austauschpartner der Tanzcompagnie Gießen (TCG) aus Shenzhen in Südchina gemacht. Kleine, dynamische Soli zeigte Tanzprofessor Chen Jun, eines begleitet vom Flötisten Li Fanmo. Drei Tanzhochschulen waren mit quirligen Gruppenproduktionen dabei: Die Dance Academy Ljubljana (Slovenien), das Bohemia Ballet Prag (Tschechien) und die Zürcher Hochschule, mit der die TCG ebenfalls in Austausch steht.

Mit Naturverbundenheit und exotischem Touch beeindruckte die in den Niederlanden lebende, aus Neuseeland stammende Isabelle Nelson. Sie verwendete Elemente eines rituellen Maori-Tanzes. Bei der fünfköpfigen Revolution Dance Company (Italien) kam zum Weltmix-Sound noch Kritik an unserer Konsumgesellschaft dazu. Auch das Duett der Compañia Otra Danza (Spanien) widmete sich dem ewigen Kreislauf der Natur.

Das außergewöhnlichste Pas-de-Deux kam aus Italien. "Melankoli" von der Choreografin Barbara Gatto nutzte den extremen Größenunterschied des Paares, das anschmiegsam und zugleich filigran tanzte. Irene Kalbusch aus Eupen (Belgien) brachte diesmal ein Stück aus einer Trilogie mit, die sich mit der industriellen Vergangenheit der Region befasst. Der live auftretende Sänger Guillermo Horta betörte mit Kopfstimme und körperlich-mimischer Präsenz. Magisch auf andere Art war auch das Solo "Pagliacci", das Tiago Manquinho mit der Tänzerin Cecilia Castellari als traurigem Clown einstudierte. Auch das elegische Solo, das Paul Julius mit Sayaka Hirano erarbeitet hat, war von besonderer Qualität.

Die Gala brachte eine gute Mischung aus Neoklassik und Contemporary, die Beiträge reichten von Soli bis zu diversen Gruppengrößen, von tiefschürfend-ernst bis zu heiter-leicht. Aus Chemnitz waren sie gleich zu acht gekommen und zeigten mit "Unleash" ein eindringliches Vier-Paare-Stück (Katarzyna Kozielska) zum Kampf zwischen Abhängigkeit und Freiheitsstreben des Individuums. Die männliche Vierergruppe aus Koblenz erfreute mit einer witzig vertanzten Bachkomposition (Steffen Fuchs). Aus Kassel kam wieder der ungewöhnlichste Beitrag (Johannes Wieland): die Körper der Vier führten ein nicht kontrollierbares Eigenleben, angetrieben von lautem E-Gitarren-Sound.

Ebenfalls weite Anreisen hatten das Duo von der Oper Breslau, das ein sinnliches Duett zu Chopin tanzte (Anna Hop) und das Trio aus Bordeaux, das Schwermütiges zur Grenze zwischen Tod und Leben zeigte (Pascal Touzeau). Während ein Duett so natürlich wie der Alltag daherkam (Hans Henning Paar, Münster), war ein anderes voll stilisierter Aggressivität (Guido Markowitz, Pforzheim).

Die Solisten des Abends waren auch Kreateure ihrer Stücke: Joshua Haines (Braunschweig) wurde im wurmähnlichen Ganzkörperanzug von Stimmgeräuschen bewegt und Nina Plantefeve-Castryck (Belgien), aktuelle Preisträgerin des Internationalen SoloTanz-Theater Festivals Stuttgart, schien von Licht-und Soundwechseln hin- und hergerissen zu werden; stellvertretend für innere Kämpfe. Die Tanzcompagnie Gießen zeigte aus Metropolis die Zukunftsvision vergeistigter Körper und eine Dreier-Szene (Laura Avila, Michael d'Ambrosio, Sven Krautwurst), die ohne das Bühnenbild die Kunstfertigkeit der Bewegungen voll zur Geltung kommen ließ. Weitere Gäste kamen aus Bern, Dresden und Trier.

Damit ist der Austauschreigen der TanzArt ostwest eröffnet, noch in dieser Woche geht es weiter in Eupen und Koblenz. Und 2020 wird es wieder ein Europe-China-Festival in Shenzhen geben, künstlerischer Leiter ist Tarek Assam.

Veröffentlicht am 11.06.2019, von Dagmar Klein in Homepage, Gallery, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 665 mal angesehen.



Kommentare zu "Rückblickend"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    GALA WIEDER EIN RAUSCHENDES TANZFEST

    TanzArt ostwest in Gießen

    Zum 15. Mal fand in Gießen das TanzArt ostwest Festival statt. Ballettdirektor Tarek Assam hatte es bei seinem Start in der Lahn-Stadt mitgebracht und es kontinuierlich ausgebaut. Die Strukturen haben sich entwickelt und gefestigt.

    Veröffentlicht am 22.05.2018, von Dagmar Klein


    TANZ IM TREPPENHAUS

    Das Festival TanzArt ostwest 2018 in Gießen

    Das Site-Specific-Projekt "CLOSE_INSIGHT" von Tiago Manquinho mit der Tanzcompagnie Gießen zu Musik von John Cage.

    Veröffentlicht am 13.05.2018, von Dagmar Klein


    EIN ALTER BEKANNTER IN NEUEM STÜCK

    Pick bloggt über Klaus Kinskis Stimme in Massimo Gerardis „Seid was ihr wollt“ und was ihm sonst noch aufgefallen ist bei TanzArt ostwest in Gießen

    Selbst erlebt hat er ihn vor vielen Jahren und so bringt die neue Begegnung mit Klaus Kinskis Rezitationen auch alte Erinnerungen hervor.

    Veröffentlicht am 09.06.2017, von Günter Pick


    EIN RUF NACH FREIHEIT

    „Minorities“ von Yang Zhen bei TanzArt ostwest in Gießen

    An der Universität der ethnischen Minderheiten Chinas erlebte Yang Zhen „das propagierte harmonische Zusammenleben verschiedener ethnischer Gruppen“ ganz direkt und kreierte aus dieser Erfahrung sein neues Stück.

    Veröffentlicht am 07.06.2017, von Dagmar Klein


    MOVEMENT NEVER LIES

    TanzArt ostwest 2017 in Gießen

    Das Austauschfestival zeigt sich international und vielfältig.

    Veröffentlicht am 06.06.2017, von Dagmar Klein


    TANZART OSTWEST IN GIEßEN ERÖFFNET

    Tanzcompagnie Gießen zeigt „Schlaflabor - InPatients Suite“ von Marcos Marco und „Seid was ihr wollt“ von Massimo Gerardi

    Mit Atmosphäre - einmal räumlich, einmal sprachlich - spielen die diesjährigen Gastchoreografen Marcos Marco und Massimo Gerardi.

    Veröffentlicht am 02.06.2017, von Dagmar Klein


    EINE KLEINE REVOLUTION

    Kooperation zwischen "TanzArt ostwest" und der Shenzhen Arts School

    Seit 2012 steht Tarek Assam als Leiter der "TanzArt ostwest" in regelmäßigem Austausch mit verschiedenen Städten und Tanzkompanien in China. Nun will er mit der Arts School in Shenzhen einen Lehrplan für zeitgenössischen Tanz erarbeiten.

    Veröffentlicht am 31.01.2017, von Dagmar Klein


    BEGEGNUNG DER TANZFORMEN

    Kooperation zwischen "TanzArt ostwest" und der Shenzhen Arts School

    Tillmann Becker war als erster Tanzpädagoge im Oktober an der Shenzhen Arts School. Seine Gruppe bestand aus Teilnehmern, die bereits in Gießen waren, also eine Ahnung von tänzerischer Improvisation hatten.

    Veröffentlicht am 31.01.2017, von Dagmar Klein


    TANZART OSTWEST IN GIEßEN ÜBERTRIFFT ALLES BISHERIGE

    Low Budget Tanzfestival zeigt enorme Spannweite des Bühnentanzes

    Das einwöchige Festival fand mit einer kontrastreichen und beeindruckenden Gala seinen Abschluss.

    Veröffentlicht am 17.05.2016, von Dagmar Klein


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    DAS WAR’S

    Rückblick auf die Tanzwerkstatt Europa 2019 in München
    Veröffentlicht am 15.08.2019, von Vesna Mlakar


    SPEKTAKULÄR UND POLITISCH

    (La)Horde mit „Marry Me In Bassiani“ in der Kampnagelfabrik
    Veröffentlicht am 10.08.2019, von Annette Bopp


    GRENZEN DES MENSCHLICHEN KÖRPERS

    Die Eröffnung der Tanzwerkstatt Europa 2019 in München
    Veröffentlicht am 03.08.2019, von Gastbeitrag



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    GEOMETRISCHES BALLETT

    Hommage á Oskar Schlemmer von Ursula Sax (DE)

    Das Dresdner Ensemble bringt am 6./7.September 2019 in der Choreografie von Katja Erfurth das „Geometrische Ballett“ der Bildhauerin Ursula Sax als szenische Wiederaneignung mit Live-Musik im radialsystem Berlin zur Uraufführung.

    Veröffentlicht am 05.08.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal

    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    DAS WAR’S

    Rückblick auf die Tanzwerkstatt Europa 2019 in München

    Veröffentlicht am 15.08.2019, von Vesna Mlakar


    ZU EHREN TERPSICHORES

    "Terpsichore-Gala I" im Nationaltheater zum 10jährigen Bestehen des Bayerischen Staatsballetts

    Veröffentlicht am 09.10.1999, von Katja Schneider


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp



    BEI UNS IM SHOP