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Mainz

FREI SEIN? BESSER GANZ VORSICHTIG

Guy Weizman und Roni Haver loten in ihrem Tanzabend die „Freiheit“ aus



Freiheit, so das unübersehbare Statement des israelischen Choreografen-Duos wird überschätzt – anders ausgedrückt: durch eine rosarote Brille gesehen. Und so sind beim neuen Mainzer Tanzabend Bühne und Kostüme in konsequentes Pink getaucht.


  • Guy Weizmann und Roni Haver loten in ihrem Tanzabend die „Freiheit“ aus: Daria Hlinkina Foto © Andreas Etter
  • Guy Weizmann und Roni Haver loten in ihrem Tanzabend die „Freiheit“ aus: John Wannehag, Matti Tauru, Eliana Stragapede, Cornelius Mickel, Nora Monsecour, Louis Thuriot, Daria Hlinkina, Maasa Sakano Foto © Andreas Etter
  • Guy Weizmann und Roni Haver loten in ihrem Tanzabend die „Freiheit“ aus: Matti Tauru, Nora Monsecour, Daria Hlinkina, Eliana Stragapede, Louis Thuriot, John Wannehag, Cornelius Mickel Foto © Andreas Etter
  • Guy Weizmann und Roni Haver loten in ihrem Tanzabend die „Freiheit“ aus: Cornelius Mickel und Eliana Stragapede Foto © Andreas Etter
  • Guy Weizmann und Roni Haver loten in ihrem Tanzabend die „Freiheit“ aus: Eliana Stragapede, Matti Tauru, Maasa Sakano, Daria Hlinkina, John Wannehag, Nora Monsecour, Cornelius Mickel, Louis Thuriot Foto © Andreas Etter

Freiheit, so das unübersehbare Statement des israelischen Choreografen-Duos Guy Weizmann und Roni Haver, wird überschätzt – anders ausgedrückt: durch eine rosarote Brille gesehen. Und so sind beim neuen Mainzer Tanzabend „Freiheit“ Bühne und Kostüme in konsequentes Pink getaucht. Die Hauschoreografen von tanzmainz, denen Tanzdirektor Honne Dohrmann schon seit längerem die Treue hält, haben ein deutlich distanziertes, manchmal ironisches Verhältnis zum vielgepriesenen Ideal. In ihrer Gemeinschaftschoreografie loten sie mit Witz und in atemberaubendem Tempo aktuelle Spielräume für individuelle Freiheit aus. Und weil die beiden Israelis zwar zusammenarbeiten, aber eben doch ihre individuellen Handschriften pflegen, gibt es achtzehn wechselnde Kurzszenen mit herausfordernden stilistischen Brüchen. Exakt drei Minuten und 20 Sekunden lang widmet sich jede Szene einem anderen Aspekt – eine Tour de Force für die acht beteiligten TänzerInnen des Ensembles.

Am Anfang ist Harmonie, untermalt von betörenden Barock-Klängen (Händel). Eine Tänzerin lotet ihre weibliche Individualität aus, beobachtet von der Gruppe in hippen Unisex-Lederkleidchen. Plötzlich gibt es elektronisches Störfeuer (Hugo Murales Murguia); das akustische Krachen fährt den TänzerInnen direkt in die Glieder und hält sie mit Zappeln und Gliederschütteln unter Strom. Elegant geschwungene Metallgitter, die sich bei Bedarf heben und senken lassen, fungieren als variable Käfige (Bühne: Ascon de Nijs). Während die TänzerInnen ihre persönliche Selbstoptimierung augenfällig demonstrieren, gelegentlich auch lautstark verkünden, wappnen sie sich mit immer mehr aberwitziger Schutzkleidung gegen gefühlte Bedrohungen (Kostüme: MAISON the FAUX). Individuelle Freiheit scheint ein flüchtiges, gefährdetes Gut zu sein, anfällig für Klischees und politische Infiltration.

Freiheit, die Freiheitsgegner auszurotten – existentialistische Debatten lassen grüßen – das Recht, sich nackt auszuziehen oder sich dem zu explizit zu verweigern, sexuelle Selbstbestimmung, Wahl der Peer-Group oder Wahl zur Schönheitskönigin… Ein wildes Feuerwerk an Behauptungen und Bildern lässt immer mehr leise Zweifel an der aktuellen Funktionstüchtigkeit des Freiheits-Ideals aufkommen. Guy Weizman und Roni Haver schlagen eine pragmatische Lösung vor: ein bisschen Individualität aufzugeben, um sich mit der Gemeinschaft zu verbinden.

Und so gehen die TänzerInnen, Händel sei Dank, am Ende auf vorsichtigen Kuschelkurs - jeder mit seiner persönlichen Schutzzone im Gepäck. Imkerausrüstung, Eishockeyhelm, am Körper befestigter Sicherheitssitz, Schwimmweste, Schulterpanzer, Rettungsring, oder gar gleich auf den Rücken geschnallte Fluchttür: Freiheit wovon oder wozu relativiert sich hier zum Ausloten der eigenen psychischen Komfortzone. Gemeinsam geht es, mit aller gebotenen Vorsicht, vielleicht doch besser.

Sechzig Minuten Tanz, fünfzehn Minuten Standing Ovations. Mainz hat ein neues Tanztheater- Kultstück.

Veröffentlicht am 10.06.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2018/2019

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Kommentare zu "Frei sein? Besser ganz vorsichtig"



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