KRITIKEN 2018/2019



Gießen

VON NATUR AUS

"Do You Contemporary Dance? Do You?" bei der TanzArt ostwest in Gießen



Was ist Zeitgenössischer Tanz? Was ist heute relevant? Wozu noch Tanz? Die Tänzerin, Regisseurin und Choreografin Susanna Curtis hat Antworten gesucht und dafür lange und gründlich recherchiert. Davon erzählt sie in ihrem neuen Solostück.


  • Tanztheater von Susanna Curtis bei der TanzArt ostwest in Gießen Foto © Rolf K. Wegst
  • Tanztheater von Susanna Curtis bei der TanzArt ostwest in Gießen Foto © Rolf K. Wegst
  • Tanztheater von Susanna Curtis bei der TanzArt ostwest in Gießen Foto © Rolf K. Wegst
  • Tanztheater von Susanna Curtis bei der TanzArt ostwest in Gießen Foto © Rolf K. Wegst
  • Tanztheater von Susanna Curtis bei der TanzArt ostwest in Gießen Foto © Rolf K. Wegst

Was ist Zeitgenössischer Tanz? Was ist heute relevant? Wozu noch Tanz? Die Tänzerin, Regisseurin und Choreografin Susanna Curtis hat Antworten gesucht und dafür lange und gründlich recherchiert. Davon erzählt sie in ihrem neuen Solostück "Do You Contemporary Dance? Do You?" in sieben Kapiteln. Wortreich und pantomimisch, ernsthaft und humorvoll, filmisch und natürlich tanzend.

Sie hat PassantInnen in ihrem Wohnort Nürnberg interviewt, sie hat gut 80 Tanzstücke angesehen, KollegInnen befragt, und unendlich viel gelesen. Daraus ist ein facettenreiches 75 Minuten-Stück geworden, das anzuschauen unbedingt empfehlenswert ist. Eine ebenso charmante wie kenntnisreiche Lehrstunde für Tanzprofis und Laien.

Curtis hält Zwiesprache mit der Stimme ihres Co-Regisseurs Jürgen (Heimüller), der sie immer wieder auf ihre Ursprungsfrage zurücklenkt. Die Brille aufgesetzt und schon ist sie die Expertin, die zunächst mal die Worte zeitgenössisch und contemporary analysiert. Die Entwicklung des Bühnentanzes demonstriert sie dann mit Clownsnase und einfachen, aber typischen Schrittfolgen. Eine höchst amüsante Umsetzung, denn als Hilfsmittel reichen ihr der Mikrofonständer und das lange Mikrofonkabel. Am Ende der (Kabel-)Umwicklungen steht die Erkenntnis: alles ist möglich. Und schon taucht die nächste Frage auf: bedeutet das, man muss sich an keine Regeln halten?

Einen bestimmten Tanzschritt verfolgt sie durch verschiedenste Inszenierungen: den Pivot. Sie erinnert sich an den eigenen Ballettunterricht in London und entdeckt den Schritt zu ihrer Überraschung auch in ihrem Alltag. Vor allem aber beim berühmten "Boléro" von Maurice Béjart. Wieder was gelernt: Man muss nicht alles neu erfinden, man kann altes nehmen und neu interpretieren. Das erleichtert enorm. Jetzt kann's losgehen mit dem Choreografieren. Doch halt, es fehlt das Licht, nein, das Licht-Design, ohne das geht's beim zeitgenössischen Tanz nicht. Auftritt Curtis als Techniker: mit Kappe und Kaugummi kauend, verschiedene Lichteinstellungen im nuscheligen Technikerjargon ausprobierend. Eine herrliche Persiflage.

Und dann folgt die nackte Wahrheit. Gehen manche nicht in Tanzvorstellungen, um junge, gut trainierte Körper halbnackt zu sehen? Was macht sie dann dort mit ihren 55 Jahren? Sie reflektiert darüber in Unterwäsche. Darauf folgt eine lyrische Filmsequenz mit Nahaufnahmen von Hautpartien. Und dann schreitet ihr nackter Körper diagonal durch den Raum - in einer Ruhe und Selbstverständlichkeit, die atemberaubend ist.

Nächster Auftritt im HipHop-Style zu entsprechender Musik. Auch das legt sie mit perfektem Groove hin, dieser Style ist demnach nicht der Jugend vorbehalten. Als elegante Dame im schwarzen Abendkleid beendet sie die Show mit Gedanken und Zitaten über den Zustand unserer Welt und was davon die ZuschauerInnen und den Tanz bewegt. Auch plädiert sie dafür, wieder Geschichten im Tanz zu erzählen. Ein schöner Satz bleibt hängen: Wir sind alle von Natur aus Tänzer, darum schauen wir so gern Tanz an.

Veröffentlicht am 10.06.2019, von Dagmar Klein in Kritiken 2018/2019

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