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Zum Tanzkongress 2019



Dafür dass hier der große Tanzkongress stattfindet, wirkt der Festspielhausaufgang seltsam leer am späten Vormittag. Doch am Abend dann sitzt viel Kongressvolk auf den Stufen, ist aber still und schaut einem Auto auf dem Platz zu.


  • Tanzkongress 2019 Foto © Blog-Team tanznetz

„Am Festspielhaus“ heißt die Bushaltestelle. Also steige ich, vom Stadtteil Klotzsche kommend, hier aus. Und da ist nichts. Wiesen, Alleenbäumenachwuchs, eine schiefe Betonteilemauer, etwas Ruine, ein toter Hase, der Duft nach Blumen. Immerhin. Weiter weg, zwischen Baumwipfeln im Hintergrund klemmt der Festspielhausgiebel. Ist also doch kein Witz. Eine Art Trampelpfad führt zum Gelände, nein: zu den Häusern nebenan, deshalb: „am“. Als ich um kurz vor Mitternacht an der Haltestelle wieder anlande, brandet Gebrüll durchs Gebüsch. Vielleicht ist das die Performance namens Tabu oder der Rundgang durchs spirituelle Hellerau. Dann ist wieder Stille. Ein Auto. Noch eins.

Geisterbahn
Dafür dass hier der große Tanzkongress stattfindet, wirkt der Festspielhausaufgang seltsam leer am späten Vormittag. Doch am Abend dann sitzt viel Kongressvolk auf den Stufen, ist aber still und schaut einem Auto auf dem Platz zu, den vermutlich ein-zwei Personen darin, plus Mikroports, also einer Performance. Ein Satz mit „Intimität“ ist gerade noch zu verstehen. Sie ist eines der Themen, die hier gepflegt und auch besprochen werden. Also Nähe, Dabeisein, Miteinandersein und –tun. Zu „intim“, als „hautnah“ passt wohl die öffentliche Tätowier-Session, die zwischendurch auf einem Treppenabsatz summt. Oder die Minisauna, die im Garten hinterm Festspielhaus parkt, denn sie ist ein altes Feuerwehrauto. Oder die lustigen Boxkämpfchen, die im Kreis johlender Mittrainierender und bedroht von tumber Musik für Aufregung im Park sorgt. Die Tischtennisplatte mit herumlaufenden Spielerinnen ist daneben etwas profaner. Spaß haben die auch. Überhaupt: Begeisterung.

Ein Besucher ist begeistert von dem Yoga am ziemlich frühen Morgen. Das tue er sonst nie, und das tat so gut. Ein Bekannter berichtet begeistert von einer bewegten Tanzgeschichtslektion zu Dalcroze, einer Lehrstunde zum Mitmachen, gut verdichtet, einsichtig und mit Humor (denn sie war von Hermann Heisig). Eine Kollegin war begeistert von einer Lecture über Clubs und Drogen, sehr informativ. Eine Choreografin war begeistert von der Zeit, bevor und mit der der Kongress begann, am Mittwoch, als die TeilnehmerInnen allmählich eintrudelten und der Kongress als solcher erst am Entstehen war. Der PR-Kollege berichtet begeistert von den Salons, die im Vorfeld des Kongresses abgehalten wurden in mehreren Ländern und dass sie fortgeführt werden sollen und dass Dokus darüber jetzt gerade online gestellt wurden. Eine ältere Dresdnerin war begeistert von der Musik, die am ersten Abend zum Tanz aller aufgelegt wurde. Alle sind begeistert von dem guten Essen, vegan und fein angerichtet. Und ohne Murren helfen alle mit beim Spülen und Speisenauftragen (nach ausgeklügelter Gruppenordnung).

Von hinten, vom Garten aus, sieht das Event nach Open-Air-Konzert aus, Picknick und Workshopfestival. „How is your time“, fragt ein Tänzer nach seinem Minisolo nur für mich vorm Haupteingang (Teil von Xavier Le Roys „still untitled“-Projekt). Ja, die Zeit. Die Zeiten. Meine Zeit. Unsere. Vom Geben und vom Nehmen. Ein kurzes Gespräch mit der Sonne im Gesicht. Eine Nähe von Gedanken. Die Zeit, tatsächlich, läuft hier unerwartet unkongresshaft. Denn kein hektisches Gerenne zwischen Veranstaltungen entsteht. Ein Rein und Raus im Schnuppermodus ist ausdrücklich auch nicht gewünscht. Sondern Anmeldungen zu den meisten Seminaren/Workshops waren nötig. Türen bleiben zu. Aber einige lassen sich dann doch auch öffnen.

Formen
Gerade die zum Großen Saal. Dort wird im Kreis, in zwei Kreisen, in Bögen, an Linie gesprochen, beim Sitzen an den beweglichen und genial kombinierbaren Tischen; manchmal liegen, stehen oder gehen die Redenden oben drauf. Einige ZuhörerInnen mögen lieber auf Distanz irgendwo anders im Raum hocken. Lehnen. Sich dehnen. Die Themen, die hier aufgefaltet werden, sind schwieriger zu fassen als das Arrangement im Raum. Sie wiegen schwer (mehr dazu vielleicht morgen).

An einem der Tische, die gerade umgeräumt werden, treffe ich Gerda König, Choreografin aus Köln, im Rollstuhl. Sie ist verärgert. Ein Kongress, ein solcher Tanzkongress, der sich so überhaupt nicht um Barrierefreiheit kümmert, „das kann nicht sein!“. Darf nicht sein, dass dafür „neben“ dem Postkolonialismus und dem Queertum, die mit großem Engagement besprochen werden, kein Platz ist.

Stimmen
Von was ich begeistert war heute? Von dem Lied einer Spanierin, die nach dem Abendessen auf dem Tisch stand und mit ihren Sätzen in hohen Tönen und den Pausen den Festsaal füllte. Als hülle der Klang den Bau von innen ein. Komplett. Sowas hat der wahrscheinlich noch nie gehört; der war überrascht, überrumpelt, innerrumpelt. Ein Moment großer Kunst und großer Menschlichkeit.

Ein Fragezeichen noch in die stille Nacht gesetzt: Der Tanzkongress als einer, der sich von den TänzerInnen aus denkt, hat sich vom Tanz, wie unsereins ihm ganz schnöde, aber gern auf Bühnen begegnet, frei gemacht. Geht es also umso mehr um all die „Ichs“ oder/und um das Davor und Dahinter und Drumherum, die Kontexte, die „Institutionen“ und „Systeme“, „Macht“ und „Wettbewerb“, um Geld, wie gehört; und wenn ja, mit welcher Konsequenz?

Veröffentlicht am 08.06.2019, von Melanie Suchy in Homepage, Gallery, Blogs

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