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Wien

TRIAS DES LEBENS

Romeo Castelluccis "La vita nuova" bei den Festwochen 2019 in Wien



Die Geschwister Castellucci schaffen eine Welt voll spiritueller Hoffnungsträger, die im vermeintlich Gebrauchslosen, im Überschuss und Abfall, im Schrott der Zivilisation eine neue Welt für sich auszumachen vermögen.


  • Romeo Castelluccis "La vita nuova" bei den Festwochen 2019 in Wien Foto © Stephan Glagla
  • Romeo Castelluccis "La vita nuova" bei den Festwochen 2019 in Wien Foto © Stephan Glagla
  • Romeo Castelluccis "La vita nuova" bei den Festwochen 2019 in Wien Foto © Stephan Glagla

In drei Reihen erstrecken sich die weiß überdeckten Dächer der Automobile, während das Publikum für Romeo Castelluccis neuestes Werk bei den Wiener Festwochen langsam den Raum um den Eingang der Gösserhalle füllt. Ohne Bestuhlung geht so aus dem Eindringen der Kunstsuchenden das Bild einer zur Messfeier erschienenen Gemeinde hervor, welches mit den darauffolgenden rituellen Vorgängen der fünf Performer auch seine Bestätigung finden wird.

Castellucci inszeniert nämlich in den folgenden 50 Minuten eine schier endlos erscheinende ikonografische Bildabfolge, deren archaischer Rahmen sich zu sämtlichen spirituellen und spezifisch religiösen Assoziationshorizonten öffnen lässt. Die Hauptakteure sind dabei nicht nur ein Mercedes und ein Audi, die auf Dach und Seitenflügel gestürzt und gedreht werden, sondern Sedrick Amisi Matala, Abdoulay Djire, Siegfried Eyidi Dikongo, Olivier Kalambayi Mutshita und Mbaye Thiongane, deren imposantes körperliches Auftreten durch ihre weißen Messgewänder und den Gang mit hochhackigen Schuhen noch verstärkt wird. In einem von Andacht getragenen Gestus kreuzen diese Hohepriester mit Hirtenstab durch das Spalier von Automobilsilhouetten, präsentieren Kultgegenstände in rituellen Choreografien und durchschreiten in einem Moment auch die Zuschauerreihen mit diesem gewissen Gang von Verkündern, die einer anderen Weltlichkeit zu dienen scheinen.

Die fünf Botschafter dieser neuen Welt führen inzwischen eine Trias des Lebens vor: auf der maschinellen Unterseite, dem nachtschwarzen Unterboden eines dieser Kraftfahrzeuge, lassen sie das Publikum die absoluten Gegensätze von Büste und Totenschädel – von der die Zeit überdauernden, ästhetischen Form und dem Stillstand des körperlichen Lebens – im Bild des unlösbar Vergänglichen erblicken: einem Netz frischer Orangen. Diese Orangen empfängt jeder Einzelne der Bruderschaft dann im Sinne einer Kommunion, nur um die Hingabe dieser Früchte und ihres Inhaltes schließlich durch das maschinelle Überrollen des Autorades in Erscheinung zu bringen.

Nach all den rein körperlich getragenen Szenen, die einzig durch eine Klang- und Geräuschkulisse von Hall, dumpfem Glockenschall und Vogelgezwitscher untermalt werden, tritt schließlich einer dieser performativen Kongregationsmitglieder als Rezitator pseudo-liturgischer Inhalte auf. Diese Verkündung trägt jedoch keinen testamentarischen Charakter, sondern vielmehr erhascht man Anklänge von den darüber hinaus entwickelten Sprachen Dantes und Nietzsches. Auch die rezitative Intonierung erhebt sich in keiner flammenden Predigt; sonor und tragend folgen die Worte und umtönen die Größe der prophetenhaften körperlichen Gestikulation.
Die Zeilen von Claudia Castelluccis Text sprechen derweil von der Unfreiheit des menschlichen Lebens und der vermeintlichen Herrschaft des Bewusstseins über den Körper. Es folgt ein Aufruf zu einem neuen Materialismus, einem Vertrauen gegenüber den Antriebsmotoren angewandter Praktiken und einem Misstrauen gegenüber den reproduzierenden Diskursen eines vermeintlich freien Denkens. Es werden die Terminologie des Handwerkers und des Künstlers gegeneinander ausgespielt und die Gegenüberstellung von Dekor und Nutzen, Ornament und Fundament ist bald keine entscheidbare Frage mehr. Schon ist man somit wieder bei einer Umwertung aller Werte. Die Einsamkeit des Einzelnen, die Ignoranz gegenüber dem Gebrauchsgegenstand und die bis dato heilige freie Kunst werden wie bei den drei Wandlungen des Zarathustra-Autors auch bei dem Machwerk der Geschwister Castellucci überwunden und abgeworfen.

Die Metaphorik des "aus sich rollenden Rades" lässt sich dann zuletzt auch bei "La vita nuova" im letzten szenischen Bild lesen, bei dem die sich leerlaufenden Räder des auf dem Dach liegenden Audis wie folgt von Claudia Castelluccis Versen begleitet werden: "Die in die Luft ragenden Räder sind die himmlischen Pfade, auf die irdische Objekte gerichtet sind." So wie zu Beginn einer der Darsteller im Arbeitsoverall noch Reifen stapelt, um dann von seinen Gefährten in das entsprechende liturgische Gewand gekleidet zu werden, so lässt sich auch die sprachliche Aufforderung zu einer neuen Weltordnung, die Wandlung vom Unfreien zum Grenzenlosen lesen. Claudia und Romeo Castellucci schaffen somit eine Welt voll spiritueller Hoffnungsträger, die im vermeintlich Gebrauchslosen, im Überschuss und Abfall, im Schrott der Zivilisation eine neue Welt für sich auszumachen vermögen. Um es abschließend mit den Worten des Prinzen Vogelfrei zu sagen: "Seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene."

Veröffentlicht am 03.06.2019, von Christian Keller in Homepage, Kritiken 2018/2019

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