KRITIKEN 2018/2019



Leipzig

PUPPENTANZ IN DER WIRKLICHKEITS-FATA-MORGANA

"You Happy Puppet" von Niv Sheinfeld und Oren Laor



Vom 21. bis 26. Mai zeigte das diesjährige Off-Europa-Festival in Dresden, Chemnitz und vor allem Leipzig Theater und Tanz aus Israel. Den Anfang machte "You Happy Puppet", eine Choreografie von Niv Sheinfeld und Oren Laor.


  • "You Happy Puppet" von Niv Sheinfeld und Oren Laor Foto © Gili Reich
  • "You Happy Puppet" von Niv Sheinfeld und Oren Laor Foto © Efrat Mazor
  • "You Happy Puppet" von Niv Sheinfeld und Oren Laor Foto © Efrat Mazor
  • "You Happy Puppet" von Niv Sheinfeld und Oren Laor Foto © Efrat Mazor
  • "You Happy Puppet" von Niv Sheinfeld und Oren Laor Foto © Gili Reich
  • "You Happy Puppet" von Niv Sheinfeld und Oren Laor Foto © Barak Aharon

Explizit politisch würde es beginnen, das diesjährige, mit "Mapping Israel" überschriebene Off-Europa-Festival. So verkündete es an dessen Eröffnungsabend Festivalleiter und Kurator Knut Geißler in einer kleinen Begrüßungsrede im gut besuchten Leipziger Lofft. Kurz bevor dann in "You Happy Puppet" die Puppen tanzten.

Ganz klar: Für eine künstlerische Vermessung des Gastlandes Israel wie auch für die seit je sehr eigene künstlerische Kartographie des Off-Europa-Festivals ist diese Inszenierung ein optimaler Anfangspunkt. Ein Stück, reizvoll eigen. Eine choreografische Komposition des Improvisierten, des (scheinbar) Unfertigen, das, in eine spielerisch schräg taumelnde Harmonie gebracht, wie ein Schein-Provisorium wirkt. Freilich eins, auf auch tanztechnisch hohem Level.

"You Happy Puppet" ist eine Parodie, der es todernst ist. Eine Polemik, der die Tragik nicht fehlt. Zu sehen sind eine Tänzerin (Yael Sofer) und zwei Tänzer (Tomer Giat und Tomer Pistiner) auf einer von blauem Neonlicht umgrenzten Bühnenfläche. Ein Setting maximaler Nüchternheit, das gekonnt die (fast) zu glaubende Suggestion einer Probensituation hervorruft. Was sich maßgeblich auch Niv Sheinfeld und Oren Laor verdankt. Beide sind für die Konzeption und Choreografie von "You Happy Puppet" verantwortlich und beide sitzen sie wie die Autoritäten des Geschehens am Bühnenrand, sind die souveränen Strippenzieher, die die Menschen-Puppen tanzen lassen.

Nur sehen diese Puppen dabei zunehmend weniger happy aus. Zumal Pistiner erweckt bald den Eindruck eines Norman Bates in der Karaoke-Bar, wenn er wieder und wieder und ansteigend psychotisch den Gesang zu "The Sea of Love", dem Hit der 80er-Jahre-All-Star-Retorte The Honeydrippers, anstimmen muss. So wie sich auch wieder und wieder Tanzfiguren formieren, denen Sheinfeld/Laor den letzten Schliff oder auch die korrekte Bewegungsrichtung zu geben versuchen.

Die nun darf vor allem eins nicht: Arabisch aussehen. Das geht gar nicht. Nie! Und wo die Forderung, man möge während des Tanzes bei bestimmten Figurationen mal bitte darauf achten, den rechten Arm nicht so weit hoch zu strecken, noch als freundliche Geste an die deutschen GastgeberInnen durchgehen mag, die man nicht mit den Unrühmlichkeiten ihrer Geschichte belästigen will, ist bezüglich dieses Punktes kein Spielraum gegeben.

In einem Interview mit der "Jerusalem Post" erklärte Sheinfeld einmal, dass sich die Inspiration zu "You Happy Puppet" einer von politischer Seite forcierten "allgemeinen Stimmung" in Israel verdanke, die an die Stelle einer "aufrechten und direkten Kommunikation" nur "leere Slogans" setze, die von "einer ernsthaften Diskussion über brennende Probleme" ablenken sollen. Was ja weiß Gott erst einmal kein genuin israelisches Problem ist – nur dass das dort ob der bekannten Situation einen ganz anderen Intensitätsgrad bekommt.

Einen, der dann auch in dieser Inszenierung spürbar wird. "Denke nicht, tanze!" ist die Parole. Und so tanzen sie denn, die drei auf der Bühne zu den Vorgaben vom Bühnenrand. Grotesk und schön, immer darauf bedacht, das 'Arabische' draußen zu halten, und in Posen, aus denen dann auch das Gespenst eines sterbenden Schwans gleich einem 'leeren Slogan' ersteht. Hinein flatternd in eine Theaterblutorgie zwischen Kopfschüssen und Kehle durchschneiden, auf die Sheinfeld/Laor erst mit einem bitterbösen "That was beautiful, thank you!" reagieren, bevor sie sich selbst in den Bewegungsfluss auf die Bühne begeben.

Strippenzieher, die selbst an Strippen in einer Wirklichkeits-Fata-Morgana schweben, aus der sie final nicht mal der begeisterte Applaus freiklatscht. Unerlöste, zum Tanz verdammt, in Blut gebadet. Parodie und Polemik sind da längst schon zur garstigen Gegenwartsallegorie geworden. Und weiß Gott keine, die man nur auf Israel begrenzen sollte.

Veröffentlicht am 30.05.2019, von steffen georgi in Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 1798 mal angesehen.



Kommentare zu "Puppentanz in der Wirklichkeits-Fata-Morgana "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    „ICH FÜHLE MICH AUSGESPROCHEN GUT HIER“

    Richard Wherlock ist seit 20 Spielzeiten Ballettchef in Basel
    Veröffentlicht am 19.10.2020, von Volkmar Draeger


    SO STIRBT EINE PRIMABALLERINA

    Ein Nachruf auf Ludmilla Naranda
    Veröffentlicht am 11.10.2020, von Vesna Mlakar


    SIMONE SANDRONI BLEIBT IN BIELEFELD

    Choreograf Simone Sandroni verlängert seinen Vertrag bis 2022
    Veröffentlicht am 02.10.2020, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ALL FOR ONE AND ONE FOR THE MONEY

    The show must go on...line! Digitale Uraufführung von Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln

    Das übergreifende Thema ist die digitalisierte Gesellschaft, aber die Aufführungen finden ausschließlich live statt und werden auch nicht aufgezeichnet. Doch der virtuelle Charakter der Performance erlaubt es Menschen auf der ganzen Welt, die Vorstellungen zur gleichen Zeit zu verfolgen – und vor allem selbst (inter-)aktiv zu werden.

    Veröffentlicht am 17.11.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    TANZEN, BITTE!

    Offener Brief des Deutschen Berufsverbands für Tanzpädagogik e.V.

    Veröffentlicht am 05.11.2020, von tanznetz.de Redaktion


    WILLKOMMEN IN DER VIRTUELLEN WELT

    Digitale Uraufführung von „All For One And One For The Money“ von Richard Siegal und dem Ballet of Difference am Schauspiel Köln

    Veröffentlicht am 21.11.2020, von Gastbeitrag


    DER TANZ LEBT WEITER – TROTZ CORONA

    Die digitale Tanzwelt erblüht

    Veröffentlicht am 20.03.2020, von Deike Wilhelm


    MIT KONSUMMÜLL VERGIFTET

    Premiere von Georg Reischls Mahnung „Sand“ am Theater Regensburg

    Veröffentlicht am 02.11.2020, von Michael Scheiner



    BEI UNS IM SHOP