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Lüneburg

DIE SUCHE NACH DEM WESENTLICHEN

"Der kleine Prinz" von Olaf Schmidt und Anselmo Zolla beim Ballett Lüneburg



Schlüssig, spannend und grandios getanzt: Lüneburgs Ballettdirektor Olaf Schmidt hat zusammen mit dem brasilianischen Choreografen Anselmo Zolla den „Kleinen Prinzen“ neu und überzeugend interpretiert.


  • "Rhapsodie über den Kleinen Prinzen" von Anselmo Zolla; Phong Le Thanh, Wallace Jones Foto © Andreas Tamme
  • "Der Kleine Prinz" von Olaf Schmidt Foto © Andreas Tamme
  • "Der Kleine Prinz" von Olaf Schmidt; Sarah Altherr Foto © Andreas Tamme
  • "Rhapsodie über den Kleinen Prinzen" von Anselmo Zolla; Phong Le Thanh, Pau Pérez Piqué Foto © Andreas Tamme

Es ist eines der meistverkauften Bücher überhaupt und wurde seit seinem Erscheinen 1943 in 350 Sprachen und Dialekte übersetzt – bis heute begeistert es mit seiner Weisheit und Poesie LeserInnen in aller Welt: „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry. Kein Wunder, denn die Geschichte des in der Wüste notgelandeten Piloten, der auf einen sonderbaren Bewohner eines weit entfernten Asteroiden trifft, ist eine Parabel für Erwachsene (und keineswegs ein Kinderbuch, wie immer wieder behauptet wird). Der französische Schriftsteller und begeisterte Flieger Saint-Exupéry fordert damit die Erwachsenen auf, die Welt wieder mehr mit Kinderaugen zu sehen, denn „nur mit dem Herzen sieht man gut – das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, um nur eines der bekannten Zitate zu benennen.

Olaf Schmidt ist nicht der erste, der sich an diesem Stoff versucht – aber gemeinsam mit dem brasilianischen Choreografen Anselmo Zolla hat er sicher eine der schönsten und schlüssigsten Interpretationen geschaffen. Sensibel arbeitet Schmidt in Teil 1, der in erster Linie die Geschichte erzählt, die verschiedenen Charaktere heraus: den Flieger, der staunend vor all dem steht, was ihm da nach seinem Absturz begegnet (Wout Geers); den kleinen Prinzen mit seiner Suche nach dem Wesentlichen (Sarah Altherr); den Laternenanzünder mit seiner unsinnigen Routine (Rhea Gubler); den dominanten, machtbesessenen König (Wallace Jones); den Säufer, der von der Flasche nicht loskommt (Francesc Marsal); den selbstverliebten Eitlen, der an seiner Gefallsucht schier erstickt (Gabriela Luque); den schlauen Fuchs (Pau Pérez Piqué); den Geschäftsmann, der sogar meint, die Sandkörner in der Wüste zählen zu müssen (Claudia Rietschel); die Schlange, die dem kleinen Prinzen über ihren tödlichen Biss die Rückkehr zu seinem Asteroiden und damit zu der geliebten Rose zu ermöglichen möchte (Phong Le Thanh); und dann natürlich die Rose selbst, dieses Sinnbild der Schönheit und der Liebe (Julia Cortes) – Saint-Exupéry hat damit seiner Frau Consuelo ein bleibendes Denkmal gesetzt. Olaf Schmidt erzählt hier jedoch kein Märchen und umschifft souverän jede Gefahr, ins Kitschige abzudriften (was bei diesem Thema nur allzu leicht passiert). Für ihn stehen die Eigenschaften der jeweiligen Figuren im Mittelpunkt, ihre Naivität, aber auch ihre Suche nach der Wahrheit, dem Kern des Menschseins.

Der besondere Clou dieser Interpretation des „Kleinen Prinzen“ besteht darin, dass Anselmo Zolla im zweiten Teil dieses Abends dessen Geschichte als „Rhapsodie über den kleinen Prinzen“ in die Gegenwart überträgt. Nicht irgendwohin, sondern zielgerichtet in den brasilianischen Karneval. Wer allerdings meint, dabei in einer der berühmten Sambaschulen mit straußenfedernbesetzten String-Tangas und Push-up-BHs zu landen, ist auf dem Holzweg. Zolla platziert den gestrandeten Flieger und den kleinen Prinzen mit all den anderen Figuren mitten hinein in ein Großstadtgewusel, in die ganz normale Alltagsrealität – nur eben in Zeiten des Karnevals und damit in ein etwas abgedrehtes Setting. Dieses zeigt sich jedoch weniger in dem äußerst zurückhaltenden Bühnenbild (Barbara Bloch) und auch nicht in den Kostümen, bei denen sich Claudia Möbius auf Jeans und Shirts beschränkt hat. Nur bei den Frauen glitzern einige Strasssteine auf den Oberteilen. Spannend ist auch, dass die Rollen zwischen Teil 1 und Teil 2 das Geschlecht wechseln – nichts bleibt, wie es war! Auch das macht den Reiz dieses Abends aus, dieses Bäumchen-wechsel-dich, das dennoch sehr organisch daherkommt.

Anselmo Zolla konzentriert sich in diesem zweiten Teil ganz und gar auf das Wesentliche, auch in der auf wenige Songs und Trommelensembles reduzierten, aber doch so eingängigen und berührenden Musik. Indem er dem Tanz und dem Ausdruck allen Raum lässt, entfaltet diese Interpretation einen ganz speziellen Zauber. Was sich auch in der Konzentration des Publikums niederschlägt, das nahezu atemlos und ohne jeden Mucks dem Geschehen folgt, um dann am Ende in einem Beifallssturm zu explodieren, der schier das Dach des Gebäudes abhebt ...

Zu Recht, denn nicht nur Choreografen haben hier eine absolut schlüssige und moderne Interpretation abgeliefert – das zehnköpfige Ensemble des Lüneburger Balletts tanzte sich wahrhaft die Seele aus dem Leib. Olaf Schmidt hat hier eine Kompanie aufgebaut, die in dieser Qualität in dieser Liga ihresgleichen sucht. Es sind zehn ausdrucksstarke virtuose SolistInnen, die sowohl tänzerisch als auch technisch und darstellerisch in jeder Sekunde mit höchster Konzentration und Präsenz brillieren. Ein durch und durch gelungener Abend.

Veröffentlicht am 29.05.2019, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2018/2019

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