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Hamburg

SPANNENDER VERGLEICH

Acht Vorstellungen von "Anna Karenina" in vier unterschiedlichen Besetzungen



SolistInnen des Hamburg Ballett John Neumeier im Vergleich mit Stars vom Bolshoi-Ballett und vom National Ballet of Canada – eine höchst spannende Angelegenheit; die Gäste hatten eindeutig die Nase vorn.


  • "Anna Karenina" von John Neumeier; Aleix Martinez Foto © Kiran West
  • "Anna Karenina" von John Neumeier; Anna Laudere, Karen Azatyan Foto © Kiran West
  • "Anna Karenina" von John Neumeier; Emilie Mazon Foto © Kiran West
  • "Anna Karenina" von John Neumeier; Xue Lin, Jacopo Bellussi Foto © Kiran West
  • "Anna Karenina" von John Neumeier; Félix Paquet Foto © Kiran West
  • "Anna Karenina" von John Neumeier; Olga Smirnova, Artem Ovcharenko Foto © Kiran West
  • "Anna Karenina" von John Neumeier; Svetlana Lunkina, Mária Huguet, Carsten Jung Foto © Kiran West

Wenn John Neumeier ein abendfüllendes Ballett neu auf die Bühne bringt, empfiehlt es sich immer, nicht nur die Premiere zu besuchen, sondern auch die Repertoirevorstellungen, und möglichst in unterschiedlicher Besetzung. Was die 2017 uraufgeführte „Anna Karenina“ betrifft, so bot sich leider erst jetzt, zwei Jahre später, dazu Gelegenheit. Denn bis dahin waren die 14 Vorstellungen seit der Premiere ausschließlich in der ersten Besetzung mit Anna Laudere in der Titelrolle und Edvin Revazov als Graf Wronski zu sehen.

Jetzt aber, im Mai 2019, gab es gleich vier unterschiedliche Besetzungen und diverse Rollendebuts zu erleben: zum einen die Originalbesetzung, dann eine zweite Hamburger Besetzung mit Xue Lin als Anna Karenina, Jacopo Bellussi als Wronski, Alexandre Riabko als Muschik (anstelle von Karen Azatyan), Hélène Bouchet als Dolly (sonst: Patrizia Friza), Greta Jörgens als Kitty (sonst: Emilie Mazon) und Florian Pohl als Stiwa (sonst: Dario Franconi); dann die auswärtigen Gäste von den Bühnen, mit denen das Stück gemeinsam produziert worden war: Olga Smirnova und Artem Ovcharenko vom Bolshoi-Ballett in den beiden Hauptrollen sowie Svetlana Lunkina als Anna, Harrison James als Wronski und Félix Paquet als Lewin, alle drei vom National Ballet of Canada (die Nebenrollen wurden vom Hamburg Ballett übernommen, wobei sich die erste und zweite Besetzung abwechselte).

Und was soll man sagen – die Gäste spielten und tanzten die Hamburger SolistInnen fast komplett an die Wand. Zum eindeutigen Höhepunkt geriet die Vorstellung am 11. Mai mit Svetlana Lunkina (früher Bolshoi Ballett, seit 2014 Erste Solistin in Canada) als Anna Karenina. Wie schon bei Olga Smirnova, aber noch um einiges intensiver wurde hier endlich augenfällig, wie man diese Rolle deuten muss. Anna ist nämlich keineswegs Opfer (wozu sie von Anna Laudere ständig stilisiert wird), sie ist auch nicht verhuscht und scheu wie in der Interpretation von Xue Lin, sondern eine selbstbewusste Frau, die weiß, was sie tut und vor allem, was sie will. Die beiden russischen Ballerinen sind die einzigen, die das voll und ganz ausspielen – ganz davon abgesehen, dass sie jede Geste, jedes Detail der Choreografie bis in die Fingerspitzen auskosten und tänzerisch über jeden Zweifel erhaben sind. Olga Smirnova verleiht ihrer Anna eine bestechende Eleganz und Souveränität. Svetlana Lunkina fügt dem, neben einer von der ersten Sekunde an beherrschenden Bühnenpräsenz, noch eine besondere feminine Note und eine menschliche Wärme hinzu (vor allem in der Begegnung mit ihrem Sohn Serjoscha, den Mária Huguet mit rührender Naivität gestaltet) – das ist von Anfang bis Ende atemberaubend.

Und dank ihrer werden die großen Pas de deux auch endlich in ihrer vollen Dramatik und choreografischen Fülle deutlich. Das gilt sowohl für die beiden großen Liebes-Pas-de-deux zwischen Anna und Wronski im 1. Akt, als auch für den innigen Pas de deux in Italien sowie die Pas de deux zwischen Anna und Muschik und Wronski und Muschik im 2. Akt. Neumeier hat hier noch einmal zu einer ganz neuen, reifen Bewegungssprache gefunden, die den TänzerInnen viel Raum für die eigene Interpretation lassen. Olga Smirnova und Svetlana Lunkina haben das großartig zu nutzen gewusst.

Bei den vier Wronskis trumpft keiner der männlichen Darsteller so auf, dass man ihm den Womanizer wirklich abnimmt. Edvin Revazov und auch Jacopo Bellussi sind zwar ebenso wie ihre auswärtigen Kollegen tänzerisch sicher untadelig, bleiben aber doch relativ blass. Artem Ovcharenko und Harrison James verleihen der Rolle deutlich mehr Noblesse und Attraktion, tun sich aber doch ebenso schwer diesem Wronski wirklich die zwingende Männlichkeit zu geben, der eine Anna Karenina verfallen muss. Noch dazu, wo sie einen überaus attraktiven Ehemann hat, dem Carsten Jung nicht nur die selbstverliebte Politikerattitude verleiht, sondern in seiner Trauer über den Verlust Annas an Wronski auch eine überaus glaubwürdige Menschlichkeit.

Eine absolute Entdeckung war Félix Paquet als Fürst Lewin. Dachte man, dass Aleix Martinez diese Rolle schon perfekt auszufüllen in der Lage ist, so wusste man nach dem Auftritt von Paquet am 11. Mai, dass es auch anders geht – und fast noch überzeugender. Das wird schon zu Beginn in dem grandiosen Solo zu „Moon Shadow“ von Cat Stevens deutlich, noch mehr aber im Pas de deux mit Kitty in der Krankenhausszene oder in der Szene, wenn Lewin sich in die 27 (!) Landarbeiter einreiht, die sich zu „Morning has broken“ scherenschnittartig mit ihren Sensen vom hellen Hintergrund abheben – eine der schönsten Szenen im ganzen Stück. Hier hat Neumeier eine der Doppeldeutigkeiten versteckt, die viele seiner Werke bereichern: Die Sensenmänner, die einerseits den bevorstehenden Untergang der zaristischen Gesellschaft ankündigen, andererseits aber auch die neue Zeit, wo es keinen Unterschied mehr gibt zwischen einem Fürsten und einem Arbeiter. In diesem Sinne hat Lewin sogar eine prägende Rolle für das gesamte Stück – er hat als einziger von den Hauptpersonen erkannt, worin die Zukunft besteht (was sich auch in der Schlussszene manifestiert).

Was die Hamburger Rollendebuts betrifft, so gerät Greta Jörgens die Kitty noch etwas zu girliemäßig, wohingegen Emilie Mazon sich in dieser Rolle fast selbst übertrifft – besser und eindringlicher kann man Kitty nicht charakterisieren. Völlig überflüssig erscheint jedoch in der Krankenhausszene, wo Kitty vor lauter Kummer über die von Wronski gelöste Verlobung schier irre wird, das Einspielen eines Videos parallel zum Tanz. Beides kann nie wirklich parallel laufen, so dass man immer meint, die Tänzerin auf der Bühne sei zu früh oder zu spät. Auf diese Weise macht das Video der Realität Konkurrenz, anstatt sie zu verstärken.

Alexandre Riabko als Muschik gestaltet diesen Schicksalsboten ebenso verstörend wie eindrücklich und mit noch mehr Bühnenpräsenz als Karen Azatyan, vor allem in den Pas de deux mit Wronski und Anna im 2. Akt. Hélène Bouchet gibt ihrer Dolly nicht immer so viel Furor wie Patricia Friza, und man versteht nicht wirklich, warum man ihr nicht den Part der Anna Karenina übertragen hat. Mit ihrer Eleganz und ihrer Reife wäre sie eigentlich die Idealbesetzung gewesen. Wie man auch Alexandre Riabko gerne als Wronski gesehen hätte – weiß man doch schon aus der „Kameliendame“, mit welch zwingender Dynamik er eine solche Rolle auszustatten vermag.

Florian Pohls Interpretation des untreuen Dolly-Gatten Stiwa bleibt weit hinter der von Dario Franconi zurück, der diesem Schürzenjäger mit untrüglichem Gespür genau das Image verpasst, das ihm gebührt. Eines wurde also vor allem durch die Gäste deutlich: Diese „Anna Karenina“ ist durchaus ein Kleinod im Repertoire des Hamburg Ballett – vorausgesetzt, sie ist mit den richtigen SolistInnen besetzt.

Veröffentlicht am 14.05.2019, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2018/2019

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