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Nimes

ABER WIR HATTEN SPAß!

„Bilderschlachten“ von Stephanie Thiersch in Nîmes



Der variantenreiche Tanzabend „Bilderschlachten“ in Nîmes entwickelt sich nicht nur zur Kritik einer Welt der Selbstdarstellung, sondern zu einem Requiem auf eine durch die Bilder von der Selbsterkenntnis abgehaltene Menschheit.


  • "Bilderschlachten" von Stephanie Thiersch Foto © Sandy Korzekwa
  • "Bilderschlachten" von Stephanie Thiersch Foto © Sandy Korzekwa

von Bernd Feuchtner

Wenn das Licht ausgeht, steht der Dirigent im Orchestergraben und schaut ins Publikum. Wie jetzt? Sind etwa wir die Aktion? Die Diskokugel lässt den Sternenhimmel auf uns herableuchten. Um uns herum fängt es an zu knacken und zu knirschen. Und tatsächlich, die Mitglieder des Streichquartetts Asasello sind im Saal verteilt und klopfen leise auf ihr Instrument oder knarzen mit dem Bogen auf den Saiten – elektronisch verstärkt versetzt das das Publikum in vorzeitliche Höhlen. Jetzt sehen wir im Bühnendunkel auch eine Gruppe Menschen. Sie stehen da wie Rodins Bürger von Calais. Langsam, sehr langsam, kommt Bewegung in die Gruppe. Ein Licht leuchtet auf der Rückwand auf, allmählich lösen sich Einzelne aus der Gruppe, zu den Streicher- und Schlagwerkgeräuschen treten Bläserklänge, leuchten Farben auf. Hinter dem Licht wird schwach die Erdkugel sichtbar – und die Musik erinnert kurz an Kubricks „2001“.

Brigitta Muntendorf hat diese faszinierende Musik komponiert, die aus dem Nichts der Geräusche heraus eine immer lebendigere und intensivere Klangwelt entfaltet. Das halbe Orchester steht dabei im Saal, während das Publikum beobachtet, wie die acht Tänzerinnen und Tänzer durch den Bühnenraum kreiseln, schließlich die anderen wahrnehmen, Kontakt zueinander aufnehmen, einander packen, heben, wirbeln. Sie tragen raffinierte schwarze, durchsichtige Kostüme und bewegen sich jetzt mit Kraft und Energie. Dann bemerkt einer das Publikum und fängt an, zu beobachten und mit den Händen zu blinzeln. Die Gruppe schießt zusammen und fliegt wieder zur Reihe auseinander, heftig blinzelnd. Das Quatuor Asasello steht heftig streichend am Bühnenrand, das Orchester ist in den Graben abgetaucht. Nun lässt die Tänzerriege synchronisierte Figuren entstehen, dann geht eine nach der anderen ab.

Man kann das verstehen als ein Bild der Herausbildung des Bühnentanzes. Als ein Bild der Entstehung menschlicher Bewegung. Oder als Bild der Entwicklung der Menschheit von der Urhorde bis zur organisierten Kulturindustrie. „Bataille d’images“ – „Bilderschlachten“ hat Stephanie Thiersch den neuen Tanzabend mit ihrer Compagnie Mouvoir im Theater von Nîmes benannt. Die drei Tänzerinnen und fünf Tänzer sind Alleskönner, verstehen sich auf (scheinbare) Improvisation ebenso wie auf blitzschnelle Synchronität. Und im Graben sitzt ein 40-köpfiges Orchester ohne Geigen, Celli und Bratschen: Les Siècles, das französische Ensemble von François-Xavier Roth. Sie spielen nun Bernd Alois Zimmermanns „Musique pour les soupers du roi Ubu“, sein „Ballet noir en sept parties et une entrée, für Orchester und Combo“, das er zwischen 1962 und 1966 zu dem surrealistischen Stück von Alfred Jarry komponierte, das mit Ubus legendärem Ruf „Merdre“ (Schreiße) Skandal machte – eine gemeine Parodie der Machthaberei und Verdummung, zusammengesetzt aus lauter gestohlener Musik.

Doch erst kommt die große Stunde des Kostümbildners Sita Messer. Auf der Bühne liegen amorphe Figuren und man hört seltsame hohe Motorgeräusche. Das Publikum beginnt zu kichern, denn es sind kleine Ventilatoren, die die absurden Kopfbedeckungen und Kleider der Darsteller aufblasen. Sobald es hell geworden ist, kann man die ganze billige Pracht dieser Plastikkostüme bewundern (ein bisschen sind sie vielleicht auch vom Triadischen Ballett inspiriert). Wie durch ein Wunder befinden sich in dem Moment, wenn der Dirigent den Auftakt gibt zum ersten Stück „Entrée de l’Académie / Ubu Roi, Capitaine Bordure et ses Partisans“, alle in einer exakt symmetrisch-höfischen Aufstellung – solche überraschenden Auflösungen von Chaos gibt es öfter an diesem Abend. Und dann geht’s ab mit einer köstlichen Parodie der Eitelkeiten.

Jedes der sechs folgenden Stücke dreht die Schraube des Irrsinns ums eins weiter. Die schönen Bilder trügen, nicht umsonst heißt der Abend „Bilderschlachten“: Die Bilder fliegen uns um die Ohren, verdecken die Wahrheit, lenken uns ab vom Handeln. Sie halten uns auch ab von der Entlarvung der Herrschenden. „Dou“ bellt Joel Suárez Gómez im orangenen Overall, der größte Tänzer der Kompanie, der auch sonst durch seine wütende Energie und seinen sanften Witz auffällt. „Dou“ wiederholt er und macht eine bedeutsame Rede daraus, für die er beflissenen Beifall erhält. Für jedes Stück ist Stephanie Thiersch etwas Neues eingefallen, und für die langen Pausen des Übergangs (Zimmermanns Musik ist nur zwanzig Minuten lang) auch. Gyung Moo Kim sticht heraus mit einem katzenhaften Solo, das auch Streetdance-Elemente präsentiert – ja, alle sehen unverschämt gut aus auf der Bühne. Das Orchester unter der Leitung von Benjamin Shwartz, des amerikanischen Assistenten von François-Xavier Roth, formuliert die Zeitkritik des Kölner Komponisten messerscharf mit bösem Witz. Und siehe da: sie trifft auch heute. Am Ende tanzen sich alle, nun wieder in Schwarz, zur „Marche du décervellage“ (Marsch zur Enthirnung – so hat König Ubu die Enthauptung genannt) wie im Club in die Besinnungslosigkeit. Sie merken gar nicht mehr, dass die Mitglieder des Streichquartetts in lauter Plastikmüll gehüllt sind. So viel Spaß hatten wir lange nicht.

Der Spaß geht immer weiter bis ins traurige Ende. Noch wenn die Bühne immer dunkler wird und alle nur noch wehklagend im Kreis laufen, beteuert eine Stimme aus dem Lautsprecher noch, dass alles ganz toll ist und einen Riesenspaß macht. Brigitta Muntendorf hat dafür wieder die Musik geschrieben: „Sechs Stimmungen, Diktatoren zu versetzen“. Sie setzt damit gewissermaßen Zimmermanns Hohn auf die braven Leute seiner Zeit mit heutigen Mitteln fort. Da fährt beispielsweise Berlioz‘ Hexensabbat in Wagners Walkürenritt hinein, von dem am Ende nur noch das Klappern der Gebeine übrig bleibt. Es wird ein großes Lamento daraus, bei dem sich der Tänzer Julien Ferranti auch noch als glänzender Countertenor erweist. Und ganz zum Schluss hat Muntendorf den Trauermarsch von Chopin als Abschiedssymphonie dekonstruiert: Die MusikerInnen, die nicht mehr spielen, steigen nacheinander aus dem Orchestergraben auf die Bühne und reihen sich ein in den Marsch der dem Untergang Geweihten. Wieder erscheint im Hintergrund der Globus. Am Ende senkt sich Dunkelheit über die Bühne (Licht: Begoña Garcia Navas) und es bewegen sich nur noch die Arme der Quartettspieler: Sterben in Schönheit. Wir hatten es übertrieben, aber wir hatten doch Spaß vorher.

So rundet sich der eineinhalbstündige, äußerst abwechslungsreiche Abend zu einer großen Erzählung über den augenblicklichen Zustand unserer Zivilisation. Stephanie Thiersch erzählt das in so anregenden, einfallsreichen Varianten tänzerischer Bewegung, dass man den Ernst zuerst gar nicht bemerkt. Das Publikum im Théâtre de Nîmes ist denn auch hellauf begeistert und spendet lange Beifall. „Bilderschlachten“ wird im September auch beim Beethovenfest in Bonn und im tanzhaus nrw Düsseldorf zu sehen sein. Dass das Stück auf Schloss Bröllin entwickelt wurde, sollte auch nicht unter den Tisch fallen.

Veröffentlicht am 11.05.2019, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2018/2019

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