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Braunschweig

WINTERREISE GEN SELBSTERKENNTNIS

Gregor Zöllig zeigt im Staatstheater Braunschweig Schuberts Liederzyklus



Während Jazzbesen schneeweiche Verwehung rascheln und kratzige Einzeltöne der Geigen frostig erklirren, kämpft die Einsame mit sich selbst, um den Liebes- und Weltschmerz zu übertönen. Doch der Fremden sind mehr in Gregor Zölligs Tanzfassung der „Winterreise“.


  • „Winterreise“ von Gregor Zöllig Foto © Ursula Kaufmann
  • „Winterreise“ von Gregor Zöllig Foto © Ursula Kaufmann
  • „Winterreise“ von Gregor Zöllig Foto © Ursula Kaufmann
  • „Winterreise“ von Gregor Zöllig Foto © Ursula Kaufmann
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  • „Winterreise“ von Gregor Zöllig Foto © Ursula Kaufmann
  • „Winterreise“ von Gregor Zöllig Foto © Ursula Kaufmann
  • „Winterreise“ von Gregor Zöllig Foto © Ursula Kaufmann
  • „Winterreise“ von Gregor Zöllig Foto © Ursula Kaufmann

Geworfene. Während Jazzbesen schneeweiche Verwehung rascheln und kratzige Einzeltöne der Geigen frostig erklirren, kämpft die Einsame mit sich selbst, boxt sich in den Bauch, um den Liebes- und Weltschmerz zu übertönen. Doch der Fremden sind mehr in Gregor Zölligs Tanzfassung der „Winterreise“. Auf weißer Grundfläche wirbeln sie herein und suchen ihr Stückchen Selbstvergewisserung in windiger, von Zivilisation und metaphysischen Tröstungen befreiter Zeit. Eine tritt auf dem Rücken liegend mit den Füßen in die Luft, eine balanciert und kippelt am Rande der Spielfläche, einer rennt mit dem Kopf gegen den milchigen Vorhang, hinter dem sich Geheimnisse, Erinnerungen, alte Lieben bergen.

„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“ Das Lebensgefühl des Dichters Wilhelm Müller, das Franz Schubert so kongenial im Liederzyklus vertont und Hans Zender in seiner Orchestrierung nochmal modern zugespitzt hat, scheint ein Vorbote des Existentialismus. Der Wanderer ist der grundsätzlich Fremde. Auf die Erde geworfen ohne Sinn, dort Sinn suchend in menschlichem Trotz gegen das Nichts, quasi aus einer hochmütigen Revolte von Herz und Verstand heraus. „Lustig in die Welt hinein gegen Wind und Wetter! Will kein Gott auf Erden sein, sind wir selber Götter!“

Zöllig erzählt von diesem Kampf und dieser finalen Selbstwertsetzung in poetischen Bildern von großer existentieller Schlichtheit. Männer wie Frauen tragen in Imme Kachels Ausstattung graue Jacken, Kleider, Mäntel, nicht genderspezifisch, hier geht es um die Seelen. Nur im ersten Teil ist noch die Trennung von Geliebten Thema, ebenfalls nicht geschlechtsspezifisch in weiße Jacken, Kleider, Mäntel gekleidet. Sie tauchen hinter dem Eisvorhang auf, drücken einen Kuss der Erinnerung drauf, der im Lied „gefrorne Tränen“ hinterlässt. Sie umarmen den Vorhang, werden von den Wanderern im Vorhang umarmt, wenn sie im Lied ihre Frühlingsgefühle suchen, als erhofften sie die im Eis eingeschlossenen Blüten, Lieben und Erinnerungen wieder zu Leben schmelzen zu können.

Zum Lied vom Lindenbaum beschwört endlich gelb-warmes Licht über dem noch kahlen Zweig eine liebevolle Gemeinschaft in weichen Bewegungen verbundener Individuen. Nostalgie volkstümlicher Geborgenheit vielleicht schon zu Müllers und Schuberts Zeit, aber sie stärkt.
Auch das Lied „Rückblick“ zaubert nochmal die weißen Erinnerungen hervor, spielerische Neckereien entstehen. Nach dem erotischen „Irrlicht“ mit seinen flatternden Händen und Trippelschritten und aufreizend ausgestellten nackten Beinen (Brigitte Uray), spannen sich die Hände um die Gurgel. Bei „Nun merk ich erst, wie müd ich bin“ strecken sich die haltsuchenden Arme der Wanderer ein letztes Mal krampfartig den weißen Traumgestalten entgegen, die dahinsinken. Im „Frühlingstraum“ werden sie gewiegt wie tote Babys. Es schneit. Doch die Wanderer öffnen sich der Einsamkeit, drehen sich unter Gottes freiem Himmel mit geöffneten Armen und ausgestreckter Brust, als wollten sie den Schnee trinken.

Der Pausenvorhang schließt sich über dem Einsamen, er öffnet sich über der oder dem Einzelnen, der sich nun selbst Sinn schaffen muss und dabei Vordermann ist einer ganzen Reihe von Tänzern, die mal synchron, mal in verschiedene Richtungen strebend alle Möglichkeiten der Sinnsuche und -setzung verkörpern. Oder verfolgen sie ihn? Seine Hände drücken den eigenen Kopf weg, betasten den Körper, den im Lied der Reif zum Greise macht. Wie lange noch? Die biologische Uhr tickt.
Die Schläfer im Dorf kauern in einzelnen Lichtkegeln, dann wieder fliegen die vom Sturm zerrissenen Wanderer herein, “Krähen” treiben den Außenseiter in die Enge, bis beim „Wegweiser“ alle synchron mit den Armen im Wanderrhythmus schlackern. Zöllig schafft hier viele abwechslungsreiche Bilder. Auf dem Totenacker kommt die letzte Einsicht: Auf allen Vieren bewegen sich die Wanderer davon, neue krabbeln von der Seite nach, ein ewiger Kreislauf, ins Absurde getrieben im abschließenden Leierkastenlied, bei Zender eine Jahrmarktsmusik, bei Zöllig ein Lebenskreis, ein Moment der Gemeinschaft, der zerfällt in Drehung über den über den Boden mit gelegentlichem Aufstützen. Und schon das kann Glück bedeuten.

Zölligs Deutung ist anregend und dem Ernst der Vorlage verpflichtet. Es ist eine Winterreise aus Trauer zum Selbstbewusstsein, noch ohne Frühlingsfest. Das Ensemble zeigt eine starke Gesamtleistung mit immer wieder schönen kleinen Individualauftritten.

Samuel Emanuel am Pult der schillernden Kapelle mit Akkordeon, viel Perkussion, Harfe und Gitarre bringt Zenders Vorspiele, Tempoverzögerungen und Instrumentalausgriffe zu den bekannten Schubert-Melodien prägnant zur Geltung. Sie halten die in uns singenden Lieder wach, denen Matthias Stier mit zuweilen verfremdetem Duktus die prägnante Stimme gibt. Mit seinem lyrisch feinen, immer klangvollen, zuweilen voluminös auftrumpfenden Tenor sorgt er nebst exzellenter Diktion für ein packendes Porträt des winterlich Zerrissenen. Großer Applaus.

Wieder am 9., 12., 17., 26., 31. Mai.

Mit freundlicher Gnehmigung des Braunschweiger Zeitungsverlags

Veröffentlicht am 07.05.2019, von Andreas Berger in Homepage

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