HOMEPAGE



Dresden

IN DER TRADITION HÄNGENGEBLIEBEN

Aaron S. Watkins Version von "Schwanensee" mit dem Ballett der Semperoper



Das Stück ist schon seit 2009 im Spielplan, bringt aber nur wenig Glanz auf die Bühne der Dresdner Semperoper und vermittelt dem Klassiker kaum neue Impulse.


  • "Schwanensee" von Aaron S. Watkin; Sangeun Lee, Dmitry Semionov Foto © Ian Whalen
  • "Schwanensee" von Aaron S. Watkin; Sangeun Lee, Dmitry Semionov Foto © Ian Whalen
  • "Schwanensee" von Aaron S. Watkin; Aidan Gibson Foto © Ian Whalen
  • "Schwanensee" von Aaron S. Watkin; Sangeun Lee, Dmitry Semionov Foto © Ian Whalen

Sie ist und bleibt der Klassiker schlechthin, die Geschichte von der verzauberten Prinzessin, die als Schwanenkönigin ihr Leben fristen muss und nur durch den Liebesschwur eines Prinzen erlöst werden kann. Was gibt es nicht alles für grandiose neue Interpretationen zeitgenössischer ChoreografInnen zu diesem Märchen! Schon 2009 hat sich Dresdens Ballettdirektor Aaron S. Watkin an diesem Stoff versucht – und bleibt dabei weitgehend in der klassischen Tradition stecken. Abgesehen davon, dass er die Handlung gestrafft und auf zwei Stunden verdichtet hat, bringt diese Fassung von „Schwanensee“ nichts wirklich Neues. Auch die Kostüme von Erik Västhed und das Bühnenbild von Arne Walther sind eine Remineszenz an das Dahergekommene.

Die moderne Technik nutzt Watkin lediglich, um ein möglichst naturnahes Bild der Schwäne zu erreichen, die als Projektion (Bastian Trieb) über den mit Lichtreflexen erzeugten See fliegen, und Odette erhebt sich dann – raffiniert! – tatsächlich aus einem soeben gelandeten Schwan. Choreografisch bleiben die Arrangements jedoch konventionell – man bewegt sich höfisch-distanziert, die Gesten sind edel.

Im 1. Akt (2. Bild) lässt Watkin Odette erzählen, wie sie dem bösen Baron von Rotbart zum Opfer fiel: Er ist ihr Stiefvater, der schon ihre Mutter zugrunde richtete und danach sie und ihre Freundinnen verfluchte. Aber die Kraft und Liebe ihrer Großmutter führte dazu, dass die Mädchen in Schwäne verwandelt wurden, die nachts ihre Mädchengestalt annehmen dürfen. Das Ganze gerät durch die Pantomimen und übertriebenen Gesten allerdings reichlich kitschig und bereichert den Ablauf nicht wirklich.

Der weiße Pas de deux, einer der Höhepunkte aller „Schwanensee“-Adaptationen, gerät der hochgewachsenen Sangeun Lee als Odette und Dmitry Semionov als Prinz Siegfried zwar technisch weitgehend sauber, aber doch nicht lyrisch genug – trotz des eigens aus München angereisten und wunderbar aufspielenden Soloviolinisten Anton Barakhovsky. Da fehlt Odette vor allem in den Bewegungen der Arme der Schmelz, das Zarte, Hingegebene. Und auch Dmitry Semionov entwickelt wenig Bühnenpräsenz und zeigt sich nicht wirklich in Liebe entflammt – er partnert sicher und zuverlässig, aber der Funke zwischen den beiden will nicht so richtig überspringen. Auch die weißen Schwäne zeigen sich nicht gerade synchron, die vier kleinen Schwäne fassen sich nur an den Händen und nicht über Kreuz – es fehlt an allen Ecken und Enden der Zauber, das Besondere.

Im 2. Akt brillieren dafür die anderen Heirats-Kandidatinnen: sowohl die neapolitanische Prinzessin (Chantelle Kerr) als auch die russische (Aidan Gibson), die aragonische (Gina Scott) und die ungarische (Kanako Fujimoto) servieren ihre Tänze spritzig, charmant und mit Verve. Auch die Mazurka gelingt Ilaria Ghironi und dem sprungdynamischen Julian Amir Lacey als Siegfrieds bester Freund Benno ganz hervorragend.

Aber natürlich wartet alles auf den Auftritt des schwarzen Schwans (dem Watkin sechs schwarze Schwänchen an die Seite stellt, die immer wieder durch die Szene wuseln und dadurch von der Hauptperson ablenken). Hier entfaltet Sangeun Lee dann viel messerscharfe Attacke, aber weder ihr noch Dmitri Semionov gelingt dieser Pas de deux mit dem nötigen Glanz. Was vor allem dem Dirigenten David Coleman anzukreiden ist, der die Sächsische Staatskapelle nachgerade durch die Partitur peitscht – das hört sich vielleicht ganz schön an, ignoriert aber komplett die Notwendigkeiten auf der Bühne. Die TänzerInnen hasten der Musik hinterher und müssen irgendwann kapitulieren – so können sie ihre Strahlkraft nicht entwickeln. Das ist auch dem Publikum in der fast ausverkauften Semperoper nicht entgangen, das nach zwei Vorhängen rasch nach Hause wollte.

Veröffentlicht am 01.05.2019, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 1470 mal angesehen.



Kommentare zu "In der Tradition hängengeblieben"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    AUF WANDERSCHAFT

    "Labyrinth": Erste Premiere in der Saison 18/19 beim Semperoper Ballett

    Auf "Vier Temperamente" von George Balanchine folgen Stücke von Martha Graham, Ohad Naharin und Joseph Hernandez. Das Licht des Anfangs lässt sich aber nicht verdunkeln.

    Veröffentlicht am 06.11.2018, von Boris Michael Gruhl


    EINDRUCKSVOLL

    "100°C" des Semperoper Ballett Dresden

    Dreiteiliger Ballettabend mit "Heatscape" von Justin Peck, "Gods and Dogs" von Jiří Kylián und "Corpse de Ballet" von Hofesh Shechter.

    Veröffentlicht am 04.06.2018, von Boris Michael Gruhl


    VON ROMANTIK UND KÜHLER GERADLINIGKEIT

    Frederick Ashtons „The Dream“ und David Dawsons „The Four Seasons“ an der Semperoper

    Das Dresdner Haus setzt in seinen Ballettabenden gern auf Kontrastprogramme. So auch hier mit gefühliger Romantik und kühler Stringenz.

    Veröffentlicht am 11.03.2018, von Rico Stehfest


    WENN DER TANZ DEN TOD BESIEGT

    David Dawsons „Giselle“ mit dem Semperoper Ballett in Dresden

    Mit grandiosen Rollendebüts in „Giselle“ erlebt man die große Kraft der Kompanie und einen glanzvollen Höhepunkt zum Ausklang der Saison

    Veröffentlicht am 20.06.2017, von Boris Michael Gruhl


    TIEFE BERÜHRUNG

    Balanchine, Kylián und Forsythe im Ballettabend „Vergessenes Land“ beim Semperoper Ballett in Dresden

    Durch die Choreografien dreier Ikonen des 20. Jahrhunderts werden ein Vielzahl von Assoziationen und Emotionen hervorgerufen, sowie tief empfindbare, konstruktive Verunsicherungen erzeugt.

    Veröffentlicht am 22.05.2017, von Boris Michael Gruhl


    EIN ABSCHIED, EIN DEBÜT, EIN GROßER BALLETTABEND IN DRESDEN

    „Manon“ von Kenneth MacMillan mit Melissa Hamilton in der Titelpartie und Jiří Bubeníček als Des Grieux

    Nicht zuletzt macht dieser hochemotionale Abend auch deutlich: Die Möglichkeiten des klassischen, bzw. neoklassischen Tanzes sind längst nicht ausgereizt.

    Veröffentlicht am 12.11.2015, von Boris Michael Gruhl


    DANK DEN SOLISTEN!

    „Tristan + Isolde“ als Ballett von David Dawson an der Semperoper Dresden

    Mit der Choreografie verhält es sich ähnlich wie mit der Musik Szymon Brzóskas. Sie konzentriert sich auf einige Akzente und Motive dieser Geschichte, ist vornehmlich an Isolde, Tristan, König Marke und Melot interessiert - und überzeugt nur partiell.

    Veröffentlicht am 16.02.2015, von Boris Michael Gruhl


    ROMANTISCHER JÜNGLING TRIFFT STARKE FRAU

    István Simon und Duosi Zhu als „Romeo und Julia“ beim Semperoper Ballett

    Mit den so harten wie unerbittlichen Klängen der Einleitung zum dritten Akt von Prokofjews Ballettmusik zu „Romeo und Julia“ beginnt die Dresdner Choreografie von Stijn Celis.

    Veröffentlicht am 24.09.2014, von Boris Michael Gruhl


    KRAFTVOLL

    Saisoneröffnung beim Semperoper Ballett

    „Kopf hoch“ bedeutet die italienische Redensart „Bella Figura“. Und so, wie die Tänzerinnen und Tänzer, die in der Wiederaufnahme dieser Choreografie von Jiří Kylián ihre Debüts geben, können sie erhobenen Hauptes in die neue Saison tanzen.

    Veröffentlicht am 08.09.2014, von Boris Michael Gruhl


     

    AKTUELLE NEWS


    VOM TANZEN LERNEN

    Anne-Hélène Kotoujansky aus Strasbourg gewinnt
    Veröffentlicht am 11.11.2019, von tanznetz.de Redaktion


    AUSGEZEICHNET

    Verleihung des Theaterpreises DER FAUST am Staatstheater Kassel
    Veröffentlicht am 11.11.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ACHTUNGSZEICHEN

    LOFFT und Villa Leipzig schaffen einmalige Strukturen
    Veröffentlicht am 29.10.2019, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    "SUTRA" VON SIDI LARBI CHERKAOUI

    Die Aufführung des Jahres 2009 bei den Festspielen Ludwigshafen

    Nachdem der gefeierte Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui 2007 Mönche des Shaolin-Tempels in der chinesischen Provinz Henan getroffen hatte, entwickelte er gemeinsam mit den Klosterbrüdern und dem Turner-Preisträger Antony Gormley sowie dem jungen polnischen Komponisten Szymon Brzóska "Sutra".

    Veröffentlicht am 12.11.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    „NICHT EIN X-BELIEBIGES MODERNES ENSEMBLE“

    Die Intendantin des Tanztheater Wuppertal Bettina Wagner-Bergelt im Interview
    Veröffentlicht am 27.09.2019, von Miriam Althammer


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DEUTSCHER TANZPREIS FÜR GERT WEIGELT

    Anerkennung für Isabelle Schad und Jo Parkes

    Veröffentlicht am 20.10.2019, von Marieluise Jeitschko


    NUR WER SEINEN KÖRPER GANZ IM GRIFF HAT, DER LERNT ZU FLIEGEN

    Splatter-Ballett „Tanz“ zu Gast an den Münchner Kammerspielen

    Veröffentlicht am 21.10.2019, von Vesna Mlakar


    EIN GROSSARTIG WAGHALSIGES BALLETT

    Christian Spuck choreografiert in Zürich „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“

    Veröffentlicht am 13.10.2019, von Marlies Strech


    SICHERHEIT IN DER UNSICHERHEIT

    „(In)Security“ feiert im schwere reiter München Premiere

    Veröffentlicht am 14.10.2019, von Peter Sampel


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP