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München

ERSTE SCHRITTE UND GRAND JETÉS IN ALLER VIELFALT

Frühlings-Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung



Vielfalt und Individualität zogen sich als Themen durch die diesjährige Matinee, die erneut das große Können der TanzschülerInnen zeigte.


  • "Im Wald" von Xin Peng Wang Foto © Wilfried Hösl
  • "Im Wald" von Xin Peng Wang Foto © Wilfried Hösl
  • "Chamber Colours" von Maged Mohamed Foto © Wilfried Hösl
  • "Chamber Colours" von Maged Mohamed Foto © Wilfried Hösl
  • "Individuell" von Peter Leung Foto © Wilfried Hösl
  • "Individuell" von Peter Leung Foto © Wilfried Hösl
  • "Paquita - Pas de sept bohémiens" von Marius Petipa rekonstruiert von Alexei Ratmansky Foto © Wilfried Hösl

Auf meine Frage an eine Zuschauerin, welches Stück ihr denn am besten gefallen habe, bekam ich die Antwort: „Ich bin beeindruckt von der Vielfalt der Stile, die die Tänzerinnen und Tänzer auf die Bühne bringen konnten.“ Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer: Denn auf die Vermittlung der Vielfalt der Tanzrichtungen kommt es in der professionellen Tanzausbildung an. Dieses Credo hatte sich die Ballettakademie der Hochschule für Musik und Theater München am vergangenen Sonntag auf die Fahnen geschrieben. „Diese Vielfalt ist es, die die Entwicklung der Persönlichkeit der jungen Tänzer fördert“, erklärt Ivan Liška auch Programmheft. Und so bildeten Vielfalt und die Individualität innerhalb einer humanen Gemeinschaft die Eckpfeiler der diesjährigen Frühlingsmatinee. Denn am vergangenen Sonntag hob sich wie seit mehr als 40 Jahren in der Bayerischen Staatsoper einmal mehr der Vorhang für die Ballettmatinée der Heinz-Bosl-Stiftung. Das Bayerische Junior Ballett München und die Ballett-Akademie der Hochschule für Musik und Theater konnten erneut ihr breites Tanzspektrum vor nahezu ausverkauften Haus unter Beweis stellen.

Ach, ja - Frühlingsputz: Die Matinée wird ab jetzt noch stärker multimedial begleitet - mit einem Videokanal, der Einblicke hinter die (Proben)Kulissen gewährt und einem Druckmedium, der Zeitung „Bosl-News“, mit Hintergrundberichten zu aktuellen Produktionen und Künstlerporträts.

Den frühlingshaften Auftakt des Ballettvormittags bildete der „Norwegische Tanz“ von E. Snetkova-Wetscheslova nach Klaviermusik von Edvard Grieg (Opus 12, Nr. 7): Fünf Kinderpaare eröffneten in luftigen Kostümen, leichtfüßigen Schrittfolgen und Tanzformationen, mal im Paartanz, mal in größeren Formationen - immer variationsreich in der schauspielerischen Gestik. In den Süden Europas führte uns das Bayerische Junior Ballett München, genauer gesagt nach Spanien zu „Paquita“ - mit dem „Pas de sept bohémiens“. Begleitet von sechs Tänzerinnen erlebte das Publikum eine von spanischer Folklore inspirierte Abfolge technisch anspruchsvoller Tänze. Mit elegant verführerischen Formationen mit Tamburin, knöcheltief angesetzten Pirouetten und nicht durchgestreckten Sprüngen kamen die fließenden Bewegungen auch durch die stimmigen Kostüme hervorragend zur Geltung. Stimmig ist dieser Programmpunkt auch deshalb, weil Alexei Ratmansky diese nahe am Original gehaltene Version im Jahr 2014 für das Bayerische Staatsballett erstmals auf die Bühne brachte.

Danach stand Beziehungsreiches mit „Bittersweet - Carousel“ auf dem Programm. Wie sich aus dem Titel von David N. Russos Choreografie ergibt, ging es hier um ein immer wiederkehrendes, wechselvolles Beziehungsspiel, das sich im wahrsten Sinne zu einer Kraftprobe steigerte, wie die kraftvollen und artistischen Hebungen sowie die ausdrucksstarken körperlichen Verschlingungen der Partner (Victoria Svetlana und Maksym Palamarchak) vor Augen führten.

In der Matinée wurden dann noch drei Uraufführungen gezeigt, zwei davon im modernen Tanzstil. „Im Wald“ von Xin Peng Wang, in dem sich sieben Tänzer des Bayerischen Junior Balletts mit dem Thema Urwüchsiges, Individualität und Gemeinschaft auseinandersetzten und „Individuell“ von Peter Leung, in dem die TänzerInnen als individuelle ProtagonistInnen mitwirkten. Aus diesem Grund hat Peter Leung die Choreografie für sein dreisätziges Werk „Individuell“ auch mit den Tänzerinnen und Tänzern gemeinsam erarbeitet. Ziel war es, den Tänzerinnen und Tänzern ihre Individualität bewusst zu machen und diese stärker zum Ausdruck zu bringen, wie man auch den Probenvideos auf der Internetseite der Bosl-Stiftung entnehmen kann. „Chamber Colours“ von Maged Mohamed war dann ein getanztes Zusammenspiel der Farben und Formen im neoklassischen Stil. Die einzelnen Farben, also die individuellen Bewegungen, verschmelzen wie in der Musik zu einem Farbklang mit unterschiedlichen Klangfarben. Vielleicht hat hier Paul Klee Pate gestanden? Jedenfalls läßt sich Klees Zitat über Farben auch auf „Chamber Coulours“ übertragen: „Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiß das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: ich und die Farbe sind eins.“ Das Zusammenspiel von Licht und Schatten, von Farben und Choreografie zeigt, dass bereits die Mitglieder der Ballettakademie über ein erstaunlich hohes künstlerisches wie technisches Niveau verfügen.

Inzwischen sind wir wieder in Spanien angelangt- ein Fest für Auge und Ohr, das durchaus an „Don Quixote“ erinnert, mit dem Unterschied, daß hier in „Laurencia“ von Vachtang Tchabukiani das Sujet alles andere als unbeschwert ist. Die Handlung, die diesem Ballett zugrunde liegt, basiert auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 1476, die in Félix Lope de Vegas Drama Eingang gefunden hat: Es geht um einen Aufstand der Einwohner gegen den dort ansässigen Gutsherrn, der junge Frauen missbraucht hat. Im Mittelpunkt der Handlung dieses Balletts bzw. der Suite steht die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen Laurencia und Frondoso, exzellent und technisch perfekt dargeboten von Risa Yatsuki (Laurencia) und Jurgen Rahimi (Frondoso). Auch die anderen Partien, wie die der Freundinnen, Freunden und weiterer Pas de deux setzen eine solide klassische und spanisch-folkoristische Tanztechnik voraus, auf die Nina Ananiashvili bei der Einstudierung von „Laurencia“ zurückgreifen konnte. Eigens zur Einstudierung ist die ehemalige georgische Primaballerina zum ersten Mal nach München gekommen. Dass Nina Ananiashvili noch unter dem Schöpfer des Balletts, Wachtang Tschabukiani, gearbeitet und damit das Werk aus erster Hand kennt, ist sicherlich als herausragendes Ereignis zu werten. Ananiashvilis berufliche Bilderbuchkarriere führte sie u.a. an das Moskauer Bolshoi-Theater und an das American Ballet Theatre, bevor sie 2004 die Leitung des State Ballet of Georgia übernahm. Nicht nur auf dem Gebiet des Tanzes, sondern auch musikalisch hat sich der Dirigent Mark Pogolski noch zusätzlich als Arrangeur ins Zeug gelegt. Die von ihm für eine kammermusikalische Besetzung bearbeitete Fassung wurde von Studierenden der Musikhochschule zur Aufführung gebracht. Musiker und Tanzensemble haben beide gleichermaßen davon profitiert.

Wen es nun weiter nach „Tanz dürstet“, so Liška, sollte sich die Matinée am kommenden Sonntag nicht entgehen lassen: Frühlings-Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung am 14.4.2019, 11.00 Uhr, Nationaltheater, München.

Veröffentlicht am 13.04.2019, von Sabine Kippenberg in Homepage, Gallery, Kritiken 2018/2019

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