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Zwickau

BALLETT IN DER KIRCHE

"Giselle" von Annett Göhre in der Zwickauer Lukaskirche



Wer seine Grenzen achtet, kann dennoch große Chancen entdecken. Annett Göhres Fassung des Klassikers "Giselle" in Zwickau liefert den Beweis.


  • "Giselle" von Annett Göhre Foto © Sermon Fortapelsson
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  • "Giselle" von Annett Göhre Foto © Sermon Fortapelsson
  • "Giselle" von Annett Göhre Foto © Sermon Fortapelsson

"Giselle" in der Zwickauer Lukaskirche. Eine klassische Version des romantischen Balletts nach Théophile Gauthier und Jules-Henri Vernoy de Saint-Georges mit der Musik von Adolphe Adam war nicht zu erwarten. Dennoch, die Erwartungen des Publikums an diese Premiere mit der kleinen Kompanie ihres Theaters waren hoch, die Kirche war gefüllt, wie sonst wohl nur am Heiligen Abend.

Die Lukaskirche ist eine Ausweichspielstätte, denn noch immer ist das Theater im historischen Gewandhaus der Stadt wegen sich ständig verzögernder Sanierungsarbeiten geschlossen. Dass Ballettdirektorin Annett Göhre gut mit diesem ungewöhnlichen Raum umzugehen weiß, hatte sie bereits mit ihrer choreografischen Inszenierung von "Ein Sommernachtstraum" bewiesen. Nun war man gespannt auf ihre "Giselle". Und auch mit diesem Werk und ihrer zeitgenössischen Deutung des klassischen Stoffes kann sie das Publikum überzeugen. Sie verlegt das Ballett zunächst in eine nicht näher lokalisierbare, aber spürbar gegenwärtige Alltagssituation, um dann doch in eine albtraumartige Szenerie der Wilis, die zu wilden Furien werden, zu wechseln. Tosender Beifall in der Kirche, eben doch nicht wie am Heiligen Abend.

Es beginnt ganz still. Judith Bohlen als Giselles Mutter Berthe mit in die Ferne gerichtetem Blick, zu sphärischer, zugespielter Musik von Ann Devira, ist voller Ahnungen. Und wenn das Orchester unter der Leitung von Vladimir Yaskorski hinter der Tanzfläche Adams herrliche Ballettmusik so hingebungsvoll zu spielen beginnt, dann ist das weit mehr als Hintergrundmusik. Der Tanz beginnt. Die jungen Leute haben gute Laune und Nicole Stroh als Giselle ist voller jugendlichem Übermut. Sie will es mal so richtig wissen. Wenn Mutter nicht hinsieht, nimmt sie einen kräftigen Schluck und an der Zigarette zieht sie auch mal. Und dann ist er da, dieser attraktive, kraftvolle junge Typ, Elliot Burke als Albrecht. Wohl kaum aus einem Adelsgeschlecht, aber aus anderen Gefilden schon. Und auf Anhieb fühlt er sich hier sichtbar wohl und dann reicht ein Blick von ihm, einer von ihr, und die Funken sprühen zwischen Giselle und ihm.

Schön, wie der Tanz deutlich macht, dass eine kraftvolle Pirouette viel erzählen kann über die die Situation einer gefühlsmäßigen Verwirrung, dass ein athletischer Sprung sowohl von augenblicklicher Freude als auch von dem Versuch geleitet sein kann, dieser Situation vielleicht besser zu entkommen. Die beiden entkommen einander jedoch nicht, es kommt alles ganz anders. Leonardo Laurent Mancuso als Hilarion, total verliebt in Giselle, hat leider keinen Blick für ihre von Justine Rouquart getanzte Freundin, die ihre Blicke von ihm wiederum gar nicht abwenden kann, lässt alles auffliegen. Und Albrecht ist verlobt mit Bathilde. Shahnee Page kreuzt hier nicht mit einer Jagdgesellschaft auf, aber sie durchkreuzt allein schon durch ihre Anwesenheit die schönsten Träume und das Unglück nimmt seinen Lauf.

Wie jetzt Elliot Burke diesem inneren Zwiespalt tänzerischen Ausdruck geben kann, das ist einer von etlichen Höhepunkten dieser Choreografie, der erzählenden Kraft der Bewegung, die die ZuschauerInnen immer wieder spürbar bewegt. Giselle kann mit dieser Enttäuschung nicht umgehen, sie bringt sich um und erwacht im zweiten Teil des Balletts zu neuem Leben, das ist aber auch alles andere als glücklich. Denn jetzt gehört sie zu den Wilis, betrogene Bräute als nächtliche Geister, zu denen im Zuge gendergerechter Gleichberechtigung hier auch sitzengelassene Männer gehören. Angeleitet und angetrieben von ihrer schwarzen Königin Myrtha vollführen sie wie Furien tödliche Rachetänze. Für Hilarion, der eigentlich Giselles Grab besuchen will, endet der Tanz tödlich. Mit ihrem energiegeladenen Spitzentanz gibt Miyu Fukagawa der Myrtha eine Gestalt, der man lieber nicht widerspricht. Besser es wird nach ihren Vorgaben getanzt, auch wenn die Hände der Wilis schon mal ängstlich zu flattern scheinen.

Die Macht der Willis ist begrenzt, das Morgengrauen setzt ihrem Tanz des Grauens ein Ende. Und so gelingt es Giselle ihren Albrecht, der in zerknitterter, reuevoller Haltung mit gebrochenem Herzen ebenfalls zu ihrem Grab kommt, vor dem Todestanz zu retten. Das Morgenglöckchen tönt von Ferne, der Spuk ist vorbei, Albrecht muss weiterleben. Nach dem, was er durchlebt hat, vielleicht eine größere Strafe als der Tod. Oder ist es doch die Metapher der Vergebung durch Liebe, die über den Tod hinaus geht? Das würde ja gut zum Ort passen.

Passend zu dieser choreografischen Inszenierung von Annett Göhre hat Annett Hunger so etwas wie große Puzzleteile mit üppigen Blütenmotiven entworfen, die sich zueinander fügen lassen, aber auch immer wieder in Einzelteile zerfallen. Also von Beginn an, ein Blütentraum mit Brüchen. Im zweiten Teil dann die Kehrseite dieser beweglichen Wunschbilder, die Blüten sind schwarz.

Erstaunlich, was da mit insgesamt zwölf Tänzerinnen und Tänzern gelungen ist, zu denen auch Momoe Kawamura, Juan Bockamp, Hugo Mercier, Vincenco Vitanza und Jens Weber gehören. Man traut den Augen nicht, wie sie blitzschnell Rollen und Stile wechseln. Die Mitglieder der Statisterie und des Bewegungstrainings ergänzen in sehr angemessener Art und Weise die hohen Ansprüche dieser Aufführung.

Veröffentlicht am 03.04.2019, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Gallery, Kritiken 2018/2019

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