HOMEPAGE



Leipzig

WAS LANGE DAUERTE, WURDE DOCH NOCH GUT

Das dreiwöchige Festival „Open! Now!“ in Leipzig



Vergangene Woche eröffnete das Leipziger Lofft mit einem Festival seine neue Spielstätte in der Baumwollspinnerei. Den Anfang machte eine Inszenierung, die man gern auch als Versprechen für die Zukunft dieses freien Theaters lesen möchte.


  • "Set of Sets" von Guy Nader und Maria Campos im LOFFT Leipzig Foto © Alfred Mauve

Die Eröffnungsaufführung eines Theaterfestivals ist immer eine heikle Sache. Gilt es doch ein Stück zu finden, das in seiner Qualität die künstlerische Festival-Programmatik mit formuliert und zugleich eine gewisse Leichte und Zugänglichkeit in sich trägt. Kunst ja, aber bitte eine, die auch ein breiteres Publikum anspricht – so die ungefähre Zielvorgabe.

Ein Balanceakt, der nicht einfacher wird, wenn, wie im Falle des Lofft, ein solcher Festival-Opener dann auch gleich noch eine neue Spielstätte, gar ein neues Theaterhaus einweiht. Eins, das dieser freien Bühne in ihrer Bedeutung und Ausstrahlung endlich gerecht wird. Nach einem jahrelangen Quasi-Provisorium in einem Haus mit dem Theater der Jungen Welt, das einer zunehmend die Geduld aller Involvierten strapazierenden Zwangsehe gleichkam, verfügt das Lofft jetzt über exponierte Räumlichkeiten auf dem nicht minder exponierten Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei. Was unabhängig von allen kulturpolitischen Aspekten zugleich eine künstlerische Steilvorlage markiert. Und vielleicht will man es auch deshalb nur zu gern als Omen sehen, wie gut dieser Balanceakt des Eröffnungsabends jetzt mit „Set of Sets“ der katalanische GN/MC-Company gelungen ist.

GN/MC steht für Guy Nadar und Maria Campos; die künstlerischen Köpfe eines Ensembles, das indes auch in „Set of Sets“ zuallererst einmal eins zeigt: Wie sich Hierarchien aufheben, sich eine Gruppe Körper zum homogenen Ganzen, zu einem echten Bewegungs-Organismus verfügen können. Und zwar ohne dass dabei auch nur für einen Moment die Individualität der auf der Bühne agierenden drei Tänzerinnen und vier Tänzer nivelliert wird.

Teilchenbewegung im Teilchenbeschleuniger: Zu den rhythmisch treibenden, von Miguel Marin live an Computer und Schlagwerk gerierten Sounds, setzt „Set of Sets“ eine dynamische, aber nie das Gleichmaß verlierende Rotation in Bewegung. Einen zirkulierenden Fluss, der so konzentriert wie geschickt mit der Energie im Raum zwischen den Körpern arbeitet. Magnetfelder schafft, die die Tänzerinnen und Tänzer bald zu Gruppenskulpturen formen, diese wieder auflösen, neu variieren, auflösen. Und dabei, zwischen mitunter akrobatisch virtuosen Hebungen und Sprüngen, die Kontrapunkte eines für Sekunden atmenden Stillstands, Augenblicke eines pulsierenden Verharrens schafft.

Bis sich seinerseits auch dieses Verharren in seinen oft vertrackten, auch kompliziert pittoresken Körperposen, wieder auflöst. Hin in jenen letztlich nicht zu stoppenden, schier ewig währenden Bewegungsfluss, der sich in seinen Bündelungen und Zerstreuungen im Bühnenraum geradezu wie ein Molekularkreislauf strukturiert. Als wäre „Set of Sets“ der Versuch, die innere, mikroskopische Textur der Zeit zu erfassen. Mit einem Tanz der reinen Form. Einer choreografischen Allegorie, in der jede Nähe, jedes Finden und Verfügen, sich nur als ein weiterer Moment ewigen Vergehens zeigt. Dass die Inszenierung in zwei, drei Momenten mit der Suggestion spielt, an ihr Ende gelangt zu sein, nur um noch einmal aufzubrechen in ihren Bewegungsfluss, ist da nur konsequent.

So wie die Ovationen angemessen sind, wenn nach 60 Minuten dann tatsächlich Schluss und somit ein vielversprechender Anfang gemacht ist. Und das meint nicht nur dieses Festival.

Veröffentlicht am 02.04.2019, von steffen georgi in Homepage, Gallery, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 904 mal angesehen.



Kommentare zu "Was lange dauerte, wurde doch noch gut"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    BIS INS JAHR 2100

    PHASE-ZERO PRODUCTIONS mit neuer Produktion im LOFFT Leipzig

    In „Curious Minds“ wird die Neugier thematisiert, weitestgehend als kreativer Antrieb für die zu erkundenden Formen der Bewegung, für Annäherungen und Ablehnungen und vor allem die Konstellationen im Gegen- und Miteinander des Tanzes.

    Veröffentlicht am 14.12.2017, von Boris Michael Gruhl


    ANDERE ORTE, ANDERER TANZ

    In der Reihe „Intershop“ choreografieren Tänzerinnen und Tänzer vom Leipziger Ballett an besonderen Orten der Stadt

    In diesem Jahr ist es die Leipziger Baumwollspinnerei in Kooperation mit dem LOFFT.

    Veröffentlicht am 03.07.2017, von Boris Michael Gruhl


    ECHTES TANZ-THEATER

    Gelungener Auftakt der Tanzoffensive mit „Krump'n'Break Release“ im Lofft Leipzig

    Am Donnerstag eröffnete im nicht ganz ausverkauften Lofft die diesjährige Tanzoffensive mit einer französisch-deutschen Koproduktion. „Shifts“ nennen die Choreografen Malgven Gerbes und David Brandstätter ihr Ensemble.

    Veröffentlicht am 04.05.2015, von Gastbeitrag


    SO ODER SO KANN TANZ SEIN

    Das Festival „Luxival“ präsentiert im Leipziger LOFFT Tanz aus Luxemburg

    Drei atemberaubende Kurzstücke waren angekündigt für den ersten von zwei Festivalabenden. Den Atem verschlug es einem nicht an diesem Abend, eher wohl die Sprache angesichts solcher Beiträge.

    Veröffentlicht am 18.01.2015, von Boris Michael Gruhl


    AUGENBLICKE DES GLÜCKS

    MichaelDouglas Kollektiv, das Tanzlabor Leipzig und Sylvana Seddig im LOFFT Leipzig

    Diesmal ist es ganz wörtlich zu nehmen, das Thema des Festivals."Tanztausch" ist bewegtes wie bewegendes Geben und Nehmen. Hier geben alle und hier bekommen alle mehr als sie geben konnten, und noch viel mehr bekommt das Publikum.

    Veröffentlicht am 23.06.2014, von Boris Michael Gruhl


    EINE BRAUT AUF DER FLUCHT

    Eröffnung des Festivals „Tanztausch“ im Leipziger LOFFT

    Jelena Kostic' „A short odyssee I Woman“ kommentiert „The Virgin´s Voice“ von Reut Shemesh, worauf die Männer-Version mit „Go Tell The Woman (We Are Leaving)“ von Pia Meuthen folgt.

    Veröffentlicht am 23.06.2014, von Boris Michael Gruhl


    ZWÖLFMAL TANZ AN ZWÖLF ORTEN: "MIT ALICE IN DEN STÄDTEN“

    Das Künstlerkollektiv Go Plastic aus Dresden im Leipziger LOFFT

    Veröffentlicht am 11.09.2012, von Boris Michael Gruhl


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    DAS WAR’S

    Rückblick auf die Tanzwerkstatt Europa 2019 in München
    Veröffentlicht am 15.08.2019, von Vesna Mlakar


    SPEKTAKULÄR UND POLITISCH

    (La)Horde mit „Marry Me In Bassiani“ in der Kampnagelfabrik
    Veröffentlicht am 10.08.2019, von Annette Bopp


    GRENZEN DES MENSCHLICHEN KÖRPERS

    Die Eröffnung der Tanzwerkstatt Europa 2019 in München
    Veröffentlicht am 03.08.2019, von Gastbeitrag



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SENSEFACTORY-RAHMENPROGRAMM: DAS TOTALE TANZ THEATER 360°

    Das 360º Musik Video mit einer Choreographie von Richard Siegal

    Das ganze Theater soll Bühne sein! Das Totale Tanz Theater macht den Bauhaus-Traum eines „Totaltheaters“ im Jubiläumsjahr wahr, lässt Körper und Raum verschmelzen und überführt die Bühnenexperimente von Walter Gropius und Oskar Schlemmer mittels Virtual Reality ins digitale Zeitalter.

    Veröffentlicht am 16.08.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    JOHANN KRESNIK IST TOT

    Das deutsche Tanztheater hat einen seiner Pioniere verloren

    Veröffentlicht am 28.07.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal

    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    SPEKTAKULÄRES DEBÜT

    Shale Wagman als James in „La Sylphide“ am Mariinsky Theater St. Petersburg

    Veröffentlicht am 26.07.2019, von Gastbeitrag


    EMPÖRUNG IN DER BERLINER TANZSZENE

    Versprechen aus dem Koalitionsvertrag nur teilweise eingelöst

    Veröffentlicht am 04.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ZU EHREN TERPSICHORES

    "Terpsichore-Gala I" im Nationaltheater zum 10jährigen Bestehen des Bayerischen Staatsballetts

    Veröffentlicht am 09.10.1999, von Katja Schneider



    BEI UNS IM SHOP