HOMEPAGE



Chemnitz

MAL KLASSISCH UND MAL WIEDER NICHT

Der Krieg am "Schwanensee" als Neudeutung des Klassikers erschöpft sich schnell



Es soll wohl klassischer werden beim Ballett in Chemnitz - und zugleich auch wieder nicht. So wirkt Sabrina Sadowskas und Eno Pecis Interpretation des "Schwanensee" in ihrer Collage-artigen Mischform der Stile eher wie eine programmatische Ansage.


  • "Schwanensee" von Eno Peci und Sabrina Sadowska: Nela Mrázová (Odile - Mitte); Ballettensemble Foto © Nasser Hashemi
  • "Schwanensee" von Eno Peci und Sabrina Sadowska: Laura Costa Chaud (Odette - Mitte); Ballettensemble Foto © Nasser Hashemi
  • "Schwanensee" von Eno Peci und Sabrina Sadowska: Jean-Blaise Druenne (Siegfried - li.), Yester Mulens Garcia (Vater Rotbart – 2.v.l.), Nela Mrázová (Odile – Mitte li.), Laura Costa Chaud (Odette – Mitte re.); Ballettensemble Foto © Nasser Hashemi

Es soll wohl klassischer werden beim Ballett in Chemnitz - und zugleich auch wieder nicht. So wirkt die Uraufführung des Balletts „Schwanensee“ zur Musik von Peter Tschaikowsky und einem Libretto der Ballettdirektorin Sabrina Sadowska in ihrer Collage-artigen Mischform der Stile eher wie eine programmatische Ansage. In den Akten zwei und vier im "Schwanensee" folgt man choreografischen Vorgaben der zweiten Fassung des Balletts von Lew Iwanow nach Marius Petipa aus der St. Petersburger Uraufführung von 1895. Die Einstudierungen verantwortet Sabrina Sadowska. Für die Akte eins und drei hat Eno Peci, Tänzer beim Ballett der Wiener Staatsoper und seit einigen Jahren auch als Choreograf tätig, eigene Fassungen kreiert.

Es beginnt auf einem Jahrmarkt vor einem Karussell, dem „Schwanendreher“, das sich jedoch nicht dreht (Bühne: Thomas Mika). Dem Programmheft nach ist es kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Bevor sie an die Waffen müssen, wollen sich ein junger Mann namens Siegfried und seine Freunde noch einmal vergnügen. Es wird viel getrunken, aus leeren Bechern, versteht sich, mit großen Gesten und sofortigem Stolpern. Zigeuner, Halunken und Händler sind dabei, auch der gestrenge Vater Rotbart, eine Art Showmaster mit Stöckchen, mit seinen beiden Töchtern Odette und Odile. Die Töchter entdecken den von Jean-Blaise Druenne getanzten Siegfried. Er erblickt Odette, es funkt, Vater Rotbart funkt dazwischen. Tänzerisch bleibt das alles recht vage, das choreografische Material von Eno Peci scheint begrenzt, mitunter eher gymnastisch als tänzerisch. Wenn die Jungs an die Front müssen, dann tanzen sie mit Gewehren, das wirkt schon ein wenig peinlich, denn es fehlt an tänzerischen, existenziellen Grundierungen.

Im Gefecht am Schwanensee wird Siegfried verwundet. Odette erscheint ihm als Schwanenprinzessin, ein Liebestraum, getanzt von Laura Costa Chaud als Gast vom Leipziger Ballett. Sie hat diese unverzichtbare Energie der Leichtigkeit dieser Tanzkunst, bei der mit der Kunst des Spitzentanzes seelische Verunsicherungen zu sichtbaren Ambivalenzen der aus dem Innern hervorbrechenden Bewegtheit werden. Ganz so traumhaft geraten leider die weißen Bilder der Schwäne nicht, für die sich das Ballett der Theater Chemnitz Gäste in Kooperationen mit dem Tanzkonservatorium aus Prag, aus Palermo und von der Staatlichen Ballettschule Berlin geholt hat. Was synchron vorgesehen ist, kommt nicht immer so ganz ins klassische Maß, manchmal auch ins Wanken. Zudem fehlt es noch an Melancholie und schwebender Stimmung dieser Art des klassischen Spitzentanzes dessen anspruchsvolle Technik ja eben nicht um ihrer selbst willen da ist. Sehr erdverbunden auch das Allegro moderato, Pas de quatre, Tanz der vier kleinen Schwäne. Für den verwundeten Siegfried endet der Traum am Schwanensee nicht tödlich, Freund Benno rettet ihn, er wird wieder zu Kräften kommen. Dann ist der Krieg zu Ende, Spuren hat er nicht hinterlassen, jedenfalls keine sichtbaren.

Odettes Schwester Odile ist zum Filmstar geworden, wird gefeiert und umschwärmt. Odette scheint sich auf dieser Glamourparty nicht wohl zu fühlen. Ihr Herz bricht völlig, als Siegfried kommt und sich auch noch Hals über Kopf in ihre Schwester verliebt. Von einer Verwechslung, wie sonst, wenn beide Rollen von einer Tänzerin verkörpert werden, kann hier nicht die Rede sein, selbst wenn Nela Mrázová als Odile ganz in klassischer Manier zum speziell eingerichteten Pas de deux im entsprechenden Tutu-Kostüm erscheint.

Das scheint nur eine von mehreren dramaturgischen Ungereimtheiten des Librettos dieser Chemnitzer Uraufführung zu sein. Leider kann Eno Peci mit seinen choreografischen Versuchen des Aufbruchs und Übermutes trügerischer Unbeschwertheit der sogenannten goldenen zwanziger Jahre auch hier nicht entsprechend überzeugen. Schade, dass es in einer solchen Fassung keine Divertissements, keine Nationaltänze gibt, denn Eno Pecis Übungen der Tänzerinnen und Tänzer an den Barhockern verlieren sich leider sehr schnell in tänzerischer Leere.

Die verzweifelte Flucht Odettes, die sich verraten fühlt, führt sie, getrieben von Selbstmordgedanken, wieder an den Schwanensee und folgerichtig auch hinein. Siegfried folgt ihr, retten kann er sie ebenso wenig wie der Vater. Oder - gibt es auch hier für die Liebenden ein rettendes Ufer? Werden sich die Flügel der berühmten Pose des sterbenden Schwanes, wie sie dann auch Fokine in seinem legendären Solo verwendete, erheben? Rotbart stünde hier ja dem Glück der Liebenden nicht mehr im Weg, so dass ihm die Flügel nicht mehr gebrochen werden müssen. Dann könnte auch in der Chemnitzer Fassung ein Liebestraum in Erfüllung gehen. Gemessen an den begeisterten, jubelnden Reaktionen des Premierenpublikums dürfte zumindest ein Traum in Erfüllung gegangen sein, nämlich künftig wieder dem klassischen Ballett mehr Raum zu geben. Ein Anfang ist gemacht, aller Anfang ist schwer, ein Zeichen ist gesetzt. Immerhin. Die Arbeit folgt auf dem Fuß.

Veröffentlicht am 01.04.2019, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Gallery, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 477 mal angesehen.



Kommentare zu "Mal klassisch und mal wieder nicht"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    PERSÖNLICH. PERSÖNLICHKEIT

    Peter Svenzons "Persona" am Theater Chemnitz

    "Showcase" heißt eine Reihe des Chemnitzer Balletts - mit Auftritt im Probensaal: Das Publikum hockt direkt am Schwingbodenrand. Wer zuguckt, bebt mit, bekommt Schweiß ab und muss die Beine anziehen, damit die Tänzer nicht drüber stolpern.

    Veröffentlicht am 21.01.2019, von Gastbeitrag


    JEDER TANZT FÜR SICH ALLEIN

    Ballett nach Motiven von Edward Hopper am Theater Chemnitz

    Der zweiteilige Abend „Gesichter der Großstadt“ von Rainer Feistel und Yiming Xu ergründet die Tiefen menschlicher Einsamkeit mit Choreografien voller Zuneigung und einer breiten musikalischen Palette.

    Veröffentlicht am 31.10.2016, von Boris Michael Gruhl


    TÖDLICHES MOBBING ZU ROMANTISCHER MUSIK

    Erfolg für Rainer Feistel mit dem Ballett „Giselle“ in Chemnitz

    Sein Ballett heißt ganz bewusst „Giselle“, denn das junge Mädchen steht im Mittelpunkt. Giselle lebt schüchtern und zurückgezogen, ist aber von einer großen, unbestimmten Sehnsucht befallen.

    Veröffentlicht am 27.04.2015, von Boris Michael Gruhl


    SANFTE MUSIK UND SCHÖNE MENSCHEN

    Reiner Feistel zelebriert „König Artus“ als Ballett in Chemnitz

    Das Mittelalter lebt in Comics, Blogbustern im Mainstream à la Hollywood, Computerspielen und immer wieder auf den Theaterbühnen. Für seine erste Uraufführung als Chef des Chemnitzer Balletts wählte Feistel Motive der Artus-Geschichte, deren Ursprünge nach Britannien in das fünfte Jahrhundert führen.

    Veröffentlicht am 30.03.2014, von Boris Michael Gruhl


    EROS UND JAHWE, „SERENADE“ UND „KADDISH“, LIEBE UND GEBET

    Das Ballett Chemnitz eröffnet mit einem fulminantem Bernstein-Tanzabend die Tage der jüdischen Kultur in Chemnitz

    Veröffentlicht am 22.02.2010, von Boris Michael Gruhl


     

    AKTUELLE NEWS


    MISSHANDLUNGEN AN DER BALLETTSCHULE DER WIENER STAATSOPER?

    Die Ballettakademie sieht sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert
    Veröffentlicht am 11.04.2019, von tanznetz.de Redaktion


    GERT WEIGELT ERHÄLT DEUTSCHEN TANZPREIS 2019

    Ehrungen für Jo Parkes und Isabelle Schad für herausragende künstlerische Entwicklungen
    Veröffentlicht am 05.04.2019, von Pressetext


    FREUNDLICH

    John Neumeier mit dem Freundschaftspreis der Volksrepublik China geehrt
    Veröffentlicht am 29.03.2019, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    POSTERINOS TANZREFLEXIONEN ÜBER DIE MODERNE WELT

    25./ 26./ 27. April 2019: Zweiteiliger Tanzabend mit Uraufführungen von Gaetano Posterino im Münchner Theater HochX

    Posterino Dance Company präsentiert mit „Mondo Paradiso“ und „Pink and Blue“ drei volle Tanzabende über brisante Themen: Es geht um Umweltverschmutzung und Klimawandel sowie Gendergrenzen.

    Veröffentlicht am 20.03.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    KÖSTLICHE KOSTPROBEN UND GEBALLTE TANZLUST

    "b.39" in Düsseldorf

    Veröffentlicht am 13.04.2019, von Marieluise Jeitschko


    MISSHANDLUNGEN AN DER BALLETTSCHULE DER WIENER STAATSOPER?

    Die Ballettakademie sieht sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert

    Veröffentlicht am 11.04.2019, von tanznetz.de Redaktion


    GENDER-UTOPIEN

    „Kylián/Goecke/Montero“ in Nürnberg

    Veröffentlicht am 15.04.2019, von Alexandra Karabelas


    ERSTE SCHRITTE UND GRAND JETÉS IN ALLER VIELFALT

    Frühlings-Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung

    Veröffentlicht am 13.04.2019, von Sabine Kippenberg


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp



    BEI UNS IM SHOP