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DYNAMISCHE RUHE

Die neueste Kreation von William Forsythe mit sieben ihm verbundenen TänzerInnen



Mit „A Quiet Evening of Dance“ hat William Forsythe ein neues Meisterwerk auf die Bühne gebracht, das er zusammen mit sieben seiner engsten TänzerInnen schon im vorigen Jahr erarbeitet hat. Forsythe führt hier die Untersuchung des klassischen Tanzes weiter, die er seit Beginn seiner fulminanten Karriere verfolgt.


  • William Forsythe "A Quiet Evening of Dance" - "Seventeen-Twentyone", Ander Zabala, Riley Watts, Brigel Gjoka Foto © Bill Cooper
  • William Forsythe "A Quiet Evening of Dance" - "Dialogue", Brigel Gjoka, Riley Watts Foto © Bill Cooper
  • William Forsythe "A Quiet Evening of Dance" - "Dialogue", Brigel Gjoka, Riley Watts Foto © Bill Cooper
  • William Forsythe "A Quiet Evening of Dance" - "Dialogue", Riley Watts Foto © Bill Cooper
  • William Forsythe "A Quiet Evening of Dance" - "Epilogue", Jill Johnston Foto © Bill Cooper
  • William Forsythe "A Quiet Evening of Dance" - "Seventeen-Twentyone", Christopher Roman, Jill Johnston Foto © Bill Cooper
  • William Forsythe "A Quiet Evening of Dance" - "Seventeen-Twentyone", Rauf "RubberLegz" Yasit, Brigel Gjoka Foto © Bill Cooper
  • William Forsythe "A Quiet Evening of Dance" - "Seventeen-Twentyone", Rauf "RubberLegz" Yasit, Parvaneh Scharafali Foto © Bill Cooper

Schon während die Zuschauer die Plätze einnehmen, stiehlt sich ein leicht irritierendes leises Gezwitscher in die Ohren des Publikums. Wie jetzt? Hat sich da ein Piepmatz im Gebälk der Kampnagelfabrik ein Nest gebaut? Aber schnell wird klar: Das Zirpen und Flöten gehört zum Stück. Es ist lange Zeit das einzige Geräusch, das zu vernehmen ist an diesem Abend – vom betonten Atmen der beiden Tanzenden abgesehen. Und so trägt diese neue Kreation von William Forsythe ihren Titel durchaus zu Recht, der gesamte erste Teil bis zur Pause ist eine Übung in stiller Konzentration auf das Wesentliche: den Tanz. Es ist erstaunlich, wie still es werden kann in der großen K6, in der sonst gerne mal viel Unruhe herrscht, wenn jemand zu spät kommt und die Dielen der alten Tribüne quietschen und knarzen. Nichts (oder nur sehr, sehr wenig) davon ist an diesem Abend zu venehmen. Es ist, als halte das gesamte Publikum wie gebannt den Atem an.

Die ebenso amüsante wie nachdenkliche Collage aus fünf einzelnen und doch innigst miteinander verbundenen Stücken für sieben TänzerInnen beginnt mit „Prologue“, einem Pas de deux, in dem Parvaneh Scharafali und Ander Zabala ein bewegungsfreudiges Miteinander, Umeinander, Nebeneinander und Gegeneinander aufblättern, immer nur begleitet von dem eingangs erwähnten leisen Zirpen und Tschilpen und dem eigenen deutlich akzentuierten Aus- und Einatmen. Die Choreografie ist erkennbar Forsythe: diese bodenverhafteten, unglaublich schnellen Stellungswechsel, das Verschieben des Schwerpunkts in alle möglichen Richtungen, so dass sich immer wieder neue Perspektiven öffnen.

Noch beeindruckender und intensiver dann „Catalogue“ mit Jill Johnston und Christopher Roman. Forsythe hat dieses schon früher entstandene Stück, das komplett ohne Musik auskommt, noch einmal deutlich überarbeitet. Die beiden stehen über lange Zeit nur nebeneinander auf der leeren, nur von oben beleuchteten, schwarz abgehängten Bühne und bewegen ausschließlich Hände und Arme – aber das so phänomenal, dass man manchmal meint, diese Gliedmaßen hätten sich komplett verselbständigt und führten einen sehr besonderen, eigenständigen Dialog. Erst nach und nach kommen die anderen Körperteile dazu, greifen die Bewegungen mehr Raum – und schließlich wieder ganz zueinander zu finden. Atemberaubend!

Bei „Epilogue“ kommt erstmals Musik ins Spiel – die „Nature Pieces from Piano No 1“ von Morton Feldman, hingetupfte Klänge, zu denen sich die vier TänzerInnen in einem neuen Bewegungsreigen zusammenfinden. Danach wird es wieder still, aber umso lebendiger auf der Bühne: Mit „Dialogue“ hat Forsythe den beiden Ausnahmetänzern Brigel Gjoka und Riley Watts eine fulminante Entfaltungsmöglichkeit gegeben – es ist ein brillanter, witziger, unglaublich dynamischer Dialog zu zwei Körpern.

Und wie eine Synthese von allem dann „Seventeen/Twenty One“ nach der Pause, dieses Mal auf weißem, nur von schwarzen Querstreifen durchzogenen Tanzteppich. In Forsythes Interpretation klassischer Balletregeln trifft hier Barock auf HipHop. Fast wie eine Erlösung mutet es an, dass jetzt auch Musik dabei ist, Barockmusik noch dazu: „Hippolyte et Aricie“ von Jean-Philippe Rameau aus der Entstehungszeit des Balletts. Es sind zehn kurze Begegnungen für zwei TänzerInnen, zwischendurch gibt es auch mal ein Solo, und immer wieder wird die Szenerie durch den fabelhafteb Breakdancer Rauf „RubberLegz“ Yasit bereichert. Wie ein kleiner Derwisch fegt er immer wieder zwischen die Tanzenden, bis sich alle schließlich zu einem bunten, fröhlichen Schlusstableau zusammenfinden.

Mit „A Quiet Evening of Dance“ hat William Forsythe ein neues Meisterwerk auf die Bühne gebracht, das er zusammen mit sieben seiner engsten TänzerInnen schon im vorigen Jahr erarbeitet hat, die Uraufführung war 2018 am Saddlers Wells Theatre in London. Es ist die leichtfüßige, brillante Synthese seiner fulminanten Schaffenskraft. Das Publikum feierte das zu Recht mit lang anhaltendem begeistertem Jubel.

Veröffentlicht am 31.03.2019, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2018/2019

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