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Werden ist schwer – das zeigt Iván Pérez im neuen Tanzstück am Theater Heidelberg



Damit etwas werden kann, braucht es Wurzeln und Freiraum, Halt und kreativen Freiraum. Und es darf, es muss auch mal was schiefgehen. Diesen Prozess hat der Heidelberger Tanzchef zum Thema seines neuen Tanzabends „Becoming“ gemacht.


  • Iván Pérez' neues Tanzstück "Becoming" am Theater Heidelberg: Yi-Wei Lo, Veronika Akopova, Inés Belda Nácher, Axier Iriarte, Kuan-Ying Su, Orla McCarthy Foto © Sebastian Bühler
  • Iván Pérez' neues Tanzstück "Becoming" am Theater Heidelberg: Yi-Wei Lo, Inés Belda Nácher, Veronika Akopova, Andrea Muelas Blanco, Axier Iriarte, Arno Brys Foto © Sebastian Bühler
  • Iván Pérez' neues Tanzstück "Becoming" am Theater Heidelberg: Yi-Wei Lo, Arno Brys, Marc Galvez, Andrea Muelas Blanco, Jacqueline Trapp, Veronika Akopova Foto © Sebastian Bühler

Damit etwas werden – sich entwickeln, wachsen, mit Leben füllen – kann, braucht es Wurzeln und Freiraum, Halt und kreativen Freiraum. Und es darf, es muss auch mal was schiefgehen. Diesen Prozess hat der Heidelberger Tanzchef Iván Pérez zum Thema seines neuen Heidelberger Tanzabends gemacht. In der intimen Atmosphäre des Zwinger 1 sind die ZuschauerInnen ganz nah dran an dem, was sich auf der Tanzfläche abspielt.

Für noch mehr Nähe zum Produktionsprozess sorgten begleitende Angebote: Komponist Rutger Zuydervelt, der die Aufführungen live begleitet, gab vor Premierenbeginn Einblicke in die ungewöhnlich intensive Zusammenarbeit zwischen Musiker und Choreograf. Als das Stück vor zwei Jahren erstmals entwickelt wurde, konnte er die Probenarbeit vier Wochen lang intensiv teilen. Das Ergebnis war ein 45-Minuten-Stück mit für drei Tänzer. Aber die Choreografie „Becoming“ ist von ihrer Struktur her ein „work in progress“: Die aktuelle Heidelberger Version bindet die ganze Kompanie ein (zur Premiere zehn TänzerInnen) und dauert fünf Viertelstunden.

Zur inhaltlichen Einstimmung durften vor den Profis erst einmal die Laien, sprich das Publikum, auf den weißen Tanzboden: Schuhe aus für einen Workshop in Sachen achtsamer Körperarbeit mit Iván Pérez. Die TeilnehmerInnen bekamen eine körperlich fassbare Ahnung von den Zumutungen, mit denen sich die TänzerInnen während der Probenarbeit auseinandersetzen mussten. Denn Pérez ist zwar ein Mann der leisen Töne, aber in seinen Visionen sehr konsequent. Ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch die drei Arbeiten zieht, die bislang von ihm in Heidelberg zu sehen waren, ist die zentrale Bedeutung einer Gruppe, einer sozialen Gemeinschaft, als eigenständiger Organismus.

So agieren seine Ensemblemitglieder über den gesamten Zeitraum im Berührungskontakt, der niemals abreißen darf. Diese wichtigste Herausforderung des Bewegungsmaterials stellt hohe Anforderungen an die Anpassungsfähigkeit jedes Einzelnen – und ist manchmal mit dem vorgegebenen Bewegungsvokabular nicht lösbar. Dann muss improvisiert werden. Hauptsache: nicht loslassen und nicht umfallen. So bewegt sich die Gruppe wie ein amorpher Zwanzigfüßler vom Sitzen über Krabbeln zum aufrechten Gang, in dem die Körperteile aller immer wieder synchronisiert werden müssen.

Rutger Zuydervelt gibt dafür nicht etwa rhythmische Vorgaben – das wäre zu einfach. Nein, in der Kombination von Elektronik und mechanischen Klang-Geräten (es darf schon mal eine Metallfeder sein oder ein Kinderspielzeug) schafft er einen betörend sirrenden, sinnlichen Klangsog, der in seinen besten Momenten Trancequalität besitzt. Live am Mischpult geht er auf die emotionale Qualität der Aufführung ein, die bei jedem Durchlauf anders ist: mal mit mehr, mal mit weniger Reibung, mal flüssiger, mal mit mehr Höhen und Tiefen.

Anfangs, so verriet Iván Pérez, war die Reibung in seinem Ensemble groß. Und so war Reden, Verstehen und Verarbeiten der entstandenen Konflikte ein zentraler Teil der Probenarbeit. Denn so sanft und nachgiebig der Heidelberger Ballettchef auch wirkt, von seiner Vorstellung einer organischen Gemeinschaft als Zentrum jeder Entwicklung weicht er keinen Millimeter ab. So gibt es für die höchst unterschiedlichen Individuen in seinem Ensemble auch keine individuelle Spielfläche. Ganz am Ende des Stückes dürfen die TänzerInnen sich loslassen und stehen, perfekt auf einander bezogen, im Kreis.

Gemessen an der Bandbreite des zeitgenössischen Tanzes nehmen die Arbeiten die bisherige Heidelberger Tanzchefin Nanine Linning und ihr Nachfolger ziemlich entgegengesetzte Positionen ein. Vielleicht ist gerade diese Tatsache ein Grund dafür, dass es mit Pérez und dem Heidelberger Publikum bislang ziemlich gut klappt.

Veröffentlicht am 24.03.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Gallery, Kritiken 2018/2019

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Kommentare zu "Da müssen sie durch"



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