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Paris

BACH ROCKS

Anne Teresa de Keersmaekers Kompanie ROSAS mit „Sechs Brandenburgische Konzerte“ zu Gast im Pariser Palais Garnier



Unzählige Varianten des Gehens, Rennens, Kickens, Drehens, Hopsens und Springens in klaren geometrischen Figuren schaffen einen spannenden Gegenpart zu Bachs Musik.


  • "Sechs Brandeburgische Konzerte" von Anne Teresa de Keersmaeker Foto © Laurent Philippe/ Opéra National de Paris
  • "Sechs Brandeburgische Konzerte" von Anne Teresa de Keersmaeker Foto © Laurent Philippe/ Opéra National de Paris
  • "Sechs Brandeburgische Konzerte" von Anne Teresa de Keersmaeker Foto © Laurent Philippe/ Opéra National de Paris
  • "Sechs Brandeburgische Konzerte" von Anne Teresa de Keersmaeker Foto © Laurent Philippe/ Opéra National de Paris
  • "Sechs Brandeburgische Konzerte" von Anne Teresa de Keersmaeker Foto © Laurent Philippe/ Opéra National de Paris

Die ‚Übersetzung‘ von Bachs Partitur in Tanz – nichts weniger nimmt sich Anne de Keersmaeker in ihrem Stück „Sechs Brandenburgische Konzerte“ vor, das im letzten Jahr in Berlin uraufgeführt wurde und mit dem ihre Kompanie ROSAS derzeit im Pariser Palais Garnier gastiert.

Dabei geht sie unter anderem von der Idee aus, dass Bachs Musik die Harmonie des Universums widerspiegelt – ein Konzept, das man bereits von Hofballetten des 16. und 17. Jahrhunderts kennt, die den kosmischen ‚Tanz der Sterne‘ und die Ordnung des Staates reflektieren. Die Kreisform spielt dabei eine tragende Rolle, und De Keersmaekers Stück beginnt mit einer solchen Form: der des Beleuchtungsapparats (ein Kreis mit einem darin enthaltenen Stern), der zu Beginn knapp über dem Bühnenboden schwebt und sich langsam zur Decke erhebt. Im Hintergrund sieht man goldene Kugeln an langen Seilen hängen, die sich gegen die Bühnenmitte verdichten – sie erinnern an die Saiten von Streichinstrumenten. Ansonsten sind Bühnenbild und Kostüme (An d’Huys) ganz in Schwarz und Weiß gehalten – abgesehen von dem jungen Mann, der in lässigen Outfits in grellen bunten Farben den Beginn jedes neuen Konzerts per Plakat ankündigt. Diese Klarheit und Einfachheit schafft Raum für die Wirkung von Choreografie und Musik. Auch sonst beschränken sich die Spezialeffekte auf die wechselnde Intensität und Farbtöne der Beleuchtung (Jan Versweyveld) – meist verdunkelt sich diese in den melancholischeren Sätzen und wird gleißend hell in den triumphalen Passagen.

Neben der Kreisform inspiriert sich de Keersmaeker, die Bachs Musik als „bewegte Architektur“ sieht, an der Form des Dodekaeders. Im Gegensatz zu diesen Bildern dominiert in der Choreografie allerdings zunächst die gerade Linie; im ersten Konzert verbringen die TänzerInnen die meiste Zeit damit, in wechselnden Rhythmen in einer Reihe vor- und rückwärts zu gehen – ein Element, das sich in vielen Choreografien de Keersmaekers findet. Erst nach einiger Zeit lösen sich SolistInnen aus der Reihe, um der Melodie einzelner Instrumentengruppen zu folgen, während der Rest der TänzerInnen unbeirrt weitermarschiert. Zwei deuten kurz einen barocken Hoftanz an, ohne einander zu berühren. Nur ein ununterbrochen bellender Hund, der beim Ertönen der Jagdhörner im ersten Konzert auf die Bühne gebracht wird und seine eigene Idee vom Gehen in der Linie hat, stört die Ordnung – unter anderem, wenn er geradezu wütend das Orchester anbellt.

Im Lauf des Stücks diversifizieren sich die Bewegungsmuster im Raum, auch wenn die Linie und das Gehen weiterhin sehr präsent bleiben. Das Bewegungsvokabular der TänzerInnen scheint relativ einfach, doch enthält es unzählige Varianten des Gehens, Rennens, Kickens, Drehens, Hopsens und Springens. So gelingt es de Keersmaeker, das zweistündige, pausenlose Stück so zu gestalten, dass weder Langeweile aufkommt noch der Eindruck von Monotonie entsteht. Die TänzerInnengruppe, die sich aus verschiedenen Generationen zusammensetzt, zeichnet sich durch bewundernswerte Koordination, Energie und Lässigkeit aus, mit der die InterpretInnen geradezu zu improvisieren scheinen. Manchmal wird weitergetanzt, wenn keine Musik erklingt, und wie oft bei de Keersmaeker spielen Geschlechterunterschiede eine geringe Rolle – die TänzerInnen berühren einander fast nie, und in den wenigen Hebungen werden sowohl Männer als auch Frauen in der Luft getragen.

De Keersmaekers Choreografie ist weniger eine Übersetzung oder gar Sichtbarmachung der Musik – man versteht die Struktur der Konzerte nicht besser durch den Tanz (wenn auch ihre lockeren Schwingungen durch diesen stärker zum Vorschein gebracht werden), und im ersten Konzert, in dem die zum Bühnenrand parallelen Linien dominieren, scheint das Geradeausgehen der TänzerInnen wie ein gewollter Kontrast gegenüber den sich in Kreis- und Bogenformen bewegenden MusikerInnen. Das Orchester B-Rock unter der Leitung von Amandine Beyer gibt eine herausragende Darbietung, wobei Andreas Küppers im erstaunlichen Cembalo-Solo im fünften Konzert besondere Erwähnung verdient.

Veröffentlicht am 13.03.2019, von Julia Bührle in Homepage, Kritiken 2018/2019

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