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Dresden

SIE HAT DA MAL WAS VORBEREITET

„Alles auf Anfang“ im Dresdner Festspielhaus Hellerau



Antje Pfundter in Gesellschaft macht die Bühne zum Experimentalraum mit Bruchstücken. In „Alles auf Anfang“ werden gleich zu Beginn Konventionen über Bord geworfen - ein Abend, an dem man sich nicht entspannt zurücklehnen kann.


  • Antje Pfundtners „Alles auf Anfang“ im Dresdner Festspielhaus Hellerau Foto © Simone Scardovelli
  • Antje Pfundtners „Alles auf Anfang“ im Dresdner Festspielhaus Hellerau Foto © Simone Scardovelli
  • Antje Pfundtners „Alles auf Anfang“ im Dresdner Festspielhaus Hellerau Foto © Simone Scardovelli
  • Antje Pfundtners „Alles auf Anfang“ im Dresdner Festspielhaus Hellerau Foto © Simone Scardovelli
  • Antje Pfundtners „Alles auf Anfang“ im Dresdner Festspielhaus Hellerau Foto © Simone Scardovelli

Die Dinge in Frage zu stellen, ist durchaus Antje Pfundtners Sache: Identität als solche, die Aufführungsbedingungen des Theaters, die Funktion des Publikums, die Grenzen zwischen wir und ich. Die einzige Gewissheit hinsichtlich der Arbeiten Antje Pfundtners besteht darin, dass man sich keinen Gewissheiten hingeben sollte. Ihre Performances bieten dem Publikum keine vorgefertigten Schemata.

In „Alles auf Anfang“ werden gleich zu Beginn Konventionen über Bord geworfen. Das Publikum betritt den Saal im Festspielhaus Hellerau über die Bühne; im Publikum sitzt der Universitätschor: „Oh wie schön, Dich zu seh’n“. Hier begrüßt eben nicht das Publikum den Künstler. Und das ist kein Abend, an dem man sich entspannt zurücklehnen kann.

In einer großen Gruppe von Statisten, alle mit Perücken, finden sich irgendwo, versteckt, fünf TänzerInnen, unter ihnen Antje Pfundter als eine von vielen. Und wenn es dann los geht, die Musik erklingt und die ersten Tanzbewegungen erlebbar werden, bricht die Musik nach ein paar wenigen Takten ab. Bloße Andeutungen genügen. Wir wissen ja, was gemeint ist. Und so schnell lässt sich das ja ohnehin nicht machen. Aller Anfang ist schwer? Hier ist aller Anfang Genuss. Hier wird der Moment des Beginnens gelebt, von außen betrachtet, durchbuchstabiert.

Durch die Reflexion klingt das vermeintlich stotternde Zögern Becketts, wenn es heißt „It feels unfinished, never quite finished“. Beckett kannte den Prozess des Scheiterns wie kaum ein anderer. Und Forsythe benannte es schließlich mit seinem „Yes, we can’t“ auf seine eigene Weise.

Dadurch, dass alles, jede Szene, jede Geste, neu angesetzt aber nicht umgesetzt wird, entstehen bewusst keine Sinneinheiten. Irgendwo zwischen Nonsens und „not so much sense“ frickelt diese Experimentieranordnung durch die Illusion angedeuteter Kapitel oder Abschnitte, die zwar nummeriert sind, aber Ordnung schlussendlich nur vorgaukeln. Auf nichts und niemanden ist Verlass. Es gibt auch keine vierte Wand, jede Erwartung wird unterlaufen. Alles biegt überraschend in eine andere Richtung ab. Brüche über Brüche.

Dieses Konzept der Metaebene, der Diskussion der Bedingungen steht über der eigentlichen Performance. Tanz rückt dabei noch mal ein Stück weiter nach hinten, aber ohne an seiner eigentlichen Bedeutung einzubüßen.
Und dann, heißt es, geht es wieder los. „It begins again.“ Nur dass das so eben gar nicht stimmt. Im Sinne Becketts wird wieder gescheitert, besser gescheitert. Immer wieder. Wenn nichts zusammenzupassen scheint, dann einfach nur deshalb, weil die Dinge nicht zusammenpassen müssen. Die Soziologie spricht da gern von Ambiguitätstoleranz. Und diese Uneindeutigkeiten zu ertragen, ist ein intellektueller Freudentaumel. Es ist nämlich nicht jedem gegeben, derart intelligent eine ganze Stunde lang auf der Stelle zu treten.

Veröffentlicht am 24.02.2019, von Rico Stehfest in Homepage, Kritiken 2018/2019

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