LEUTE



Berlin

TANZ MUSS EINE NACHVOLLZIEHBARE LOGIK HABEN

"Er… Sie… und andere Geschichten" von Renate Graziadei und Arthur Stäldi



Das Duo laborgras feiert 25 Jahre Bestehen mit einer Uraufführung und blickt in die Zukunft.


Verschiebbare Farbfolien hängen bodenlang von der Decke im T-förmigen Studio von laborgras. Durch sie schaut, wer will, auf das neue Projekt von Renate Graziadei und Arthur Stäldi. Denn die ZuschauerInnen werden mit den TänzerInnen mitwandern, weil jede der rund ein Dutzend zählenden Miniaturen an einem anderen Ort im Studio stattfinden wird. „Er… Sie… und andere Geschichten“ ist keine Rückschau, obwohl laborgras in diesem Jahr auf 25 Jahre Bestehen verweisen kann. Als Resümeestück ist die Uraufführung dennoch nicht angelegt, eher als Ausblick. Von Laurie Anderson bis Tom Waits, zu dessen „Chocolate Jesus“ Graziadei im Solo ihre außergewöhnliche Bewegungsqualität mit Körpertorsionen und Wendungen entfalten kann, reicht die Musikwahl. Dazwischen Bach, den Graziadeis Tanzpartner Sergey Zhukov mit Posen des Barock gestaltet, am Ende beide in einem fulminanten Tango.

Ein bisschen Rückblick kommt im Gespräch dann doch auf. Bei einer Gruppe in Hamburg lernten sich die Österreicherin Renate Graziadei und der Schweizer Arthur Stäldi kennen, entdeckten früh den Drang zum Eigenen. So gründeten sie 1994 laborgras, wobei „gras“ für die Initialen beider Namen steht. Auf zwei Monate gingen sie 1996 nach New York, saugten dort alles an Tanz auf, was sie noch nicht kannten, kehrten zunächst voller Informationen nach Hamburg zurück. Für ihr letztes Stück in der Alsterstadt luden sie 1999 drei Choreografen ein, die gleichermaßen an Bewegungsrecherche interessiert waren, so David Hernandez, mit dem sich eine langfristige Zusammenarbeit ergab, und Richard Siegal, den sie schon aus New York kannten und der heute zu den Starchoreografen gehört.

Was ist aus diesen 25 Jahren gemeinsamer Bewegungsrecherche geblieben? „Eine klare Bewegungssprache und, dass sich herauskristallisiert hat, was uns wirklich interessiert“, sagt das Duo einmütig: „Wenn die Bewegung eine nachvollziehbare Logik erlebbar macht, für die TänzerInnen wie für die ZuschauerInnen, und wenn das verwendete Vokabular wie etwa bei Trisha Brown organisch im Raum steht, Prinzipien hat, die dem Körper nicht wehtun.“ Man will nichts erzwingen wie beim klassischen Tanz, und die Bewegungen sollen für jeden Körper möglich sein. „Anfangs“, finden Graziadei und Stäldi, „haben wir abstrakter gearbeitet, heute denken wir, man muss erleben und vorzeigen, was man fühlt, nicht nur etwas ausüben.“ Dann kam eine Zeit, in der laborgras neue Medien eingesetzt hat, damit vielleicht auch einer Mode folgend. Sechs Stunden ging „Melting Point“, eine dieser Produktionen, die TänzerInnen sahen einander nicht, agierten in separaten Räumen, begegneten sich nur virtuell: „Der Umgang mit der Kamera war eine neue Herausforderung.“ „Melting Point“ war ein Beitrag zur Architekturbiennale und lief, gedoppelt auf 14 Stunden, sogar im Offenen Kanal.

Das war bereits in Berlin, wohin laborgras 2000 übersiedelte: „In Hamburg ging es uns gut, aber wir fühlten uns zu isoliert, suchten die Konkurrenz.“ Mehr als 25 Stücke, vom Solo bis zur Gruppenarbeit, sind in den 25 Jahren entstanden, gezeigt auch auf Gastspielen. Seit 2002 führt laborgras sein eigenes Studio im Hof eines Kreuzberger Gründerzeit-Karrees, wo zuvor die links engagierte Oktoberdruck AG ihren Sitz hatte. Sanitäres und Tanzboden, alles selbst hergerichtet. Zwar zehrt das Duo von der Basisförderung durch den Senat, ist noch bis Ende des Jahres teilfinanziert. Gesichert ist die Existenz aber nicht, denn der Mietvertrag kann vom Immobilieneigner per Halbjahr gekündigt werden, „ein Burn-out lastet da auf unserem Buckel“, sagt Stäldi.

Wie es künstlerisch weitergehen soll, das zeichnet sich jedoch schon ab. „Wir wollen uns mit alter Musik beschäftigen, wie man sie in Bewegung umsetzen kann und was daran spannend ist, für TänzerInnen wie ZuschauerInnen. Händel und Bach sind so tänzerisch!“ Dabei soll als Grundsatz gelten, alles zu hinterfragen, nichts als gegeben hinzunehmen. Zahlreiche Vorbilder gibt es bereits, von Steve Paxtons „Goldberg Variationen“ bis zu Lar Lubovitchs „Exultate Jubilate“. Arthur Stäldi hat inzwischen den Übergang vom Tänzer zum Dramaturgen vollzogen, sieht sich als „Auge von außen“. In „ER…, Sie… und andere Geschichten“ tanzt mit Renate Graziadei als Partner Sergey Zhukov. Aus Kasachstan kam er mit der Mutter nach Deutschland, begann im Gesellschaftstanz, bis einer seiner Lehrer ihn an die Folkwang-Hochschule schickte, wo er sein Studium 2008 als Jahrgangs-Bester abschloss. Nach einem Engagement am Theater Trier bei Susanne Linke lebt er nun in Berlin. Zwei ungewöhnliche Tänzer haben auf diese Weise zusammengefunden.

Veröffentlicht am 22.02.2019, von Volkmar Draeger in Leute, Kritiken 2018/2019

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Kommentare zu "Tanz muss eine nachvollziehbare Logik haben"



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