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"Metropolis – Futur Drei" am Stadttheater Gießen



Der Tanzabend von Tarek Assam erörtert zu Musik von 48nord in drei Zeitstufen das Verhältnis von Mensch und Maschine.


  • "Metropolis-Futur Drei" von Tarek Assam Foto © Rolf K. Wegst
  • "Metropolis-Futur Drei" von Tarek Assam Foto © Rolf K. Wegst
  • "Metropolis-Futur Drei" von Tarek Assam Foto © Rolf K. Wegst
  • "Metropolis-Futur Drei" von Tarek Assam Foto © Rolf K. Wegst

Visionen von der Zukunft haben sich Tarek Assam und sein Team für den neuen Tanzabend im Stadttheater Gießen vorgenommen. Der Filmklassiker „Metropolis“ von Fritz Lang ist die Ausgangsbasis. Der Film entstand Mitte der 1920er Jahre, nach dem Drehbuch von Langs Lebensgefährtin Thea von Harbou. Thema ist das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine, was in dieser gesellschaftlichen Umbruchzeit ein Teil einer umfassenden Reformbewegung war.

Die Visionen von damals inspirieren den ersten Teil des Tanzabends (Futur Eins), die Visionen von heute den zweiten Teil (Futur Zwei) und am Ende wird der Spot auf das gerichtet, was womöglich in ferner Zukunft die Vision sein könnte (Futur Drei). Drei Möglichkeitsformen also, Dramaturg Johannes Bergmann nennt es daher "ein Stück über die Zeit".

Im Film „Metropolis“ steht die übermächtige Maschine im Zentrum, die von einem Heer an grauen Arbeitern am Leben gehalten werden muss. Er ist voller Bilder der Elektrifizierung, die zum Teil Realität geworden sind: automatisch sich öffnende Türen etwa oder das Bildtelefon. Parallel erfüllt sich im Film ein alter Menschheitstraum: der erste Roboter wird erschaffen. Den wiederum der Machthaber gegen den Aufstand der Untergebenen einsetzen will. Nun tritt der Faktor Mensch ins Spiel, der Erfinder des Roboters rächt sich am Machthaber und fehlprogrammiert den Roboter, wie man heute sagen würde. Was zur großen Katastrophe führt. Die einzige Frau des Films, die christlich konnotierte, liebreizende Maria, kämpft nicht nur für die Arbeiter, sondern für alle Menschen. Sie setzt sich ein für den Ausgleich zwischen den Klassen und für den Frieden. Die Lösung am Ende: Zwischen Kopf und Händen muss das Herz vermitteln. Damit die Maschinen zum Wohl aller genutzt werden.

Assam konzentriert sich in seiner Choreografie auf das Phänomen Mensch und Maschine. Für die Bühnengestaltung holte er ein bewährtes Team: Gabriele Kortmann und Fred Pommerehn aus Berlin. Es ist bereits die elfte Kooperation der Drei. Die Musik ist wieder (zum dritten Mal) eine Auftragskomposition an 48nord, dem Dreier-Kollektiv aus München. In Anlehnung an Stummfilmzeiten sind Zitate auf der Übertitelungsanlage zu lesen.

Die Bühnenkostüme (Kortmann) imitieren die Heerschar der Arbeiter in grauen Arbeitsanzügen. Die hohen Herren treten in eleganten Hemden und Westen auf, Maria ist sehr heutig gekleidet und tanzt elegisch-verführerisch (Julie de Meulemeester), während die Roboterfrau dem filmischen Vorbild sehr nahekommt: mit Strahlenkranz auf dem Kopf und silbern schimmernden Teilen einer Rüstung auf dem Ganzkörperstretchanzug. Und natürlich ist der Nackttanz vor der Herrenriege angedeutet. Dieser einzig tänzerische Teil des Films zeigt Bewegungen des damals neuen Bühnentanzes, die oft spitz und gezackt wirken, wie so manches Dekor im Projekt eines Gesamtkunstwerks am Bauhaus. Die Rolle ist in der Tanzcompagnie Gießen wie geschaffen für die ebenso agil wie präzise agierende Caitlin-Rae Crook.

Das Bühnenbild (Pommerehn) ist abstrakt gehalten: Herabhängende, silbrige Säulen bewegen sich zu einem Teil hoch und runter, die andere Hälfte bewegt sich mit der Drehbühne im Kreis, so entsteht ein reduziertes und zugleich bewegtes Bühnenbild. Es erinnert an das Ineinandergreifen einer riesigen Mechanik. Nach der Pause wird es noch reduzierter. Eine quadratisch-löchrige Fläche hebt sich über einer Figur hoch, die sich als Cyborg entpuppt, und senkt sich am Ende von Futur Zwei bedrohlich über viele wieder herab.

An einem Tisch im Hintergrund nehmen konkrete Visionen von Maschinenmenschen Gestalt an. Da sind zwei Roboter im Gespräch, das aus ständig wiederholten Redewendungen besteht, auf der Übertitelungsanlage sind ihre aus Nullen und Einsen bestehenden Kennnummern zu sehen. Im nächsten Bild sieht es so aus, als seien auf dem Tisch menschliche Körperteile abgelegt, die sich noch bewegen. Es ist das schaurigste Bild des ganzen Abends. Dann wieder erscheint der Tisch als Ort für eine Jury oder für Kontrolleure, zwei Mechaniker mit ihren Reparaturkoffern eilen hin und her. Über den kurzen dritten Teil Futur Drei sei nur so viel verraten, dass er charmant und witzig ist. In der imaginierten Zukunft von Clouds und Sprechblasen wird ein körperbezogener Retrotrend angenommen.

Die acht Musiker auf der Hinterbühne sind meistens in Dunkelheit gehüllt, nur zweimal erhaschen die Zuschauenden einen schwach beleuchteten Blick auf sie. Der Geräuschkosmos, den die acht erzeugen, scheint nicht von dieser Welt. Oft gleicht es dem Stampfen von Maschinen, das sich zu einem treibenden Sound steigert. Das Klirren und Scheppern von Metall ist zu hören, an harmonieträchtigen Stellen auch mal ein Klarinettengesang oder ein Marimbaphon. Für den beeindruckenden Tanz des Cyborgs (Magdalena Stoyanova) liefert die Musik unheimliche Atemgeräusche, wie man sie aus vergleichbaren Kinofilmen kennt. Mittels eines Zauberwürfels zwingt sie anderen die Bewegungen auf, beherrscht sie wie Marionetten.

Die Komposition von 48nord hat der Gießener Kapellmeister Martin Spahr in Noten gefasst und auf entsprechende Instrumente übertragen. Er bedient während der Vorstellung selbst das Keyboard und dirigiert die Einsätze. Neben E-Gitarre und Bass kommen drei Blasinstrumente, ein herkömmliches Schlagzeug und diverse Schlagwerke zum Einsatz. Es ist erklärte Absicht, dass man beim Hören oft nicht erkennt, womit die Geräusche erzeugt werden.

Tarek Assam hat mit der bestens aufgestellten Tanzcompagnie Gießen Erstaunliches geschaffen. Das reicht von frei gestellten Einzelstudien über das komplizierte Miteinander in Dreier- und Vierergruppen bis zur einheitlich agierenden Großgruppe. Immer hat er die Gesamtwirkung im Blick, sind die Akteure gemäß der Erzählung und analog zur Musik über den Bühnenraum verteilt. Zu den bereits genannten Tänzerinnen kommen noch Laura Ávila, Maria Adriana Dornio, Marine Henry und Chiara Zincone; bei den Männern Patrick Cabrera Touman, Michael D'Ambrosio, Yusuke Inoue, Sven Krautwurst, Leo Vendelli und Gleidson Vigne.

Konnte man sich von Tarek Assam bislang in ferne Welten der Vergangenheit entführen lassen, sei es in die Welt der antiken Mythologie, der Shakespeare'schen Dramen oder deutscher Märchen, so wagt dieser Tanzabend einen Blick in die Zukunft. Ungewöhnlich, voller Spannung und mit gehörigem Drive. Das Premierenpublikum feierte das Team ausgiebig.

Veröffentlicht am 03.02.2019, von Dagmar Klein in Homepage, Kritiken 2018/2019

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