HOMEPAGE



München

FREMDKÖRPER

Taigué Ahmeds Solostanzstück im HochX München



In "Je sors de nulle part mais d'un trou obscur" untersucht Taigué Ahmed was es bedeutet, als Mensch unter Menschen ein Fremdkörper zu sein.


  • "Je sors de nulle part mais d'un trou obscur" von Taigué Ahmed Foto © Franz Kimmel
  • "Je sors de nulle part mais d'un trou obscur" von Taigué Ahmed Foto © Franz Kimmel
  • "Je sors de nulle part mais d'un trou obscur" von Taigué Ahmed Foto © Franz Kimmel
  • "Je sors de nulle part mais d'un trou obscur" von Taigué Ahmed Foto © Franz Kimmel
  • "Je sors de nulle part mais d'un trou obscur" von Taigué Ahmed Foto © Franz Kimmel

An der letzten Szene wird noch gebaut. Doch die Neugier auf Taigué Ahmeds neues Solostück ist groß. Er will Verhaltensmuster untersuchen, Erfahrungen, die Fremde machen, wenn sie in eine andere Gesellschaft kommen. Tänzerisch der Ausgrenzung den Kampf ansagen und das Feeling transportieren, was es bedeutet, als Mensch unter Menschen ein Fremdkörper zu sein.

So wird die Voraufführung im HochX zum Testlauf ohne Finale. Was kommt über sich lange Zeit wiederholende und trotzdem leicht variierte Bewegungsabläufe hinaus beim Publikum an? Wie harmonieren Videobilder (Janine Jembere), Tanz und der live mit der Performance kreierte Sound miteinander? Die letzten zehn Minuten „Disco“ wurden noch ausgespart – zurecht meint Komponist Benno Heisel. Die Klänge, die er bisher während des Arbeitsprozesses ausgetüftelt hat, greifen das Stampfen und Springen des Tänzers auf und entwickeln ihre Wirkung direkt aus dessen Bewegungsklimax.

Es ist Heisels zweite, hautenge Zusammenarbeit mit dem Zentralafrikaner. Sein Schalt- und Aktionspult voll diverser E-Sound-Instrumente klebt unmittelbar an der Rampe. Anders als im Mai 2018 beim Gastspiel von „Waignedeh/Morgen“ – einer Ensemblestudie über das Ausharren auf dem Abstellgleis „Flüchtlingscamp“ – steht der aus dem Tschad stammende Tänzer und Choreograf Taigué Ahmed diesmal ganz allein auf der Bühne. Mit seinem Erscheinen lässt er sich allerdings viel Zeit.

„Je sors de nulle part mais d'un trou obscur“ („Ich komme von nirgendwo, aber aus einem obskuren Loch“) beginnt mit dem Blick aus einem Flieger auf eine Landschaft aus Wolken. Dann irrt die Kamera mit hoher Geschwindigkeit durch Vegetation und Beton. Bleibt irgendwann an der Schmalseite eines Kartons haften. Ruckartiges Verschieben signalisiert: In dieser Fracht steckt Leben. Mutig winkt erst ein Zeigefinger, bald eine ganze Hand ins Publikum. Als die zweite hinzustößt, denkt man an herziges Figurentheater. Die hellen Handflächen könnten Gesichter, die weggespreizten Finger ungebändigt abstehende Haare sein. Aber es geht um die Nachtschwärze des Mannes, der sich plötzlich geradezu riesenhaft aus dem kreisrunden Ausschnitt der Kiste erhebt. Eine halbe Stunde später, ausgepowert und verschwitzt am Boden hockend, traut er sich, seinem Anliegen auch laut Stimme zu verleihen.

Man versteht nur Bruchstücke. „Freiheit“ oder „les droits de l’homme“ („Menschenrechte“) knallt – dem Europäer vertraut – aus Ahmeds Heimatsprache heraus. Mehr braucht es auch nicht zum Verstehen. Einmal aus der häuslichen Schutzhülle gepellt, wird das fast permanent auf die Zuschauer ausgerichtete Traben zu einer Art rhythmischem Leitmotiv. Passagen stummer, armgestisch wirkungsvoll untermalter Konfrontation. Zum Schluss wird Ahmed die Wände seines farblosen Schutzschilds zerfetzten und sich, statt des mitschwingenden roten Ponchopullis, das goldene Trikot – Motiv seiner Ankündigungspostkarten – überstreifen.

Bunt soll es um ihn herum werden. Für einen letzten – seinen wichtigsten Tanz. Die Idee dazu holte er sich am Bahnhof, als er einen Menschen einfach so tanzen sah. Bepackt mit all seinem Hab und Gut. Ein Außenseiter im Moment persönlichen Glücks. Mit sich und der Welt im Reinen. Das ganze Stück: Sehnsucht und Hoffnungsschimmer zugleich.

Veröffentlicht am 02.02.2019, von Vesna Mlakar in Homepage, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 416 mal angesehen.



Kommentare zu "Fremdkörper"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    DIE PARALLELWELT CAMP

    Die Tanzperformance „Waignedeh / Morgen“ in den Münchner Kammerspielen

    Der tschadische Tänzer und Choreograf Taigué Ahmed bringt mit „Waignedeh / Morgen“ eine spannende und ziemlich überladene Performance nach München.

    Veröffentlicht am 15.05.2018, von Natalie Broschat


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    PREISE FÜR SCHÜLER DER JOHN CRANKO SCHULE

    Gabriel Figueredo gewinnt Grand Prix und Dance Europe Magazine Award beim Youth America Grand Prix
    Veröffentlicht am 23.04.2019, von Pressetext


    SCHWERE ARBEIT

    Fotoblog von Dieter Hartwig
    Veröffentlicht am 21.04.2019, von Dieter Hartwig


    MÜNCHEN IM TANZFIEBER

    Vom Minifestival „depARTures“ weiter zur Ballettfestwoche, die das Bayerische Staatsballett sensationell mit „Jewels“ von Balanchine eröffnet.
    Veröffentlicht am 17.04.2019, von Vesna Mlakar



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZ-URAUFFÜHRUNG: MARIE ANTOINETTE, DAS IT-GIRL DES ROKOKO

    TANZSTÜCK VON MEI HONG LIN / MUSIK VON WALTER HAUPT

    In ihrer neusten Kreation schaut Mei Hong Lin hinter die Fassade der vielgeschmähten Königin und sucht nach dem Wesen jener faszinierenden jungen Frau, die verzweifelt um Freiheit, Selbstbestimmung und ihr Lebensglück kämpfte. Am Pult des Bruckner Orchesters Linz: Marc Reibel.

    Veröffentlicht am 28.03.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DER MENSCH AUF EINER REISE INS UNGEWISSE

    "Mozartrequiem" als Ballett von Can Arslan mit Musik von Wolfgang Amadeus Mozart

    Veröffentlicht am 29.03.2019, von Herbert Henning


    ABSAGE AN DEN URBANEN TANZ

    Zekai Fenerci, Geschäftsführer und künstlerischer Leiter von Pottporus e.V. / Renegade wehrt sich öffentlich gegen Nicht-Förderung

    Veröffentlicht am 23.03.2019, von Pressetext


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    MISSHANDLUNGEN AN DER BALLETTSCHULE DER WIENER STAATSOPER?

    Die Ballettakademie sieht sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert

    Veröffentlicht am 11.04.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ERSTE SCHRITTE UND GRAND JETÉS IN ALLER VIELFALT

    Frühlings-Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung

    Veröffentlicht am 13.04.2019, von Sabine Kippenberg



    BEI UNS IM SHOP