HOMEPAGE



Dresden

DER MENSCH IST BEDROHLICH

Johan Ingers "Carmen" an der Semperoper Dresden



Die Choreografie des Schweden Johan Inger ist ein düsteres Psychogramm, in dem das Ensemble umso mehr glänzt.


  • "Carmen" von Johan Inger; Ayaha Tsunaki, Jón Vallejo Foto © Ian Whalen
  • "Carmen" von Johan Inger; Aidan Gibson, Susanna Santoro, Ayaha Tsunaki Foto © Ian Whalen
  • "Carmen" von Johan Inger; Ayaha Tsunaki Foto © Ian Whalen
  • "Carmen" von Johan Inger; Jón Vallejo Foto © Ian Whalen
  • "Carmen" von Johan Inger Foto © Ian Whalen
  • "Carmen" von Johan Inger; Anna Merkulova, Jón Vallejo, Ayaha Tsunaki

Wenn der englische Volksmund halbironisch meint „Two’s a company, three’s a crowd“, kann man durchaus an Eifersucht denken, aber auf Mord und Totschlag kommt wohl niemand. Trotzdem passt die Phrase auch auf den Stoff der „Carmen“. Im Fall von Johan Ingers Version von 2015, die jetzt mit dem Ensemble der Semperoper erstmalig von einer deutschen Kompanie erarbeitet worden ist, ganz besonders. Man kennt sie, die anfänglichen Sticheleien und harmlosen Neckereien, mit denen die Cigarreras sich die Zeit vertreiben. Inger geht aber im Lauf des Abends weiter und tiefer, was die Emotionen anbelangt. Und zwar sehr viel tiefer.

Seine Carmen ist gefährlich. Das bemerkt man spätestens daran, wenn sie einer Kollegin im Streit das Gesicht zerschneidet. Ayaha Tsunaki gibt die taktierende Verführerin mit beeindruckender jugendlicher Frische. Ihr teilweise berückend unschuldiges Auftreten kann nicht die Verächtlichkeit in der Geste überdecken, mit der sie Don José ihre Blume vor die Füße wirft. Inger hat seine Carmen allerdings aus dem Fokus gerückt und richtet den Blick auf den Verführten. Jón Vallejo gibt den Don José mit einer emotionalen Komplexität, die diese Figur mit einer grundlegenden Widersprüchlichkeit auflädt. Das ist ganz und gar Jón Vallejos Abend. Nicht ohne Grund wurde er im letzten Jahr vom Dance Europe Magazine zum Tänzer des Jahres gekürt. Dabei ist er alles andere als ein poseur. Vallejo tanzt immer völlig selbstvergessen, ganz für sich und trotzdem nie introvertiert. Seine Wendigkeit und Schnelligkeit hat ihn schon zu jener Zeit, als auch noch Jiří Bubeníček und Claudio Cangialosi an der Spitze des Ensembles standen, zum Liebling der Kritiker gemacht. Hier hat er ausgiebig Gelegenheit, die präzise Schärfe und das Kantige in Ingers Vokabular durchzubuchstabieren.

Den Wahnsinn der Begierde und des Spiels mit dem Feuer hebt Inger durch einen gekonnten Schachzug auf ein ganz eigenes, reflexives Niveau. Anna Merkulova gibt im leicht androgynen Look einen Jungen, der als nichts weiter als ein Zeuge des Geschehens angelegt ist. Entsprechend kindlich undifferenziert fallen die Reaktionen auf die körperlichen Gewalttätigkeiten aus: Er hält sich Ohren und Augen zu. In einer Szene imitiert er gar Don José, ganz so, als könnte das Nachvollziehen des Handelns ein Verstehen erleichtern. Aus dieser Perspektive erscheinen die immense Emotionalität und die dadurch ausgelösten Handlungen erst recht als fremd, nicht nachvollziehbar, gar unlogisch. Wie erklär‘ ich’s meinem Kind? Der Mensch ist bedrohlich.

Das glänzende Ensemble agiert in einem lebendigen Bühnenbild von Curt Allen Willmer, das zunächst graue Betonwände zu zeigen scheint. Diese bestehen jeweils aus drei Flächen, die neben dem Beton einen Spiegel und eine weitere dunkle Fläche zeigen. Diese Elemente lassen sich bewegen und zu verschlossenen Räumen anordnen. Darin lässt sich das Böse in Gestalt schwarzer Schatten zwar zunächst einfangen, am Ende aber ist dieses Unterfangen bekanntlich ohne Erfolg. Don Josés Tötung seiner angebeteten Carmen bleibt ohne jeglichen Sinn.

Diese Dunkelheit ist in den Kostümen von David Delfin aufgegriffen worden, die klare Anleihen an die 1960er nehmen, trotzdem das Geschehen zeitlos wirken lassen. Carmen trägt zwar ihr blutrotes Kleid, aber im Verlauf der Handlung verschwinden immer mehr Farben in den Kostümen, ganz graduell, geräuschlos. Das Dunkle breitet sich immer weiter aus. Das Psychogramm steuert ruhig auf den Tiefpunkt zu.

Hier greift alles ineinander. Die gesamte Sache ist wie aus einem Guss. Die Sächsische Staatskapelle verwob zur Premiere mühelos ihr eigenes Spiel mit Kompositionen vom Tonträger. Erst ganz zum Schluss erklingt die Habanera, in der es ja so warnend heißt, dass die Liebe keine Gesetze kennt. Aber da ist es eben zu spät.

Veröffentlicht am 27.01.2019, von Rico Stehfest in Homepage, Gallery, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 827 mal angesehen.



Kommentare zu "Der Mensch ist bedrohlich"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    VERGOLDETE ERINNERUNGEN

    Das Aterballetto mit „Golden Days“ von Johan Inger zu Gast in Ludwigshafen

    Mit Musik von Tom Waits, Patti Smith und Keith Jarrett kreiert Johan Inger einen stimmungsvollen Tanzabend.

    Veröffentlicht am 21.02.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel


    WENN DER KAPITÄN VON DER BRÜCKE GEHT


    Guiseppe Spota und Johan Inger erzählen im neuen Mannheimer Tanzabend von Verlusten

    Mit der Auswahl von "Die vier Jahreszeiten" und "Empty House" gelingt Stephan Thoss ein kontrastreicher Tanzabend.

    Veröffentlicht am 16.01.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel


    LIEBESWAHN, EIFERSUCHT, GEWALT

    Johan Ingers einfallsreich-eigenwillige "Carmen" beim Ballett Basel

    Inger stützt sich auf Rodion K. Schtschedrins "Carmen"-Suite, eine Variation zu Bizets Opernmusik. Und erfindet neue Figuren: Ein Kind sowie unheimliche schwarze Gesellen.

    Veröffentlicht am 18.11.2018, von Marlies Strech


    TANZEN GEGEN DIE WAND UND GEKLONTE CLOWNS

    „Boléro“ (Walking Mad) von Johan Inger und „Le Sacre du Printemps“ von Mario Schröder beim Leipziger Ballett

    Vor allem wegen der wieder mal grandiosen Tänzerinnen und Tänzer gelingen Bildsequenzen, denen man sich nicht entziehen kann. Das Publikum ist begeistert.

    Veröffentlicht am 05.02.2018, von Boris Michael Gruhl


    ZEHN JAHRE TANZ, BRILLANT, RASANT, MIT CHARISMA UND CHARME

    „Big Fat Ten“ - der Jubiläumsabend von Gauthier Dance am Theaterhaus in Stuttgart

    Sieben Choreografien, zwei Wunschstücke, die sich Gauthier für seine Truppe erträumte und fünf eigens für diesen Anlass geschaffene Uraufführungen.

    Veröffentlicht am 03.03.2017, von Boris Michael Gruhl


    WEIGELT.WEB - "MEINE" CHOREOGRAFEN

    Diese Woche: JOHAN INGER

    Gert Weigelt stellt in wöchentlicher Abfolge "seine" Choreografen in Bild und Wort vor.

    Veröffentlicht am 26.05.2014, von gert weigelt


    24 MINUTEN TANZ UND VIEL GEJOHLE DANACH

    Am Staatstheater Nürnberg sorgte der neue Tanzabend "Zweiheit" für Begeisterungsstürme

    Die Repertoirepolitik Goyo Monteros, neben seinen eigenen Arbeiten aus dem europäischen Kanon zu schöpfen und Werke von Kylián, Ek, Inger oder jetzt von Crystal Pite und Mauro Bigonzetti unter dem Abendtitel "Zweiheit" nach Nürnberg zu holen, ist bewundernswert.

    Veröffentlicht am 28.04.2013, von Alexandra Karabelas


    CRESCENDO DER GEFÜHLE

    Schwedischer Premieren-Abend feiert mit Eks " A sort of..." und Ingers "Walking Mad" in Nürnberg großen Erfolg

    Veröffentlicht am 23.04.2012, von Anke Hellmann


     

    LEUTE AKTUELL


    "DAS GROßE DANKE"

    Yuki Mori – große Gefühle beim Abschied
    Veröffentlicht am 16.06.2019, von Michael Scheiner


    MARGOT FONTEYN: 100 JAHRE

    Pick bloggt über eine große Ballerina
    Veröffentlicht am 19.05.2019, von Günter Pick


    MIT- UND WEGBEWEGEN

    Grenzüberschreitungen am Theater Pforzheim
    Veröffentlicht am 06.05.2019, von Gastbeitrag



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    PLAN MEE /EVA BORRMANN: DAS ERBE –POLITICS ON THE GROUND

    "DAS ERBE – politics on the ground" geht dem Zusammenhang zwischen Orten und Erinnern performativ in der Katharinenruine nach. Was erinnern wir? Wie erinnern wir?

    Gemeinsames Erinnern formt unser kollektives Gedächtnis, die kulturelle Identität. Mit einem internationalen Ensemble aus 5 Tänzer*innen und 8 Kindern nähert sich PLAN MEE erinnerungskulturell geprägten Orten und untersucht hierbei das kulturelle Gedächtnis.

    Veröffentlicht am 15.05.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    TANZKONGRESS? OHNE MICH!

    Warum der Tanzkongress und viele Bereiche der Tanzwelt für KünstlerInnen mit Familien inkompatibel sind

    Veröffentlicht am 03.06.2019, von Gastbeitrag


    >KREISE(N)<

    Ein Kommentar zum Tanzkongress 2019

    Veröffentlicht am 14.06.2019, von tanznetz.de Redaktion


    VERSUCH EINER SAMMLUNG

    Blog zum Tanzkongress 2019

    Veröffentlicht am 04.06.2019, von Miriam Althammer


    VON ALLEM STAUB BEFREIT

    Gelungene Premiere: Kenneth MacMillans „Mayerling“ beim Stuttgarter Ballett

    Veröffentlicht am 19.05.2019, von Annette Bopp


    DER STEIN AUF DER BRUST

    Tänzer José Luis Sultán beschwört in der Hebelhalle seine persönliche „Toten-Insel“

    Veröffentlicht am 26.05.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel



    BEI UNS IM SHOP