HOMEPAGE



Stuttgart

VOM WIEDERSEHEN NACH LANGER ZEIT

„Kameliendame“ 40 Jahre nach der Uraufführung wieder beim Stuttgarter Ballett



1978 kreierte ein Tänzer und aufstrebender junger Choreograf in Stuttgart ein Ballett, das den Grundstein für eine unerhörte Erfolgsgeschichte legte. John Neumeier nutze für „Kameliendame“ den gleichen Stoff wie „La Traviata“, aber die Oper lag ihm fern.


  • „Kameliendame“ 40 Jahre nach der Uraufführung wieder beim Stuttgarter Ballett Foto © Stuttgarter Ballett
  • „Kameliendame“ 40 Jahre nach der Uraufführung wieder beim Stuttgarter Ballett Foto © Stuttgarter Ballett
  • „Kameliendame“ 40 Jahre nach der Uraufführung wieder beim Stuttgarter Ballett Foto © Stuttgarter Ballett

Wie gut altert eine Choreografie? Wenn man dasselbe Stück nach zehn, zwanzig oder mehr Jahren wiedersieht – ist es dann noch dasselbe? Andersherum gefragt: Ist man als Zuschauer noch der- oder dieselbe? Wie hat sich Zeitgeist verändert, wie die eigene Wahrnehmung? So eine Wiederbegegnung nach langer Zeit hat das Potenzial für deutliche Höhen und Tiefen, und die Antwort ist natürlich immer höchst subjektiv.

1978 kreierte ein Tänzer und aufstrebender junger Choreograf in Stuttgart ein Ballett, das den Grundstein für eine unerhörte Erfolgsgeschichte legte. John Neumeier nutze für die „Kameliendame“ den gleichen Stoff wie „La Traviata“, aber die Oper lag ihm fern. Er unterlegte sein eigenes, raffiniert mit Rückblendungen und „Bühne auf der Bühne“ spielendes Libretto mit Musik von Chopin, schuf seine ganz eigene Version der bittersüßen Liebesgeschichte und es war keiner Geringeren als Marcia Haydée auf die beweglichen Füße und das schauspielerische Talent geschneidert - John Crankos ehemaliger Primaballerina, die bald nach dessen allzu frühem Tod die Direktion des Stuttgarter Balletts übernommen hatte. Es galt, die bange Frage zu beantworten, wie zukunftsfähig das sprichwörtliche „Stuttgarter Ballettwunder“ ohne Cranko sein konnte. Der Kanadier hatte mit seiner spektakulären Erneuerung des Genres Handlungsballett eine hohe, vom Publikum stürmisch gefeierte Messlatte gesetzt.

Neumeier war der erste, der dieser Messlatte standhalten konnte. Die „Kameliendame“ wurde zu seinem Signaturstück, international gefeiert und mit Marcia Haydée in der Titelrolle verfilmt. So war es eine kleine Sensation für das tanzbegeisterte Publikum, dass bei einem Gastspiel in Ludwigshafen im Januar 1989 die brasilianische Ausnahmekünstlerin noch einmal die Spitzenschuhe schnürte – kurz vor ihrem 52. Geburtstag. Am Eröffnungsabend war der Pfalzbau bis auf den letzten Platz besetzt, die Spannung hoch. Der Bühnenauftritt der Primaballerina dauerte allerdings nur wenige Minuten, dann geschah das Unglück: Auf der Spitze stehend, knickte sie mit einem Fuß um und fiel. Der Vorhang schloss sich, im Publikum setzte ratloses Raunen ein.
Fünfzehn Minuten später öffnete sich der Vorhang wieder, und das Stück fing noch einmal von vorne an. Marcia Haydée tanzte wie vielleicht noch nie zuvor und nie wieder: mit einem neuen Bewusstsein von Endlichkeit, das sie und die Zuschauer Eins zu Eins teilten. So verlief meine erste Begegnung mit Neumeiers „Kameliendame“, eine in mehr als nur einer Hinsicht unvergessliche Aufführung.

40 Jahre nach der Uraufführung steht die „Kameliendame“ in Stuttgart wieder auf dem Spielplan, Gelegenheit für ein Wiedersehen nach langer Zeit. Neumeier ist längst Wahl-Hamburger und der Ballettdirektor mit der längsten Verweildauer im Amt und das Stuttgarter Ballett hat sich als Choreografen-Schmiede etabliert, in der auch die Tradition zeitgenössischer Handlungsballette hochgehalten wird. Die „Kameliendame“ ist ein weltweit geschätzter, gepflegter Klassiker geworden. Neumeiers Choreografie atmet noch immer die melodramatische Intensität, die das Publikum bei der Uraufführung begeisterte. Und besser als in Stuttgart wird man die „Kameliendame“ ganz sicherlich nirgendwo zu sehen, vielleicht auch nicht zu hören bekommen. Die Verbindung von Leichtigkeit und Tiefe hat Dirigent James Tuggle vollendet im Griff.

In der Titelrolle der Marguerite Gautier debütierte Alicia Amatriain, eine untadelige, facettenreiche und ausdrucksstarke Ballerina, ihr gegenüber versprühte Friedemann Vogel als Armand Duval eine beeindruckende Mischung aus unbekümmertem Charme und entschlossenem Ernst. Ihnen zur Seite agiert eine beeindruckende Riege Stuttgarter Solisten, die die bittersüße Geschichte mit individuellem Leben füllen. Am Ende gibt es viel, viel Beifall – und keinerlei bange Fragen mehr. Das ist schön und richtig so und lässt doch ein winziges Bisschen Wehmut aufkommen. Am Premierenabend ist Marcia Haydée unter den Gästen und lässt sich noch einmal feiern: Die „Kameliendame“ bleibt ihr Stück.

Veröffentlicht am 21.01.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 1753 mal angesehen.



Kommentare zu "Vom Wiedersehen nach langer Zeit"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    NEUE SICHTWEISEN

    "Coppélia" beim Bayerischen Staatsballett
    Veröffentlicht am 22.10.2019, von Sabine Kippenberg


    TANZ, COWBOYS, LEBEN UND TOD

    Die Verleihung des Sächsischen Tanzpreises im LOFFT Leipzig
    Veröffentlicht am 22.10.2019, von Boris Michael Gruhl


    NUR WER SEINEN KÖRPER GANZ IM GRIFF HAT, DER LERNT ZU FLIEGEN

    Splatter-Ballett „Tanz“ zu Gast an den Münchner Kammerspielen
    Veröffentlicht am 21.10.2019, von Vesna Mlakar



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    UNDERGROUND VII

    Das Tanztheater Wuppertal zu Gast im Skulpturenpark Waldfrieden

    Ausstellungen, Installationen und Performances von und mit TänzerInnen des Tanztheater Wuppertal Pina Bausch und Gästen werden im Skulpturenpark Waldfrieden von Tony Cragg gezeigt.

    Veröffentlicht am 17.10.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    „NICHT EIN X-BELIEBIGES MODERNES ENSEMBLE“

    Die Intendantin des Tanztheater Wuppertal Bettina Wagner-Bergelt im Interview
    Veröffentlicht am 27.09.2019, von Miriam Althammer


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    „NICHT EIN X-BELIEBIGES MODERNES ENSEMBLE“

    Die Intendantin des Tanztheater Wuppertal Bettina Wagner-Bergelt im Interview

    Veröffentlicht am 27.09.2019, von Miriam Althammer


    DIE WELT ZU GAST IN MÜNCHEN

    Eine wunderbare Gala der Munich International Ballet School

    Veröffentlicht am 27.04.2017, von Karl-Peter Fürst


    POWER PUR UND SENSIBLE ZWISCHENTÖNE

    Zweites "Colours International Dance Festival" von Gauthier Dance

    Veröffentlicht am 07.07.2017, von Boris Michael Gruhl


    BEWEGUNG ALS METAPHER DER MODERNE

    Symposium der Gesellschaft für Tanzforschung TANZ-RAUM-URBANITÄT

    Veröffentlicht am 09.10.2014, von Karin Schmidt-Feister


    TANZGLÜCK IN MAGDEBURG

    Tanzbegegnungen im Schauspielhaus begeistern das Publikum

    Veröffentlicht am 25.03.2012, von Boris Michael Gruhl



    BEI UNS IM SHOP