HOMEPAGE



Mannheim

WENN DER KAPITÄN VON DER BRÜCKE GEHT


Guiseppe Spota und Johan Inger erzählen im neuen Mannheimer Tanzabend von Verlusten



Mit der Auswahl von "Die vier Jahreszeiten" und "Empty House" gelingt Stephan Thoss ein kontrastreicher Tanzabend.


  • "Die vier Jahreszeiten" von Guiseppe Spota Foto © Hans Jörg Michel
  • "Die vier Jahreszeiten" von Guiseppe Spota Foto © Hans Jörg Michel
  • "Die vier Jahreszeiten" von Guiseppe Spota Foto © Hans Jörg Michel
  • "Die vier Jahreszeiten" von Guiseppe Spota Foto © Hans Jörg Michel
  • "Die vier Jahreszeiten" von Guiseppe Spota Foto © Hans Jörg Michel

Wenn der Kapitän von der Brücke geht, ist zwar der Rest der Mannschaft noch auf dem Posten, aber nichts ist genauso wie vorher. Diese Erfahrung hat der schwedische Choreograf Johan Inger gemacht, als Jiří Kylián nach fast einem Vierteljahrhundert die Leitung des Nederlands Dans Theater aufgab. Damals noch als Tänzer hat Inger miterlebt, wie sich dieser Weggang angefühlt hat: wie der Verlust der Mitte. In seiner 2002 entstandenen Choreografie „Empty House“ – Teil des neuen Mannheimer Tanzabends – spürt Johan Inger diesen Gefühlen nach.

Die zehn TänzerInnen, die er auf die Bühne schickt, scheinen alle auf merkwürdige Weise orientierungslos, einsam und unfähig, aufeinander einzugehen. Sie können noch raumgreifend tanzen, aber ihre Bewegungen nicht mehr aufeinander abstimmen, ihr Gegenüber nicht mehr genau wahrnehmen. So verpuffen die Aufbruchsversuche Einzelner, sind Paarbildungen zum Scheitern verurteilt. Für dieses bewegende Kammerspiel reichen Johan Inger ein weißer Tanzteppich mit schwenkbarem, weißen Tuchsegel als Bühne, geschickt jede Festlegung vermeidende Kostüme und die kongeniale Musik von Félix Lajkó. Dessen „Koncert ‘98“ klingt wie für das Stück gemacht.

Das präzise Malen von Emotionen durch Bewegungen hat Johan Inger inzwischen zu einem Shooting Star der internationalen Choreografie-Szene gemacht. Der Mannheimer Ballettchef Stephan Thoss, konsequenter Förderer choreografischer Talente, hat das sensible tänzerische Kammerspiel für den neuen Tanzabend („Die vier Jahreszeiten / Empty House“ ausgesucht – als schönen Kontrast zur Neuproduktion des Hauschoreografen Guiseppe Spota (dem schon die Direktion in Gelsenkirchen winkt).

Der greift gern in die Vollen bei Bühne und Kostümen und gönnt in seiner Version der vier Jahreszeiten den ZuschauerInnen erwartungsgemäß keinen ungetrübten Genuss der populären barocken Klänge. Antonio Vivaldis Violinkonzerte werden in einem raffinierten Sounddesign immer wieder durch rohe Geräusche kontrastiert – ein Spiegelbild der gebrochenen Beziehung zwischen Mensch und Natur. Für diese Spannung hat sich Spota, ein Choreograf mit überquellender Bilder-Fantasie, Überraschendes einfallen lassen; er zeichnet selbst für Bühne und Kostüme verantwortlich. Viel, viel Plastik gibt es auf der Bühne, angefangen von seltsam starren Plastikkostümen bis zu auf- und niederfahrenden zylindrischen Röhren und einem schwebenden Rad aus Plastikkanistern. Nicht nur die unterschiedlichen Jahreszeiten, sondern viele weitere Gegensätze prallen immer wieder aufeinander, und jede schöne Harmonie erleidet gewaltsame Störungen.

Da wird eine ganze Fülle von Assoziationen angestoßen, an denen sich die Gefährdung der Natur festmachen lässt. Die zehn beteiligten TänzerInnen sind fast durchweg beschäftigt bis hin zum Kostümwechsel auf offener Bühne – es ist schließlich, unübersehbar, für die Umwelt schon fünf nach Zwölf. Zwischen verblüffender, zerbrechlicher Schönheit und derbem Witz hält das Stück seine Spannung bis zum Ende durch.

Das Nationaltheater-Ensemble kann beides: laut und leise sein, drastisch und subtil. An dieser Spannweite hatte das Mannheimer Premierenpublikum seine helle Freude.

Veröffentlicht am 16.01.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Gallery, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 339 mal angesehen.



Kommentare zu "Wenn der Kapitän von der Brücke geht
"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    MARGUERITE DONLON WIRD BALLETTDIREKTORIN AM THEATER HAGEN

    Die renommierte Choreografin übernimmt ab der Spielzeit 2019/20 die Posten der Ballettdirektorin und Chefchoreografin
    Veröffentlicht am 16.02.2019, von Pressetext


    BEWUNDERT

    Der diesjährige Prix de Lausanne überzeugte auch beim zeitgenössischen Tanz
    Veröffentlicht am 11.02.2019, von Marlies Strech


    ANERKENNUNG FÜR GERT WEIGELT

    Neuer Stiftungspreis für Photographie im Andenken an Walter Boje geht an Gert Weigelt
    Veröffentlicht am 07.02.2019, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    GROßE PROGRAMMREIHE „OLD STARS - NEW MOVES" BEIM UNTERWEGSTHEATER

    Das UnterwegsTheater Heidelberg präsentiert 2019 ein hochkarätiges Programm mit Uraufführungen und Gastspielen

    Den Auftakt bildet "Reconstruction" von Jai Gonzales am 21. Februar 2019

    Veröffentlicht am 12.02.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    EISENACHS BALLETT BESPIELT AUCH DAS MEININGER STAATSTHEATER

    „Verschwundenes Bild“ von Andris Plucis forscht dem Alltagsleben in der DDR nach
    Veröffentlicht am 07.02.2019, von Volkmar Draeger

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    ABSCHIED VON JEAN CÉBRON

    Der Tänzer, Choreograf und Pädagoge verstarb am 1. Februar

    Veröffentlicht am 02.02.2019, von tanznetz.de Redaktion


    "DIE CHANCE DES THEATERS LIEGT IM ALTEN"

    Interview mit Marco Goecke

    Veröffentlicht am 04.02.2019, von Alexandra Karabelas


    SPIEGEL DER GESELLSCHAFT

    "1980 – ein Stück von Pina Bausch" in der Hamburger Kampnagelfabrik

    Veröffentlicht am 27.01.2019, von Annette Bopp


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick



    BEI UNS IM SHOP