HOMEPAGE



Ludwigshafen

DER SOG DER BILDER


„La Fresque“ von Angelin Preljocaj im Pfalzbau Ludwigshafen




Mit einer alten chinesischen Sage stellt Anglin Preljocaj die Frage nach der Macht der Bilder und ist damit nicht nur tänzerisch aktueller denn je.


  • "La Fresque" von Angelin Preljocaj Foto © Jean-Claude Carbonne
  • "La Fresque" von Angelin Preljocaj Foto © Jean-Claude Carbonne

Wenn es um das opulente Erzählen von getanzten Geschichten geht, macht niemand Angelin Preljocaj so schnell etwas vor. Der französische Starchoreograf, inzwischen in Aix-en-Provence ansässig, weiß, wie man das Publikum wirksam verführt – nämlich auf allen Sinneskanälen gleichzeitig. Das heißt, Bewegungssprache und Musik, Bühne und Kostüme, Licht und Video greifen aufs Raffinierteste ineinander. So etwas sieht man gern auf den großen internationalen Tanzbühnen von der Mailänder Scala über die Pariser Oper bis zum New York City Ballet – und natürlich auf ausgedehnten Gastspielreisen der eigenen Kompanie. Mit einer umjubelten „Schneewittchen“-Fassung („Blanche Neige“) war Preljocaj schon einmal in Ludwigshafen zu Gast, nun zeigte der Pfalzbau „La Fresque“.

In diesem 80-Minuten-Stück, angelehnt an die chinesische Sage „Das Wandgemälde“, richtet sich der Choreograf explizit an ein jüngeres Publikum – aber das Ergebnis ist nicht zu verwechseln mit einem Jugendstück. Es ist eher das Zusammenspiel der unterschiedlichen Elemente, das aktueller (und weniger Klassik lastig) wirkt. Natürlich, die Ballettgrundlage ist unverkennbar, aber die fünf Herren tanzen auf Socken oder Schläppchen, die fünf Damen kraftvoll barfuß und viel auf flacher Sohle, und zwischendurch dürfen auch mal ein paar urban moves gezeigt werden. Zum keine Minute langweiligen oder auch nur zähen Gesamtpaket trägt der musikalische Soundtrack von Nicolas Godin bei, der die rhythmische und emotionale Führung perfekt durchhält, ebenso wie die raffiniert schwebenden Videoprojektion (Constance Guisset).

Die Geschichte ist schnell erzählt: Zwei junge Männer treffen auf einer Reise in einem Kloster auf ein Wandgemälde voll schöner junger Frauen. Der eine fühlt sich von diesem Bild so angezogen, dass er regelrecht hineingesogen wird und ein ausgiebiges Liebesabenteuer erlebt. Am Ende wird er unsanft wieder aus dem Bild herausgekickt, und (fast) alles scheint auf dem Bild wie vorher… Preljocaj spielt gekonnt mit den verschiedenen Erzählebenen, verwischt die Grenze zwischen Realität und Tagtraum und stellt dabei unüberhörbar die aktuelle Frage nach der Macht von Bildern. Nebenbei hat er bei einer zehnköpfigen Besetzung jede Menge Gelegenheit, synchron, spiegelbildlich oder in bewegten Ornamenten zu choreografieren, und seine TänzerInnen zeigen, wie perfekt sie aufeinander eingespielt sind – zur Freude des Pfalzbau-Publikums.

Veröffentlicht am 10.01.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 1417 mal angesehen.



Kommentare zu "Der Sog der Bilder
"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    MÄRCHENHAFTE REISE IN EINE ANDERE DIMENSION

    „La Fresque“ von Angelin Preljocaj zur Eröffnung der 15. Movimentos-Festwochen in Wolfsburg

    In düster gehaltenen, magischen Szenenfolgen entwickelt Preljocaj die Geschichte von der Liebe des Mannes zu dem lebendig gewordenen Gegenstand seiner Begierde.

    Veröffentlicht am 23.04.2017, von Kirsten Poetzke


    SINFONISCHE FANTASIEN

    Arthaus Musik legt Angelin Preljocajs „Siddharta“ für die Pariser Oper neu auf

    Es komme alles wieder, „was nicht bis zu Ende gelitten und gelöst ward“, heißt es in Hermann Hesses 1921 abgeschlossener Erzählung „Siddharta“. Erträumt hätte er sich sicher nicht, dass dieser Stoff auch die Tanzbühne erobern würde.

    Veröffentlicht am 09.11.2016, von Volkmar Draeger


    ROMEO UND JULIA IN DER MILITÄRDIKTATUR

    Angelin Preljocajs „Roméo & Juliette“ am Theater Basel

    Veröffentlicht am 23.04.2012, von Marlies Strech


    EIN FALL FÜR EXEGETEN

    Ballet Preljocaj mit „Und dann tausend Jahre Stille“ („Suivront mille ans de calme“) zu Gast in Ludwigsburg

    Veröffentlicht am 29.02.2012, von Leonore Welzin


    ERLEUCHTUNG IN DER MONDFÄHRE

    Angelin Preljocaj choreografiert ”Siddharta” an der Pariser Opéra

    Veröffentlicht am 24.03.2010, von Hartmut Regitz


    PRELJOCAJ-PREMIERE IN DER STAATSOPER

    Veröffentlicht am 06.05.2001, von oe


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    "SUTRA" VON SIDI LARBI CHERKAOUI

    Die Aufführung des Jahres 2009 bei den Festspielen Ludwigshafen
    Veröffentlicht am 12.11.2019, von Pressetext


    VOM TANZEN LERNEN

    Anne-Hélène Kotoujansky aus Strasbourg gewinnt
    Veröffentlicht am 11.11.2019, von tanznetz.de Redaktion


    PREIS EINER WAHL-FRANKFURTERIN

    Förderpreis der Alix Steilberger Kulturstiftung verliehen
    Veröffentlicht am 11.11.2019, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    HAUTNAH

    Das Royal Ballett zeigt herausragende Ballette live im Kino in der Saison 2019/20

    Das Royal Opera House hat seine Live-Kinosaison 2019/2020 begonnen, die in 53 Ländern in mehr als 1.600 Kinos übertragen wird.

    Veröffentlicht am 04.11.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    „NICHT EIN X-BELIEBIGES MODERNES ENSEMBLE“

    Die Intendantin des Tanztheater Wuppertal Bettina Wagner-Bergelt im Interview
    Veröffentlicht am 27.09.2019, von Miriam Althammer


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DEUTSCHER TANZPREIS FÜR GERT WEIGELT

    Anerkennung für Isabelle Schad und Jo Parkes

    Veröffentlicht am 20.10.2019, von Marieluise Jeitschko


    NUR WER SEINEN KÖRPER GANZ IM GRIFF HAT, DER LERNT ZU FLIEGEN

    Splatter-Ballett „Tanz“ zu Gast an den Münchner Kammerspielen

    Veröffentlicht am 21.10.2019, von Vesna Mlakar


    EIN GROSSARTIG WAGHALSIGES BALLETT

    Christian Spuck choreografiert in Zürich „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“

    Veröffentlicht am 13.10.2019, von Marlies Strech


    SICHERHEIT IN DER UNSICHERHEIT

    „(In)Security“ feiert im schwere reiter München Premiere

    Veröffentlicht am 14.10.2019, von Peter Sampel


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP