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Hamburg

VOM SINGEN UND TANZEN

224. Ballettwerkstatt in der Hamburgischen Staatsoper



Die Benefiz-Ballettwerkstatt beim Hamburg Ballett zum Thema "Song and Dance" erbrachte 28.000 Euro für die Stiftung TANZ.


  • 224. Ballettwerkstatt; Lloyd Riggins, Florian Pohl, Marc Jubete, Lizhong Wang Foto © Kiran West
  • 224. Ballettwerkstatt; Anna Laudere, Edvin Revazov Foto © Kiran West
  • 224. Ballettwerkstatt; Aleix Martínez, Alexandr Trusch Foto © Kiran West
  • 224. Ballettwerkstatt; Jacopo Bellussi, Hélène Bouchet Foto © Kiran West
  • 224. Ballettwerkstatt; Sara Ezzell, Ricardo Urbina Foto © Kiran West
  • 224. Ballettwerkstatt; Alexandr Trusch, Ricardo Urbina Foto © Kiran West
  • 224. Ballettwerkstatt; Aleix Martinez Foto © Kiran West
  • 224. Ballettwerkstatt; Silvia Azzoni, Alexandre Riabko Foto © Kiran West
  • 224. Ballettwerkstatt; Hélène Bouchet, Edvin Revazov Foto © Kiran West
  • 224. Ballettwerkstatt; Jacopo Bellussi, Emilie Mazon Foto © Kiran West
  • 224. Ballettwerkstatt; John Neumeier Foto © Kiran West

Singen und tanzen – das ging immer Hand in Hand. Schon der Volkstanz habe damit begonnen, dass gesungen und dazu getanzt wurde, erläuterte Hamburgs Ballett-Intendant John Neumeier bei der 224. Ballettwerkstatt in der Hamburgischen Staatsoper am 16. Dezember: „Klang und assoziative Worte bringen den Tanz zuwege.“ Dabei gehe es nie um eine Wort-für-Wort-Übersetzung, sondern darum, die Atmosphäre und die Gefühle, die ein Gedicht, ein Lied, ein Roman, eine Erzählung auslösen, in Bewegung umzusetzen. Ein bunter Reigen aus vorwiegend eigenen Choreografien zeigte anschaulich, wie so etwas geht.

Beim violetten Pas de deux aus der „Kameliendame“ (präsentiert von Anna Laudere und Edvin Revazov) sei Neumeier so eng am Text geblieben wie bei keinem anderen Ballett. Auch Shakespeares Formulierung „And palm to palm is holy palmers‘ kiss“ aus „Romeo und Julia“ setzt Neumeier in seiner Choreografie direkt um. Wie die beiden Liebenden die Hände aneinanderlegen wird zur zentralen, sich wiederholenden Geste in seiner Interpretation dieser großen Geschichte.

Wie aber kommt so etwas zustande, wie choreografiert man ein Lied? „Indem man zuerst die Musik hört“, sagt Neumeier. „Der Text ist nur die Andeutung eines tieferen Gehalts, des großen Gefühls, aus dem die Worte gekommen sind.“ Der Komponist höre zwischen den Zeilen, der Choreograf spüre der Musik UND dem Wort nach und kondensiere die Emotion, die aus beidem entstehe, im Tanz. Wie das geht zeigten Aleix Martinez mit dem „Wrong Note Rag“, Hélène Bouchet, Jacopo Belussi und Chris Evans mit „Lonely Town“ und Sasha Trusch und Ricardo Urbina mit „A Simple Song“, alle aus „Bernstein Dances“. Vor diesem Hintergrund erschloss sich die raffinierte Choreografie Neumeiers noch einmal auf ganz neue Weise.

Ein weiteres anschauliches Beispiel, wie Choreografie die Atmosphäre eines Songs umsetzt und nicht am Wort klebt, zeigte ein Beispiel aus dem „Songbook“ des Bundesjugendballetts. „Just Like A Woman/Natural Woman“ (Choreografie: Sasha Riva und Sara Ezzell) setzt all die Emotionen frei, um die es in diesen Songs geht – Sara Ezzell selbst und Ricardo Urbina bringen das hoch engagiert und überzeugend auf die Bühne.

Aber auch wenn er Text und Musik bereits gut kenne und eine Idee dazu habe, entstehe im Ballettsaal, in der Kreation gemeinsam mit den TänzerInnen noch einmal etwas ganz Neues; etwas, was nicht erwartet werden kann, sondern ein Geschenk des Moments darstellt. Ein wunderbares Beispiel dafür ist der Pas de deux „Ich atmet‘ einen linden Duft“ aus den Rückert-Liedern von Gustav Mahler. Silvia Azzoni zeigte dieses Kondensat aus Musik und Text neben Edvin Revazov ungemein delikat, schwebend leicht und duftig, so dass man förmlich den Lindenduft atmen konnte.

Ganz anders, aber nicht minder überzeugend danach Aleix Martinez als Levin in „Anna Karenina“ mit einem Solo zu dem Song „Moon Shadow“ von Cat Stevens. Die Musik von Tschaikowsky und Schnittke, die er sonst in diesem Werk verwendet, habe nicht zu dem Charakter von Levin gepasst, meinte Neumeier. Um Levins Erdverbundenheit zu zeigen und auch das Grüblerische und Gottsuchende in ihm, sei er auf die Musik von Cat Stevens gestoßen – und es ist immer wieder ein Wow-Moment, wenn Aleix Martinez dazu tanzt.

Natürlich durften zwei Beispiele aus den „Liebeslieder-Walzern“, der jüngsten Premiere beim Hamburg Ballett, nicht fehlen. Dieses Stück scheine ein eher bescheidenes Werk George Balanchines, sagte Neumeier. Es sei aber eines der mutigsten, die „Mister B.“ jemals gemacht habe. Normalerweise habe man das New York City Ballet Anfang der 1960er Jahre vor allem in schwarzen Trikots und rosa Beinkleidern gekannt, die Stücke waren selten länger als 20 Minuten. In „Liebeslieder-Walzer“ stecken die TänzerInnen ganz realistisch für eine Ballsaal-Situation in üppigen seidenen Roben und schwarzen Anzügen, und das Stück dauert satte 60 Minuten. Die Texte der von Brahms vertonten Lieder seien für Balanchine nicht so wichtig gewesen, „zum Glück“, wie Neumeier anmerkte, und Gott sei Dank habe Brahms auf die doch recht trivialen Verse eine so schöne Musik geschrieben ... Die Zweiteilung der „Liebeslieder-Walzer“ in einen realistischen und einen eher surrealen Teil sei eine Anspielung auf das romantische Ballett des 19. Jahrhunderts, in dem es immer eine reale (männliche) Welt und eine (weibliche) Traumwelt gäbe, in der man tiefer in die Seele schauen dürfe. In „Liebeslieder-Walzer“ erleben Mann und Frau erstmals gemeinsam beide Ebenen – eine mutige Neuerung in damaliger Zeit.

Zum Abschluss dann noch drei Beispiele aus Neumeiers „Weihnachtsoratorium“. Auch hier sei es nicht darum gegangen, wortwörtlich die Weihnachtsgeschichte auf die Bühne zu bringen, betont Neumeier. Viel wichtiger seien die Reaktionen, die die Musik hervorbringt, z. B. bei „Bereite dich Zion“, wunderbar präsentiert von Hélène Bouchet, oder auch bei den Drei Weisen aus dem Morgenland (Marc Jubete, Florian Pohl, Lizhong Wang) und natürlich bei dem Herzstück des Werkes: „Jauchzet, frohlocket“, wenn das gesamte Ensemble in atemberaubenden Tempo all die Freude und den Jubel über die Ankunft Jesu Christi in Bewegung umsetzt.

Wie immer stand am Schluss der Benefizwerkstatt die Erinnerung an Tänzer, die der Krankheit Aids zum Opfer fielen: „Wo die schönen Trompeten blasen“ aus „Des Knaben Wunderhorn“ (das im Frühjahr 2019 unter dem Titel „All Our Yesterdays“ zusammen mit Mahlers Fünfter Sinfonie wiederaufgenommen werden wird). Emilie Mazon und Jacopo Belussi erinnerten damit vor allem an Jeffrey Kirk, für den dieser Pas de deux 1989 kreiert wurde und der ihn damals zusammen mit Gigi Hyatt getanzt hat. Wir vermissen ihn wie auch viele andere immer noch schmerzlich.

Doch so schmerzlich das Gedenken an die Verstorbenen war, so erfreulich war das Ergebnis der Veranstaltung. Die Stiftung TANZ darf sich über 28.000 Euro freuen, die an diesem Vormittag durch die doppelt so hohen Eintrittspreise zusammengekommen sind.

Veröffentlicht am 27.12.2018, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2018/2019

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