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Heidelberg

DIE GENERATION Y TANZT

Iván Pérez ist in „Impression“ den Millenials auf der Spur



Mit seinem Stück hat es sich der neue Heidelberger Tanzchef nicht leicht gemacht. Mutig und originell thematisiert er darin die "Millenials" – diejenigen, die zur Jahrtausendwende gerade an der Schwelle zum Erwachsenwerden standen.


  • Iván Pérez' "Impression" am Theater Heidelberg: Leon Poulton, Arno Brys, Orla McCarthy, Kuan-Ying Su, Jacqueline Trapp Foto © Alwin Poiana
  • Iván Pérez' "Impression" am Theater Heidelberg: Inés Belda Nácher, Jacqueline Trapp, Axier Iriarte Foto © Alwin Poiana
  • Iván Pérez' "Impression" am Theater Heidelberg: Arno Brys, Axier Iriarte, Marc Galvez, Jacqueline Trapp, Kuan-Ying Su, Andrea Muelas Blanco, Leon Poulton Foto © Alwin Poiana
  • Iván Pérez' "Impression" am Theater Heidelberg: Yi-Wei Lo, Inés Belda Nácher Foto © Alwin Poiana
  • Iván Pérez' "Impression" am Theater Heidelberg: Jacqueline Trapp, Arno Brys, Andrea Muelas Blanco, Marc Galvez, Leon Poulton, Kuan-Ying Su, Axier Iriarte Foto © Alwin Poiana
  • Iván Pérez' "Impression" am Theater Heidelberg: Jacqueline Trapp Foto © Alwin Poiana

Er hätte es sich leichter für seine allererste große Premiere im Heidelberger Theater leichter machen können: eine bekannte, gefällige Musik aussuchen; ein Thema wählen, das ihn zwar bewegt, aber ihm weniger unter die Haut geht. Aber der neue Heidelberger Tanzchef Iván Perez hat keinerlei Versuch gemacht, sich bei seinem neuen Publikum – darunter mit Sicherheit etliche Fans seiner Vorgängerin Nanine Linning – anzubiedern. Im Gegenteil: Die neue Produktion „Impression“ thematisiert mutig und originell die Generation Y, die „Millenials“ – also diejenigen, die zur Jahrtausendwende gerade an der Schwelle zum Erwachsenwerden standen. Der spanische Choreograf gehört selbst dazu.

Sie sind die ersten „Digital Natives“, die mit Internet und modernen Kommunikationsformen aufgewachsen sind. Es ist, wenn man Soziologen glauben darf, eine Generation auf der Sinnsuche – zwischen Selbstoptimierung und Terrorangst, Technikgläubigkeit und Fortschrittskritik. Wie kann man ein so großes Thema in Tanz fassen, ohne zu kurz zu greifen? Iván Pérez hat einen abstrakten Zugriff gewählt und sich ein beeindruckendes Team zur Unterstützung geholt. So lässt nicht etwa er seine elf TänzerInnen die allgegenwärtigen Smartphones schwenken, sondern die erklingen aus dem Orchestergraben in der Auftragskomposition von Ferran Cruixent. „Cyborg“ nennt der katalanische Komponist es, wenn die Musiker eine speziell komponierte Audiodatei auf ihr Smartphone laden und zu einem bestimmten Zeitpunkt zusätzlich abspielen.

Was den Orchesterklang angeht, greift Cruixent genüsslich in die Vollen: mit Pauke und Posaune, mit Streicherklang und Harfengesang. Vom Windsäuseln bis zum strammen Beat, von melodiöser Sanftheit bis zur sinfonischen Orchesterwucht – die Komposition spielt souverän mit den Genres zwischen minimalistischer Repetition und sinfonischer Dichtung, zwischen Lautmalerei und Filmmusik. Dazu gestattet sich der Katalane einen intellektuellen Background, wie etwa den Morsecode als Metapher für Kommunikation einzusetzen. Um es kurz zu machen: die Musik ist eine Wucht, die das Stück in jedem Augenblick zusammenhält. Dirigent Dietger Holm und die Orchestermitglieder sorgten mit Bravour dafür, dass dieser Anspruch eingelöst wurde.

Von hohen Ansprüchen verstehen die Künstler von „United Visual Artists“ auch etwas. Das Londoner Künstlerkollektiv um Matt Clark kann mit einer beeindruckenden Liste von gestalteten Groß-Events aufwarten. Als Bühnenbildner für „Impression“ haben sie sich gekonnt zurückgehalten – und eine schlichte, aber höchst wirkungsvolle Bühnenlösung geschaffen. Drei mobile große glatte Tableaus mit beleuchtbaren Seitenkanten hängen offen über der Szene und lassen den blitzschnellen Wechsel von Raum- und Lichtsituationen zu.

Iván Pérez macht die virtuelle Welt simpel, aber höchst wirkungsvoll an grün leuchtenden Laserpointern fest. Eingangs ist ein Tänzer so fasziniert vom Spiel mit einem grünen Lichtpunkt, dass er blind und taub für die Ansprache von außen wirdt. Im zweiten Teil gewinnen die Leuchtpunkte im Spiel der Tänzer ein faszinierendes, gelegentlich erschreckendes Eigenleben, während die Tänzer noch im Liegen tanzen – einer der Höhepunkte des Abends. Pérez hat sich vor allem mit der Frage beschäftigt, wie Digitalisierung die Gesellschaft verändert – oder wie sich die Gesellschaft verändern sollte, damit sie sich Herausforderungen der Zeitgenossenschaft stellen kann. Dabei entwickeln sich seine TänzerInnen in vielen Variationen vom uniformen Zwanzigfüßler, durch den Bewegungen quasi als Ganzes hindurchgehen, zum Individuum, das dennoch Halt in einer Gemeinschaft findet. Kostümbildnerin Carlijn Petermeijer hat in den im Farbfeld grau-rosa spielenden, fließenden und oft transparenten Kostümen genau diesen Akzent gesetzt.

Im neuen, elfköpfigen Heidelberger Tanzensemble geben die durchaus vorhandenen Powerfrauen und -männer nur gelegentlich den Ton an. Das liegt natürlich daran, dass Pérez die leisen Töne abfragt und auf Authentizität setzt. Wenn die ganze Gruppe am Ende aufs Publikum zu tanzt und sich die Einzelnen mit ihren individuellen Bewegungen outen, bevor sie wieder in den sicheren Schutz der Gruppe zurückfinden, ist Verletzlichkeit Trumpf. Denn virtuelle Projektionen können den Menschen sehr bloß stellen: Am Ende geistern die grünen Leuchtpunkte über die nackte Rückseite eines Tänzers.

Das Heidelberger Premierenpublikum kam, sah, staunte – und applaudierte lautstark.

Veröffentlicht am 11.12.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2018/2019

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