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Paris

VIELSCHICHTIGE EMOTIONEN

Neue Besetzungen in der „Kameliendame“ an der Pariser Oper



John Neumeiers ewig junges Literaturballett ist zurück im Palais Garnier: 1978 in Stuttgart für Marcia Haydée und Egon Madsen geschaffen, zeigt das Ballett einmal mehr, welche darstellerischen Talente es hervorzubringen vermag.


  • John Neumeiers "Kameliendame" an der Pariser Opéra: Léonore Baulac als Marguerite Foto © Svetlana Loboff/ Opéra National de Paris
  • John Neumeiers "Kameliendame" an der Pariser Opéra: Mathieu Ganio als Armand und Léonore Baulac als Marguerite Foto © Svetlana Loboff/ Opéra National de Paris
  • John Neumeiers "Kameliendame" an der Pariser Opéra: Mathieu Ganio als Armand und Léonore Baulac als Marguerite Foto © Svetlana Loboff/ Opéra National de Paris
  • John Neumeiers "Kameliendame" an der Pariser Opéra: Mathieu Ganio als Armand und Léonore Baulac als Marguerite Foto © Svetlana Loboff/ Opéra National de Paris
  • John Neumeiers "Kameliendame" an der Pariser Opéra: Mathieu Ganio als Armand Foto © Svetlana Loboff/ Opéra National de Paris

John Neumeiers dramaturgisches Meisterwerk „Die Kameliendame“, das er 1978 für Marcia Haydée und Egon Madsen in Stuttgart schuf, hat sich seit der Erstaufführung im Jahr 2006 fest im Repertoire des Ballet de l’Opéra de Paris etabliert. Das Ballett basiert auf Alexandre Dumas fils’ gleichnamigem Roman aus dem Jahr 1848, in dem der Autor seine Affäre mit der Kurtisane Marie Duplessis (im Buch Marguerite Gautier genannt) verklärte. Obgleich sich das an die Stuttgarter Ausstattung gewöhnte Auge immer noch an manchen Pariser Kostümen stößt, haben Solisten und Corps de ballet sich in den letzten Jahren viel stärker in den Stil von Neumeiers Ballett eingearbeitet. Vor allem schien den TänzerInnen mehr als zuvor bewusst, dass die melodramatische Überzeichnung der Figuren oder die allzu starke Konzentration auf technische Perfektion - unter Missachtung des Sinns der Schritte - das Ballett bis zur Unkenntlichkeit entstellen können.

Zu den überraschenden Rollendebüts zählte in der diesjährigen Vorstellungsreihe das der jungen Etoile Léonore Baulac als Marguerite; nach ihrer gelungenen Olga in Crankos „Onegin“ dieses Jahr hätte man eher mit ihrer Besetzung als Olympe gerechnet. Doch wenn sich Baulac zu Beginn noch langsam an die Rolle herantastete, so fand sie ab dem zweiten Akt eine ganz persönliche Interpretation, die sich von denen der oft hochexpressiven reiferen Marguerites deutlich unterschied. Sie ließ an Dumas’ Beschreibung der „jungfräulichen, geradezu kindlichen“ Miene der Kurtisane denken, die kaum zu ihrem Beruf passen will. Nach dem Beginn ihrer mit größter Hingabe ausgelebten Beziehung mit Armand Duval schien sie so fragil und engelsgleich, dass Yann Saiz’ strenger Monsieur Duval mit Recht kaum seinen Augen glaubte. Im dritten Akt erinnerte die berührende Darstellung ihres langsamen, liebeskranken Dahinsiechens daran, wie jung Marie Duplessis war, als sie dreiundzwanzigjährig der Schwindsucht erlag.

Unterstützt wurde Baulac in ihrer eindrucksvollen Darbietung von ihrem Partner Mathieu Ganio, der seit seiner ersten Auseinandersetzung mit der Rolle des Armand vor zwölf Jahren Spiel und Technik noch verfeinert hat. Nicht nur, dass er die tückischsten Überkopfhebungen, bei denen Armand oft mit den wallenden Kostümen seiner Partnerin zu kämpfen hat, ohne sichtbare Anstrengung meisterte, sondern er veranschaulichte auch deutlicher denn je, dass bei Neumeier selbst die reizvollste Pose stets dem Ausdruck einer Emotion oder eines Charakterzuges dient.

In den Nebenrollen überzeugte besonders Eve Grinsztajn als Marguerites alter ego Manon Lescaut: sie wandelte sich vom perfiden Geschöpf, gegen dessen spöttische Präsenz sich Marguerite und Armand in ihren jeweiligen Visionen kaum zur Wehr setzen konnten, zu einer gebrochenen Leidensgenossin Marguerites. Grinsztajn verletzte sich - für das Publikum unmerklich - bei ihrem vorletzten Auftritt. Dies führte dazu, dass Des Grieux (Marc Moreau) und Marguerite anstelle des vorgesehenen Pas de trois am Ende einen Pas de deux improvisieren mussten. Dieser erlaubte eine alternative Deutung der Szene: es schien, als sei Manon bereits tot und Marguerite fände vorübergehend Trost bei Des Grieux, der wie sie den Verlust seiner Liebe beklagt.

Die am Jahresende üblichen Verletzungen und die Teilung der Kompanie, deren beste Kräfte gerade zum großen Teil in der Opéra Bastille in Rudolf Nurejews „Cinderella“ zu sehen sind, sorgten dafür, dass in der diesjährigen „Kameliendame“ nur wenige Rollen ideal besetzt waren. Mathieu Ganios Armand gehört mit Sicherheit zu den Höhepunkten der Vorstellungsreihe, und Léonore Baulacs gelungenes Debüt zeigte einmal mehr, welche darstellerischen Talente Neumeiers vielschichtiges Ballett in seinen Interpreten zum Vorschein zu bringen vermag.

Veröffentlicht am 11.12.2018, von Julia Bührle in Homepage, Kritiken 2018/2019

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