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Frankreich

DIE GROßE TANZ-SAUSE

Kinostart des Dokumentarfilms „Le Grand Bal“



Sieben Tage und acht Nächte lang nur tanzen, vom späten bis zum frühen Morgen – in Frankreich passiert das jeden Sommer. Jetzt hat Laetitia Carton darüber einen Film gedreht.


  • Laetitia Cartons Dokumentarfilm "Le Grand Bal" Foto © Arsenal Filmverleih
  • Laetitia Cartons Dokumentarfilm "Le Grand Bal" Foto © Arsenal Filmverleih
  • Laetitia Cartons Dokumentarfilm "Le Grand Bal" Foto © Arsenal Filmverleih
  • Laetitia Cartons Dokumentarfilm "Le Grand Bal" Foto © Arsenal Filmverleih
  • Laetitia Cartons Dokumentarfilm "Le Grand Bal" Foto © Arsenal Filmverleih
  • Laetitia Cartons Dokumentarfilm "Le Grand Bal" Foto © Arsenal Filmverleih

Es ist ein kleiner Ort im Herzen Frankreichs, gut 200 km nordwestlich von Lyon und 125 km nördlich von Clermont-Ferrand, in der Auvergne: Gennetines. Dort gründeten am 6. Dezember 1989 Julie und Bernard Coclet den Verein „Association Européenne des Amoureux de Danses Traditionelles“. Alljährlich im Sommer veranstaltet der Verein die zweiwöchige Tanz-Sause „Le Grand Bal de l’Europe“, zu der mehr als 2000 Tanzbegeisterte aus ganz Europa anreisen. Ab 10 Uhr finden auf acht oder neun Tanzböden oder auch im Freien diverse Workshops statt – für europäische Tänze verschiedenster Couleur, um 21:30 Uhr beginnen parallel die Tanzbälle, und nach 3 Uhr morgens finden sich die Unermüdlichen noch zu Jam-Sessions unplugged zusammen. 500 MusikerInnen spielen live dazu auf. 2016 hat die französische Regisseurin Laetitia Carton dieses Ereignis mit zwei Filmteams dokumentiert. Seit 29. November ist ihr Dokumentarfilm „Le Grand Bal“ in den Kinos angelaufen.

„Tanzen ist der Kampf gegen alles, was uns zurückhält, gegen alle Last, gegen alles, was uns schwerfällig macht. Tanzen ist hören, was der Körper uns zuflüstert. Tanzen bedeutet auch, ein Risiko einzugehen. Das Risiko des Chaos, unguter Gefühle, versetzt, auch verärgert zu werden, die eigenen Grenzen aufgezeigt zu bekommen. Aber auch das Risiko, süchtig nach der Extase zu werden, denn es gibt auch Abende, da überkommt dich die Anmut. Der Tanz zu zweit, zu viert oder zu hundert lässt eine innere, alterslose Inkarnation, eine reine Freude entstehen.“ So formuliert es die Regisseurin in ihrem aus dem Off begleitend auf Französisch mit deutschen Untertiteln gesprochenen Text im Film. Die einzigartige Atmosphäre, die „Le Grand Bal“ ausmacht, wollte sie festhalten und spiegeln. Denn: „Diese Emotionen, Geselligkeit, geteilte Energie, die im Kollektiv entstehen, gibt es sonst nirgendwo. Beim Tanzball sind wir einfach alle Tänzer und Tänzerinnen. Es gibt keine Reichen und Armen mehr, keine Verkleidung, keine sozialen Klassen. Für eine Nacht lang mischen sich alle. (...) Der Tanzball ermöglicht es uns, die Lebensfreude mit anderen wiederzufinden und gemeinschaftliche Rituale zu praktizieren, die in Vergessenheit geraten sind. Feim Festival erleben wir, dass Gemeinschaft existieren kann und dass wir dazugehören.“

Wer schon einmal so einen Tanzabend erlebt hat, wird dieses Gefühl bestätigen können – und es muss gar nicht „Le Grand Bal“ gewesen sein, auch jede Tango-Milonga und jedes andere Tanzereignis kann solche Erlebnisse bereithalten. Kann. Denn es gibt keine Garantie dafür. Ob dieses Gefühl der Schwere- und Zeitlosigkeit, des Einsseins mit Menschen und Kosmos, ob dieser exstatische Flow sich tatsächlich einstellt, ist nicht berechenbar. Und er kommt immer dann, wenn man ihn nicht erwartet, wenn man nicht damit rechnet. Wenn man absichtslos wird. Offen für das, was kommt, was sich ereignen möchte.

Das gelingt nicht immer. Und deshalb muss man auch um die Kehrseite solcher Bälle wissen: die Einsamkeit, wenn niemand dich zum Tanz auffordert; das erniedrigende Gefühl, wenn ein Tanzpartner oder eine -partnerin dich einfach stehenlässt, weil du ihm/ihr nicht gut genug bist; die Scham, wenn jemand die körperliche Nähe für Übergriffe ausnutzt. Es ist das große Verdienst, dass Laetitia Carton nicht einfach eine Jubel-Doku gedreht hat, dass sie diese Seite nicht ausklammert. Verschiedene TeilnehmerInnen des Grand Bal äußern sich in den mitgefilmten Gesprächen untereinander durchaus kritisch und zeigen, dass es neben dem ekstatischen Licht bei „Le Grand Bal“ auch Schatten gibt.

Und doch macht der Film ungemein Lust darauf, sich selbst ins Getümmel zu stürzen und auszuprobieren, wie es ist, mit so vielen Menschen aller Altersklassen frei von Statussymbolen nur eines zu tun: tanzen. Genau das war das Ziel, das Laetitia Carton erreichen wollte. Es ist Völkerverständigung vom Feinsten und auf die beste Art und Weise: Tanz als Sprache des Körpers und der Seele braucht keine Worte, und manchmal noch nicht einmal Musik.


Le Grand Bal de l’Europe 2019 findet statt vom 19. Juli bis 2. August. Anmeldung ab Februar 2019 und weitere Informationen: www.gennetines.org (französisch, deutsch, englisch, italienisch).

Veröffentlicht am 04.12.2018, von Annette Bopp in Homepage, Tanzmedien

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