HOMEPAGE



Köln

OHNE TANZ

"Opernland Nordrhein-Westfalen" von Georg Quander



Der in der Kulturwelt bestens vernetzte Georg Quander hat mit "Opernland Nordrhein-Westfalen" ein umfangreiches Buch geschrieben, dass jedoch den Tanz außen vor lässt.


  • "Opernland Nordrhein-Westfalen" von Georg Quander Foto © Wienand Verlag

Von den rund 200 Opernhäusern auf der ganzen Welt befindet sich fast die Hälfte in Deutschland - 15 davon in Nordrhein-Westfalen (NRW) zwischen Aachen und Wuppertal, Münster und Detmold. Doch sei, so schreibt Autor Georg Quander in der Einleitung, das Musiktheater im größten Bundesland "ein unbekanntes Erbe", ein "Schatz, den die Städte bewahren" (sollten), wie er im abschließenden Ausblick mahnt.

Quander, Jahrgang 1950, ist Opern- und Filmregisseur, Musikjournalist und Kulturmanager im Ruhestand - einer also, der das deutsche Kulturleben jahrzehntelang aus unterschiedlichsten Perspektiven beobachtet und mitgestaltet hat. Etwa als Intendant der Deutschen Staatsoper/Staatsoper Unter den Linden Berlin, in leitender Funktion beim RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor West-Berlin) oder als Kulturdezernent der Stadt Köln.

Das Ballett als traditionsreichen Teil des Musiktheaters und seine Entwicklung zur eigenständigen Sparte seit Pina Bauschs mutig aufmüpfigen Wuppertaler Gluck-Inszenierungen allerdings ignoriert er in dieser kleinen, regionalen Theatergeschichte mit geradezu feindseliger Konsequenz. Warum aber fordert ein Verlag dann überhaupt Europas größtes Tanzportal zur Besprechung dieses Buches auf? Denn selbst im letzten Viertel des Bandes mit "Informationen zu den Spielstätten", zur Verfügung gestellt von den jetzigen Theaterleitern und den jeweiligen Fördervereinen, ist über den Tanz nichts zu lesen (vermutlich gemäß redaktioneller Vorgaben). Immerhin mogelten einige pfiffige Intendanten wenigstens auf den beigefügten Fotos ihre BallettchefInnen ein: so das Landestheater Detmold ihr Urgestein Richard Lowe, die Deutsche Oper am Rhein Martin Schläpfer (den Noch-Chefchoreografen, der sein Ballett am Rhein auf Weltklasseniveau hievte) und Remus Sucheana (den offiziellen Ballettdirektor), das Aalto-Musiktheater Star-Entertainer Ben van Cauwenbergh in der Folkwang-Stadt. Münster hebt "die Zusammenarbeit mit der Sparte Tanz" hervor. Gelsenkirchens Musiktheater im Revier lichtet neben dem Generalintendanten Schulz, Geschäftsführer Werner und GMD Baumann auch die Ballettdirektorin Bridget Breiner ab, die schon auf dem Absprung zur nächsten Sprosse ihrer Karriereleiter als Nachfolgerin von Birgit Keil in Karlsruhe ist. Das wohl am ärgsten gebeutelte NRW-Theater in Hagen zeigt seinen spanischen Noch-Ballettchef Alfonso Palencia, der wegen künstlerischer Differenzen mit dem neuen Intendant Francis Hüsers gehen muss, aber hoffentlich ersetzt wird. Denn gerade in der kleinen Industriestadt mit den außergewöhnlich aktiven "Ballettfreunden" wird immer wieder sichtbar (wie nebenan in Dortmund bei Xin Peng Wangs modernen, pompösen Handlungsballetten), dass Tanz an Musiktheatern zum Publikumsmagneten taugt.

Im Personenregister sind ganze fünf Namen aus der Tanzgeschichte erwähnt - darunter Rosamund Gilmore, die in den 1980er Jahren bekanntlich mit ihrer "Laokoon Dance Group" international Furore machte, sich später allerdings mehr der Opernregie zuwandte. Laut Quander entdeckte Peter Theiler, Intendant des Musiktheaters im Revier von 2002-08, "die junge britische Regisseurin" als Gast für Gelsenkirchen. Bernd Schindowski wird mit seiner "Inszenierung und Choreografie" der "Westside Story" im Rahmen der (losen) Kooperation von Gelsenkirchen mit Wuppertal in den 1990er Jahren erwähnt. Essens (nicht choreografierender) Ballettdirektor Martin Puttke steht für die DDR-Künstler, die Essens erster Aalto-Intendant Manfred Schnabel engagierte. In der Folkwang-Stadt Essen trug Kurt Joos (sic!) 1958 zum Erfolg von Purcells Tanzoper "The Fairy Queen" bei. Pina Bausch, so weiß Quander, trat 1973 in der stummen Rolle der Prinzessin in Boris Blachers "Yvonne" auf und "gestaltete die zu dieser Opernform (Purcells "King Arthur") unerlässlichen Tanzszenen". An anderer Stelle wird "Pina Bauschs renommiertes Tanztheater" lapidar erwähnt.

Bei allem Realismus über den Zustand: hier singt kein leidenschaftlicher Opernkenner Liebesarien auf die Musiktheater-Künste zu ihrer Rettung und lässt verzückt die Puppen tanzen. Vielmehr stimmt ein bürokratischer Beckmesser ein tristes Lamento an: "Wenn sich die Lage der Kommunalfinanzen und das Bewusstsein im Land bei den Städten für den Schatz, den sie bewahren, nicht ändert, wird in absehbarer Zeit eine der reichsten und vielfältigsten Opernlandschaften der Welt nur noch Geschichte sein".

Veröffentlicht am 30.11.2018, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Tanzmedien

Dieser Artikel wurde 338 mal angesehen.



Kommentare zu "Ohne Tanz"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    NICE TO MEET YOU? TANZABEND VON TIAGO MANQUINHO

    Premiere: Donnerstag, 23. Mai 2019, 19.30 Uhr Kleines Haus des Theaters Münster
    Veröffentlicht am 23.05.2019, von Anzeige


    DER GASTEIG IM TANZRAUSCH

    Das größte Tanzfest der Stadt - Bei „Tanz den Gasteig“ am 15. Juni gibt es alles von Tanztee bis Hip-Hop. Eintritt frei!
    Veröffentlicht am 23.05.2019, von Anzeige


    WIE IM FLUGE

    Fotoblog von Ursula Kaufmann
    Veröffentlicht am 22.05.2019, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DIE TOTEN-INSEL

    In der Gastspielreihe Old stars New moves bringt José Luis Sultán am 24. Mai ein neues Stück zur Uraufführung

    Nach William Forsythe und Tony Rizzi ist nun José Luis Sultán in der Hebbelhalle – Künstlerhaus UnterwegsTheater in Heidelberg mit einem neuen Stück zu Gast.

    Veröffentlicht am 21.05.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    BERUFEN!

    Katja Schneider wird erste Professorin für Tanzwissenschaft an der HfMDK

    Veröffentlicht am 14.05.2019, von Pressetext


    CLAUDIA JESCHKE ERHÄLT MÜNCHNER TANZPREIS

    Die Tanzwissenschaftlerin Prof. Dr. Claudia Jeschke wird geehrt

    Veröffentlicht am 03.05.2019, von Pressetext


    ABER WIR HATTEN SPAß!

    „Bilderschlachten“ von Stephanie Thiersch in Nîmes

    Veröffentlicht am 11.05.2019, von Gastbeitrag


    ZUM WELTTANZTAG!

    Welttanztag-Botschaft der ägyptischen Choreografin Karima Mansour

    Veröffentlicht am 28.04.2019, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP