HOMEPAGE



Hamburg

FÜR UNS ALLE!

Antje Pfundtners "Für mich" auf Kampnagel Hamburg



Mit „Für mich“ hat die Choreographin nach „nimmer“ von 2014 ihr zweites Stück gezielt für ein junges Publikum über 8 Jahren kreiert. Herausgekommen ist ein Werk für uns alle.


  • Antje Pfundtners "Für mich" auf Kampnagel Hamburg: Antje Pfundtner und Norbert Pape Foto © Öncü Gültekin
  • Antje Pfundtners "Für mich" auf Kampnagel Hamburg: Norbert Pape Foto © Öncü Gültekin
  • Antje Pfundtners "Für mich" auf Kampnagel Hamburg: Norbert Pape, Antje Pfundtner und Juliane Oliveira Foto © Öncü Gültekin
  • Antje Pfundtners "Für mich" auf Kampnagel Hamburg:Norbert Pape, Juliane Oliveira und Antje Pfundtner Foto © Öncü Gültekin
  • Antje Pfundtners "Für mich" auf Kampnagel Hamburg: Norbert Pape und Antje Pfundtner Foto © Öncü Gültekin

Es sind nur gut 50 Minuten, aber die haben es in sich. Mit „Für mich“ hat Antje Pfundtner ein wichtiges Stück für zwei Tänzerinnen und einen Tänzer geschaffen, das sich beileibe nicht nur – aber sicher vor allem – an ein junges Publikum im schwierigen pubertären Alter zwischen 14 und 17 Jahren richtet. Sie greift darin Fragen auf, die man sich insbesondere in dieser Zeit stellt, wo das Leben verheißungsvoll vor einem liegt, aber auch die Sicherheit der Kindheit schmerzlich verlorengeht. Antje Pfundtner befragte kurzerhand ca. 30 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 15 Jahren, was sie so umtreibt. Gemeinsam galt es, Standpunkte zu definieren, auch begleiteten die Jugendlichen die gesamte Kreation als DialogpartnerInnen und Feedback-GeberInnen. Das Stück entstand als Teil von „explore dance – Netzwerk Tanz für junges Publikum“ bei K3 | tanzplan Hamburg auf Kampnagel in Kooperation mit fabrik moves, Potsdam, und Fokus Tanz/Tanz und Schule e.V., München. „Explore dance“ lädt etablierte ChoreografInnen ein, in allen drei Städten insgesamt 18 neue Stücke für ein junges Publikum zu entwickeln und dieses vor allem an die Kunstform Tanz heranzuführen.

Um es kurz zu machen: Es hat sich gelohnt. Herausgekommen ist ein von Anfang bis Ende für alle Generationen hochspannendes Werk. Denn die zentrale Frage, die Antje Pfundtner Jugendlichen gestellt hat, betrifft auch noch Menschen mit 25, 45 oder 65 Jahren: „Was wirst Du nicht genug gefragt?“ Die Antworten, die sich bei den Jugendlichen daraus ableiteten, prägen den Verlauf des Stücks.

Schon während das Publikum die Plätze einnimmt, geht es los: Zwei Personen in roten Trainingsanzügen, am Hals miteinander „verhakt“, wälzen sich auf dem weißen Tanzboden. Ob es zwei Frauen oder Mann und Frau sind, lässt sich erstmal nicht erkennen. Ein Teil des hinteren Bühnenraums ist durch einen raumhohen weißen Vorhang abgetrennt, der sich immer mal wieder anders einfärbt: rot, grün, gelb, lila, blau. Nach einer Weile trennen sich die beiden Personen, und man sieht: Es sind Frau (Antje Pfundtner selbst) und Mann (Nobert Pape). Antje Pfundtner beginnt, Befindlichkeiten im Publikum anzusprechen: „Wer von Euch gerade traurig ist, balle die Hand zur Faust“, „Wer gerne die Zeit anhalten möchte, lege die Hände auf die Knie“, „Wer mit seiner Frisur nicht zufrieden ist, schlage die Beine übereinander“, „Wer sich mehr Mut wünscht, beiße sich auf die Zunge“ oder „Wer von Euch nicht mehr zuhause leben möchte, halte die Luft an“ und diverses andere mehr, jeweils verbunden mit einer eindeutigen Geste. Und sofort geht es weiter mit einem rasend schnellen Wechsel von Antworten „aber ja, aber nein“ mit immer wieder anderen ambivalenten Gesten und rasant wechselnden Schrittfolgen. Großartig!

Norbert Pape erzählt von seiner Großmutter, die ihn nie hat tanzen sehen, jetzt tanzt er für die Kinder und Jugendlichen. Er schiebt den Vorhang beiseite, und eine weitere Tänzerin (Juliana Oliveira) tritt auf. Sie und Antje Pfundtner stülpen sich Langhaarperücken über – Nobert Pape braucht das nicht, seine Haare sind sowieso lang genug. Es folgt Headbanging vom Feinsten zu wummernden Sounds (Musik: Sven Kacirek), abgelöst von Ganzkörperzittern, Sprüngen, Hüpfen, Kreiseln.

In dieser Art geht es weiter. Es ist ein bunter Wechsel von Stimmungen, Haltungen, Meinungen, von kreativen Bewegungsabläufen – alleine, zu zweit, zu dritt. Das Publikum – bei der Premiere in Hamburg waren es eine 5. und eine 7. Schulklasse – geht begeistert mit.

Mit einem Schlag auf einen Buzzer im Hintergrund setzt Techno-Musik ein, und Norbert Pape beginnt, wild darauf zu tanzen, was sofort einige der Kinder animiert, selbst mitzumachen. Immer wieder geht es um Alternativen, die sich stellen: zusammenbleiben oder auseinandergehen? Ja oder nein? Was ist peinlich: Der Anblick, wenn sich Antje Pfundtner und Norbert Pape dicke Wulstlippen-Masken einsetzen? Eine Berührung? Lautstarkes Rülpsen? Spannend, wie sich dabei die Interaktion mit dem Publikum entwickelt, aber auch die der TänzerInnen untereinander. Bis zum Schluss Antje Pfundtner den Arm ganz hoch in die Luft reckt, ganz laut „Jetzt“ sagt, und das Licht verlischt – Abschluss und Aufforderung zugleich.

Es ist ein Stück, dessen Impulse sich wunderbar in Schulklassen übertragen lassen. Dazu gibt es für LehrerInnen gut zusammengestelltes, informatives Begleitmaterial. Interessierte wenden sich an Ann-Kathrin Reimers von der Projektleitung exlore dance (per Mail: ann-kathrin.reimers@kampnagel.de oder telefonisch unter 040-270 949-50). Erstmal tourt das Stück jedoch in die beiden an der Produktion beteiligten Städte Potsdam und München und kommt dann im Rahmen des „Festival Tanz für junges Publikum“ Anfang Mai nochmal auf Kampnagel zurück. Nicht verpassen!

Veröffentlicht am 27.11.2018, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 2314 mal angesehen.



Kommentare zu "Für uns alle!"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    „DEN KÖRPER IN DEN KAMPF WERFEN“

    Raimund Hoghe erhält im Oktober den Deutschen Tanzpreis

    Geehrt werden Friedemann Vogel als herausragender Interpret sowie Raphael Hillebrand und Antje Pfundtner in Gesellschaft (APiG) für herausragende Entwicklungen im zeitgenössischen Tanz.

    Veröffentlicht am 27.05.2020, von Peter Sampel


    DER HUMOR DER MELANCHOLIE

    Mit „Sitzen ist eine gute Idee“ rundet Antje Pfundtner ihre Trilogie über Albrecht Dürers Kupferstich auf höchst gelungene Weise ab

    Es ist eine Frage, die uns heute besonders bewegt: „Wofür stehst Du auf?“ Antje Pfundtner beantwortet sie auf ihre Weise: amüsant, nachdenklich, tiefgründig, spöttisch – und höchst gekonnt

    Veröffentlicht am 02.11.2019, von Annette Bopp


    SIE HAT DA MAL WAS VORBEREITET

    „Alles auf Anfang“ im Dresdner Festspielhaus Hellerau

    Antje Pfundter in Gesellschaft macht die Bühne zum Experimentalraum mit Bruchstücken. In „Alles auf Anfang“ werden gleich zu Beginn Konventionen über Bord geworfen - ein Abend, an dem man sich nicht entspannt zurücklehnen kann.

    Veröffentlicht am 24.02.2019, von Rico Stehfest


    DAS GESCHENK DER LETZTEN SCHRITTE

    Die Videoinstallation "Letzte Schritte" von Antje Pfundtner in Gesellschaft und der Filmemacherin Barbara Lubich in Hamburg

    Es ist etwas sehr Kostbares, fast Heiliges, wenn TänzerInnen am Ende ihrer Karriere ihre letzten Schritte auf der Bühne herschenken, damit sie im Film und Wort festgehalten werden.

    Veröffentlicht am 27.01.2019, von Annette Bopp


    VOM ANFANG UND ENDE UND DEM, WAS BLEIBT

    Ein Gespräch mit der Hamburger Tänzerin und Choreografin Antje Pfundtner

    Ende Januar entschied die TANZPAKT-Jury die Kompanie „Antje Pfundtner in Gesellschaft“ mit ihrem Projekt „Teilgesellschaften“ von 2018 bis 2021 zu fördern. Ein Gespräch über Pfundtners Pläne und ihre Tanz-Trilogie „Melancholie“.

    Veröffentlicht am 26.06.2018, von Annette Bopp


    CHAOTISCHES STELLDICHEIN

    Antje Pfundtner in Gesellschaft mit „Alles auf Anfang“ in der Kampnagelfabrik

    So freundlich wird das Publikum selten begrüßt, wenn es einen Theatersaal betritt: „Oh wie schön, oh wie schön, oh wie schön – oh ja!“ jubelt ein Chor auf der Zuschauertribüne immer wieder.

    Veröffentlicht am 16.02.2018, von Annette Bopp


    LABORERGEBNISSE

    Das 2. modul-dance-Festival ging in Dresden Hellerau zu Ende

    Das 2. modul-dance-Festival stellte an zwei Wochenenden ganze acht Arbeiten vor, vier davon noch in der Entstehungsphase befindlich. Diese Mischung ging tatsächlich auf.

    Veröffentlicht am 23.09.2013, von Rico Stehfest


    TANZKONGRESS 2013 – DER BLOG

    Tag 4: Sonntag 9. Juni Jetzt ist er schon wieder vorbei, der Tanzkongress 2013 in Düsseldorf.

    Anna Donderer, Christina Dettelbacher und Anna Wieczorek bloggen zu Workshops, Tagungen, Vorstellungen und Rahmenprogramm

    Veröffentlicht am 10.06.2013, von tanznetz.de Redaktion


    EINE POETISCHE ERINNERUNGSCOLLAGE

    Antje Pfundtners entfremdete „Nussknacker“-Version in der Hamburger Kampnagelfabrik

    Vorweg: Die Angst Antje Pfundtners, die Besucher der Vorstellung könnten enttäuscht sein, weil sie die traditionelle Geschichte der kleinen Klara sehen wollen, wie sie in einem Gespräch mit Irmela Kästner für die „Welt am Sonntag“ gestand, war unbegründet.,,

    Veröffentlicht am 17.12.2012, von Annette Bopp


     

    AKTUELLE NEWS


    EINE MILLIARDE EURO FÜR "NEUSTART KULTUR"

    Die Bunderegierung legt im Zuge der Corona-Krise ein Förderprogramm für die Kultur vor
    Veröffentlicht am 02.07.2020, von Pressetext


    MIT DEM RÜCKEN ERZÄHLEN

    Michael Molnár ist gestorben
    Veröffentlicht am 23.06.2020, von Hartmut Regitz


    ANZEIGE ERSTATTET

    Die nächste Runde in der Causa Staatliche Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 17.06.2020, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ARTORT 020 „GEISTERSPIELE - FEST DER KÜNSTE“

    Das beliebte Heidelberger Kunstereignis im öffentlichen Raum findet statt - mit Publikum und mit variiertem Konzept!

    ARTORT 020 „Geisterspiele - Fest der Künste“ findet an acht Abenden von 9. bis 12. Juli und 16. bis 19. Juli ab 20.30 auf dem Festgelände Heidelberger Airfield in Kirchheim/Pfaffengrund statt. Pro Vorstellung sind voraussichtlich 99 Personen zugelassen.

    Veröffentlicht am 16.06.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    EINE WARMHERZIGE UND STARKE FRAU

    Marlis Alt ist am 19. Juni verstorben

    Veröffentlicht am 29.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    DIE PREISTRÄGER*INNEN STEHEN FEST

    Preisvergabe beim 24. Internationalen Solo-Tanz-Theater Festival Stuttgart 2020

    Veröffentlicht am 29.06.2020, von Pressetext


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    WIE DOMINOSTEINE

    Premiere „Changes“ mit Uraufführungen von Damian Gmür und Odbayar Batsuuri

    Veröffentlicht am 28.06.2020, von Gastbeitrag



    BEI UNS IM SHOP