HOMEPAGE



Luzern

LET'S DANCE!

Der dreiteilige Abend "Tanz 28: New Waves" in Luzern



Mit den beiden Choreografien "Twenty Eight Thousand Waves" und "Sortijas" von Cayetano Soto sowie "Let’s Bowie" von Georg Reischl.


  • "Twenty Eight Thousand Waves" von Cayetano Soto Foto © Gregory Batardon
  • "Sortijas" von Cayetano Soto Foto © Gregory Batardon
  • "Let's Bowie" von Georg Reischl Foto © Gregory Batardon

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Wenn man nämlich wegen der Sperrung des Luzerner Hauptbahnhofs ein paar Minuten des bewegenden „Twenty Eight Thousand Waves“ von Cayetano Soto verpasst, das zusammen mit einem weiteren Stück von Soto und einer Neukreation von Georg Reischl zu Songs von David Bowie aktuell am Luzerner Theater zu dessen 10-jährigen Tanzjubiläum gezeigt wird. Cayetano Soto entführt das Publikum in eine sanfte, graue, geschmeidige und sinnliche Welt. Dort tragen die Männer graue Faltenröcke und die Frauen fleischfarbene Bodies. Die zehn TänzerInnen sind androgyn und strotzen vor Sinnlichkeit. „Twenty Eight Thousand Waves“ handelt vom Wellenschlag des Meeres, von unbändiger Kraft, Rhythmus und Bewegung. Das Zusammenspiel von Tanz, Situation und Körper kulminiert am Ende dieses 20-minütigen Stücks im gleißenden Licht, das in Form großer Scheinwerfer auf die Bühne niedergelassen wird. Szenerie und TänzerInnen werden verschluckt. Einfach kraftvoll.

Der katalanische Choreograf Cayetano Soto ist schon viel herum gekommen. Er choreografierte etwa für das NDT und das Ballett Dortmund, im kommenden Frühjahr sind Arbeiten von ihm in Zwickau und Augsburg zu sehen. „Tanz 28“ ist seine zweite Arbeit für das Luzerner Theater. Und wie immer hat Soto auch hier einen ganz besonderen Protagonisten auf der Bühne: das Licht. Welten und Stimmungen werden erschaffen, Emotionen evoziert. Tiefgründig, dunkel, weit. Die Scheinwerfer sind sichtbar am hinteren Bühnenrand angebracht, sie sollen wahrgenommen werden. Das ist wundervoll, geht das Licht doch oftmals unscheinbar auf der Bühne verloren.

Und der nächste traumhafte Lichtkegel wartet schon auf seinen Einsatz; nach einer kurzen Pause bewegt er sich nach oben und gibt die Bühne frei für das kurze Stück „Sortijas“. In nur fünf Minuten wird hier das Menschliche verhandelt; zur ergreifenden Musik von Lhasa del Sela, einer mexikanischen Sängerin, die recht jung an Brustkrebs gestorben ist. In Blacks und etlichen Positionswechseln bewegen sich Valeria Marangelli und Carlos Kerr Jr. tänzerisch fehlerfrei über die Bühne, um den großen Fehler Leben darzustellen. Und wenn man genau hinsieht, verschwimmt das Geschlecht, denn die beiden auf der Bühne tragen dieselben Hosen und Valeria Marangelli einen Body, der ihren Oberkörper androgynisiert - oder einfach nur die weibliche Brust verschwinden lassen will. Es scheint, auf Lhasa del Sela übertragen, das zu sein, was das Leben fehlerhaft und schwierig macht. Und universaler gesehen sind es geschlechtliche Differenzierungen und Zuschreibungen, die dem Menschen Probleme aufbürden.

Dies beschäftigte auch David Bowie, Inbegriff des androgynen Popstars. Schon früh war er von Ästhetiken abseits geschlechtlicher Normen und Rollen fasziniert und spielte mit ihnen. Seine außerirdische Kunstfigur Ziggy Stardust war Ausdruck seines großen Interesses am Geschlechtslosen. Georg Reischl, der diese Saison als Trainingsleiter und Associate Artist am Luzerner Theater zu Gast ist, hat nun mit dem Tanzensemble die Songs von David Bowie auf die Bühne gebracht. In einer klaren und komplett in Gold getauchten Bühne wuseln sechs TänzerInnen über die Bühne. Derjenige, der an diesem Abend die Bowie’sche Quirkyness am besten verkörperte, war Hospitant Janne Boere. Der schwebt und wedelt über die Bühne, wie es dem britischen Star bestimmt gefallen hätte; und versprüht Bowieluft - bis das Publikum diese einatmen und aufnehmen kann, wenn nämlich, wie könnte es auch anders sein, „Let’s Dance“ erklingt.

Der Saal bebt. So wie aktuell die gesamte Kulturlandschaft, die sich den Größen der Kunst des Pop und der PopArt widmet. Aktuell wird im Kino das Leben der Queen Freddie Mercury („Bohemian Rhapsody“) verarbeitet und bald wird eine fiktive Lebensgeschichte über Elton John („Rocketman“) zu sehen sein. Und auf der Bühne wird der Band Velvet Underground in Freiburg („Factory“) gehuldigt und parallel das Leben Andy Warhols („Andy-Superstar!“) in Schwerin getanzt; wo freilich auch David Bowie als Figur zu sehen ist. Dieses Jahr jährt sich nicht nur die 1968er-Bewegung, es ist allgemein ein künstlerisches Interesse an den zeitgenössischen HeldInnen des Pop auszumachen, die sich in der historischen Phase des Umbruchs grandios in ihren Künsten auszudrücken wussten. Und das ist gut so. Oder wie würde Bowie sagen: „Let’s Dance“!

Veröffentlicht am 22.11.2018, von Natalie Broschat in Homepage, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 532 mal angesehen.



Kommentare zu "Let's Dance!"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    KLEIN-STUTTGART LIEGT IN AUGSBURG

    Pick bloggt über "Soto Danza", einen Ballettabend von Cayetano Soto

    Vier unterschiedliche Choreografien spiegeln die Handschrift des Choreografen wieder und werden von brillanten Tänzern interpretiert

    Veröffentlicht am 12.07.2016, von Günter Pick


    WIE EIN VIERBLÄTTRIGES KLEEBLATT

    „Tanzquartett” in Hagen

    Im Strudel der Finanzkrise der gebeutelten Ruhrgebiets-Kleinstadt trotzen Ricardo Fernando und sein „balletthagen“ wieder einmal dem drohenden Kahlschlag des Kulturlebens.

    Veröffentlicht am 01.05.2016, von Marieluise Jeitschko


    WO DAS LEBEN IMMER WEITER GEHT

    Zum Tanzabend „Spannweiten“ beim Hessischen Staatsballett in Darmstadt

    Das nun ein Jahr alte Hessische Staatsballett bekommt ein immer deutlicheres Profil. Der Tanzabend „Spannweiten“ zeigt die Vielfalt dieses neuen Ensembles.

    Veröffentlicht am 13.03.2016, von Isabelle von Neumann-Cosel


    ROBOTERS NACHTLEBEN, HARRYS TAGTRAUM

    Les Ballets Jazz de Montréal mit einer deutschen Erstaufführung in Ludwigshafen

    Die Tänzer von Les Ballets Jazz de Montréal werden selbst zu roboterhaften Tanzmaschinen, transformieren eine unglaubliche Energie in kleinen Gruppierungen. Ab und zu bleiben sie wie erstarrt stehen, als müssten sie aufgetankt werden.

    Veröffentlicht am 11.03.2014, von Isabelle von Neumann-Cosel


    NARZISS, GIENGER, GAUL UND GOLDKEHLCHEN

    „Five and more“: Gauthier Dance im Theaterhaus Stuttgart weiter auf Erfolgskurs

    Jubel, Trubel, Heiterkeit – den klassischen Dreisatz der Unterhaltung beherrscht Eric Gauthier ebenso routiniert, wie das Exercise an der Stange. Mit stehenden Ovationen bejubeln die 1000 Abonnenten der Stuttgarter Kulturgemeinschaft, den jüngsten Tanzabend von Gauthier Dance im Theaterhaus Stuttgart.

    Veröffentlicht am 16.03.2013, von Leonore Welzin


    LIEBESLEIDENSCHAFT UND LEBENSFREUDE

    Introdans in Dortmund

    Dass Xin Peng Wang und sein rühriger Ballettmanager Tobias Ehinger jetzt Introdans aus Arnheim einlud, ist ein weiterer Schritt, Dortmund im Revier als Tanzstadt zu profilieren, die es schon einmal war - in den 1980er Jahren mit der Beteiligung an NRW-weiten und regionalen Festivals während der Ära Youri Vámos.

    Veröffentlicht am 13.01.2013, von Marieluise Jeitschko


    AZUR BIS ZIMT

    Das Balé da Cidade de São Paulo auf Deutschland-Gastspiel

    Veröffentlicht am 15.05.2010, von Leonore Welzin


     

    LEUTE AKTUELL


    ZEITLOSE HINGABE

    Zum ersten Todestag der großen Tänzerin, Ballettmeisterin und -pädagogin Irina Jakobson
    Veröffentlicht am 17.02.2019, von Annette Bopp


    "DIE CHANCE DES THEATERS LIEGT IM ALTEN"

    Interview mit Marco Goecke
    Veröffentlicht am 04.02.2019, von Alexandra Karabelas


    MIT DER NATUR IN DIALOG TRETEN

    Johannes Odenthal im Gespräch über Koffi Kôkô und den Vodun
    Veröffentlicht am 21.12.2018, von Volkmar Draeger



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SAVE THE DATE!

    Münchner Tanzbiennale DANCE findet vom 16. bis 26. Mai 2019 statt

    2019 ist DANCE-Jahr! Das internationale Festival für zeitgenössischen Tanz der Landeshauptstadt München feiert den Tanz in seiner ästhetischen Vielfalt.

    Veröffentlicht am 18.01.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    EISENACHS BALLETT BESPIELT AUCH DAS MEININGER STAATSTHEATER

    „Verschwundenes Bild“ von Andris Plucis forscht dem Alltagsleben in der DDR nach
    Veröffentlicht am 07.02.2019, von Volkmar Draeger

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    DAS HARAKIRI DES VERFÜHRERS

    Uraufführung im Theater Regensburg

    Veröffentlicht am 18.02.2019, von Michael Scheiner


    ZEITLOSE HINGABE

    Zum ersten Todestag der großen Tänzerin, Ballettmeisterin und -pädagogin Irina Jakobson

    Veröffentlicht am 17.02.2019, von Annette Bopp


    MARGUERITE DONLON WIRD BALLETTDIREKTORIN AM THEATER HAGEN

    Die renommierte Choreografin übernimmt ab der Spielzeit 2019/20 die Posten der Ballettdirektorin und Chefchoreografin

    Veröffentlicht am 16.02.2019, von Pressetext


    SIEGFRIEDS GESCHEITERTE REVOLUTION

    Rudolf Nurejews „Schwanensee“ in der Opéra Bastille

    Veröffentlicht am 18.02.2019, von Julia Bührle



    BEI UNS IM SHOP