HOMEPAGE



Braunschweig

AUF ZU NEUEN UFERN

Tänzerische Interpretation von "Struwwelpeter" am Theater Braunschweig



Struwwelpeter lebt und Tanzdirektor Gregor Zöllig lässt ihn laufen: Seine Koffer macht er leer, seine Spielsachen wirft er über Bord, und dann rudert er los, als fliegender Robert auf einem Boot: raus aus der Kindheit, raus aus Erziehungsrepressalien.


  • Gregor Zölligs "Struwwelpeter" am Theater Braunschweig Foto © Lioba Schöneck
  • Gregor Zölligs "Struwwelpeter" am Theater Braunschweig Foto © Lioba Schöneck
  • Gregor Zölligs "Struwwelpeter" am Theater Braunschweig Foto © Lioba Schöneck
  • Gregor Zölligs "Struwwelpeter" am Theater Braunschweig Foto © Lioba Schöneck
  • Gregor Zölligs "Struwwelpeter" am Theater Braunschweig Foto © Lioba Schöneck

Struwwelpeter lebt. Wenn ihn auch die Tiger Lillies in ihrer Punk-Oper vom „Shockheaded Peter“ in jeder Geschichte neu begraben, Gregor Zöllig, Braunschweigs Tanzdirektor, lässt ihn laufen: Seine Koffer macht er leer, seine Spielsachen wirft er über Bord, und dann rudert er los, als fliegender Robert auf einem Boot, das an sichtbaren Seilen in die Höhe gezogen wird, während hinten eine Leinwand den Himmel aufgehen lässt: raus aus der Kindheit, raus aus Erziehungsrepressalien, auf zu neuen Ufern: mit diesem Schlussbild, von Brendon Feeney mit schöner Stimme und den Tänzern als Chor untermalt, öffnet sich der Horizont selbstbestimmten Erwachsenseins.

Das hat einen Hauch von Fellinis Schiff der Träume und etwas von barocker Welt-Theatermacherei und atmet in jedem Fall das poetische Versprechen, dass Leben mehr ist als Sittenregeln und Heinrich Hoffmanns Verhaltenskonventionen.

Das schöne Ende hat eine zehnteilige Vorgeschichte und einen leider arg verwackelten Anfang. Da will im Vorspruch die Intonation nicht gelingen, kommt der schräge Sound der Band nicht auf den Punkt, und das Tuch des Zappelphilipps rutscht nicht so rasant vom zweimannshohen Riesentisch, wie es der eigentlich eindrucksvollen Installation gemäß wäre.

Zölligs 2010 in Bielefeld uraufgeführtes Stück mit Hank Irwin Kittels großartig-poetischen Bühnenbildideen ist eine große Herausforderung an Ensemble und Technik, das kommt am Premierenabend erst allmählich in Fahrt und auf den Punkt. Denn die Tänzer müssen auch singen und sprechen, und das gelingt in dem deutsch-englischen Textgemisch noch nicht allen gleich gut. Vor allem muss die Aussteuerung dringend überarbeitet werden: Die Band war durchweg zu laut, die Gesangstexte selten zu verstehen, lauter Aufdrehen macht die Stimmen auch bloß schrill, aber nicht verständlicher.

Dabei ist Zölligs Szenenfolge eine perfekt getimte und abwechslungsreich zwischen Poesie, Frechheit und Psychologie mäandernde Interpretation des bis heute prägenden Erziehungskanons und seiner Auswirkungen. Schön etwa, wie Joshua Haines zur Gitarre sein eigen Lied singt, während die Eltern (Jonathan Bringert, Ursina Methéus) ihn mit ihren umschlingenden Bewegungen an den heimischen Tisch zurückzerren wollen, sich aber dann selbst so verhakeln, dass sie mehr mit sich selbst beschäftigt sind und der Sohn auf seinem plötzlich gen Himmel wachsenden Stuhl sich in weite Fernen wünscht und davonsingt: Essensverweigerung in lieblosem Haus mag die Ursache manchen Suppenkaspars gewesen sein.
Und würden wir nicht auch der Hans-guck-in-die-Luft-Träumerin (Mara Sauskat) alle Sympathie wahren, für die sich ein Gemälde vom Meer in bewegte See verwandelt, während die Kolleginnen am Wischeimer schaffen. Arbeit muss sein, aber was wären wir ohne Phantasie? Und ohne freie Erotik? Adrian J. Wanliss als Daumenlutscher lutscht nicht nur an seinem Daumen, wenn er allein ist, sondern auch an seinem – großen Zeh. Und wird dafür von der Gesellschaft mit ihren Scherenarmen bloßgestellt.

Sexualität war tabu in Hoffmanns Zeiten, aber die Kehrseite der Scham sind jene „bösen Buben“, die hier als Machomacker von ihren Autos und Maschinen schwärmen, als wären es ihre Potenzschleudern. Entsprechend lassen sie vor den Frauen ihre Arme aufwachsen, Provokationen, die ein (gespielter) Mann aus dem Publikum aufräumt. Ein ambivalenter Auftritt, denn der übergriffige Volkstribun sorgt hier ja für die erwünschte political correctness im Umgang mit unzivilisierten Flegeln.

Gut daher die Umsetzung der Geschichte vom bösen Friedrich: Wie die Tänzer da mit ihren Mänteln um sich schlagen, ist bald nicht mehr zu unterscheiden zwischen Angreifern und Verteidigern, die Gewalt tobt sich aus, bis sie von einer Kugel aller gekillten Teddybären überrollt wird. Aggression rächt sich.

Berechtigt auch die Warnung vor den Zündhölzern, eine der stärksten Szenen in Zölligs Assoziationsreigen. Da bringt der gute Onkel zunächst Streichhölzchen, dann ein enges Kleidchen, was Paulinchen eines wie das andere in aller Unschuld ausprobiert. Und plötzlich sind die Hände des Mannes (Jonathan Bringert) überall, fasst er mit seinem Arm zwischen ihren Beinen durch, um sie über seine Schulter zu legen, ist sie gefesselt von seiner Jacke, die er nach der fies aufknirschender Musik dann wieder anzieht, als sei nichts gewesen. Und sie versinkt vor Scham in der Matratze. Das ist eine zwingende Choreografie, und Brigitte Uray eine berührend natürliche, dann gehemmt zerbrochene Gestalt, die zudem ihren Text hochdifferenziert zu sprechen weiß. Und dann schüttelt sie die Asche aus den roten Schuhen, eine Geste, die eine ganze Tragödie zusammenfasst.

Zu Zölligs anregenden Struwwelpeter-Variationen spielen Alfred Böhm, Wiktor Gazda, Laurenz Gemmer, Winfried Junius und Norbert Wetzel teils atmosphärische Improvisationen wie in der Paulinchen-Szene, teils die zwischen Weill und Klezmer angesiedelten, manchmal angeschrägten, oft aber auch sehr poetischen Songs der Tiger Lillies. Bis zu Roberts fliegender Schifffahrt ins Wolkenmeer. Dafür gibt’s großen Applaus.

Mit freundlicher Genehmigung des Braunschweiger Zeitungsverlags

Veröffentlicht am 12.11.2018, von Andreas Berger in Homepage, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 1085 mal angesehen.



Kommentare zu "Auf zu neuen Ufern"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    SCHLACHTFELD DER GEFÜHLE

    Das Tanztheater des Staatstheaters Braunschweig zeigt Gregor Zölligs Uraufführung „Heimatabend“

    Es geht dabei nicht nur um Gemeinsamkeit, sondern immer auch um Suche, um Verlust und um Heimat als Last.

    Veröffentlicht am 18.02.2018, von Kirsten Poetzke


    UN GRANDE

    Gregor Zöllig choreografiert „Peer Gynt“ am Staatstheater Braunschweig

    Eine atemlose Lebensrevue mit energetisch mitziehender Leitfigur und exzellent zusammenwirkendem Ensemble.

    Veröffentlicht am 22.10.2017, von Andreas Berger


    BOTSCHAFTER DES TANZTHEATERS

    Der Schweizer Choreograf Gregor Zöllig spricht mit Kirsten Pötzke über seine Wurzeln, die Begeisterung für den Tanz und die Arbeit mit Profis und Laien

    "Ich sehe mich als Botschafter des zeitgenössischen Tanzes und möchte beim Publikum die Leidenschaft für den Tanz entfachen."

    Veröffentlicht am 20.04.2017, von Kirsten Poetzke


    DIE LIEBE IN ALL IHREN FACETTEN

    „Dein Herz ist meine Heimat“ von Gregor Zöllig am Staatstheater Braunschweig

    Gregor Zöllig nutzt in seinem Tanzstück „Dein Herz ist meine Heimat“ Shakespeares Sonette als Interpretationsquelle für ein lebenspralles Werk.

    Veröffentlicht am 19.02.2017, von Kirsten Poetzke


    LICHTWÄRTS AUF DER LEBENSSTRAßE

    Gregor Zölligs Tanzstück zum Brahms-Requiem am Staatstheater Braunschweig zeigt Urszenen von Trauer, Trost und Rebellion

    Leben und Tod, Tanztheater und Romantik – Gregor Zöllig stellt sich den großen Fragen des Lebens, verbindet scheinbar Gegensätzliches und begeistert damit das Publikum.

    Veröffentlicht am 01.03.2016, von Andreas Berger


    DER LETZTE TANZ

    Gregor Zöllig wechselt von Bielefeld nach Braunschweig

    Das Publikum fühlt sich angesprochen und feiert Gregor Zölligs sympathische Truppe in jeder Vorstellung lange und laut. "Alter Falter" wird der letzte "Zeitsprung" der Ära Zöllig am 5. Juni heißen. Er knüpft an Zölligs "Methusalem" an.

    Veröffentlicht am 22.05.2015, von Marieluise Jeitschko


    DIESE WOCHE: GREGOR ZÖLLIG

    Meine Choreografen

    Gert Weigelt stellt in wöchentlicher Abfolge "seine" Choreografen in Bild und Wort vor.

    Veröffentlicht am 08.12.2014, von gert weigelt


    NACHFOLGE FÜR JAN PUSCH IN BRAUNSCHWEIG

    Gregor Zöllig wird neuer Leiter des Tanztheaters und Chefchoreograf am Staatstheater Braunschweig

    Mit seinem Wechsel wird Zöllig das Theater Bielefeld nach 10 Jahren verlassen.

    Veröffentlicht am 02.12.2014, von Pressetext


    SCHÖN GESCHEITERT

    "Peer Gynt" von Gregor Zöllig und Gavin Bryars in Bielefeld

    Wie Fantasten wie Peer Gynt in unserer Zeit wohl aussähen, erfährt man leider nicht. Schade. Zurück bleibt der schale Nachgeschmack eines mutlosen Versuchs, das Scheitern eines abenteuerlich kreativen Zeitgenossen ganz cool unromantisch zu skizzieren.

    Veröffentlicht am 25.10.2014, von Marieluise Jeitschko


     

    AKTUELLE NEWS


    CHRISTIAN WATTY ÜBERNIMMT DIE EURO-SCENE LEIPZIG

    Ab 2021 wird der Düsseldorfer Festivaldirektor und künstlerischer Leiter des europäischen Theater- und Tanzfestivals
    Veröffentlicht am 12.09.2019, von Pressetext


    SCHWEIZER TANZPREIS 2019

    La Ribot erhält den Schweizer Grand Prix Tanz 2019
    Veröffentlicht am 12.09.2019, von Pressetext


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZ 31: CARMEN.MAQUIA

    Gustavo Ramírez Sansano ist zurück in Luzern und bringt eine Neufassung seines grossen Erfolgs «CARMEN.maquia» mit.

    Uraufgeführt in Chicago und in New York gezeigt, feiert das Stück zur Musik von Bizet am 26. September eine erneute Premiere am Luzerner Theater mit dem Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von Clemens Heil.

    Veröffentlicht am 17.09.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    DAS WAR’S

    Rückblick auf die Tanzwerkstatt Europa 2019 in München
    Veröffentlicht am 15.08.2019, von Vesna Mlakar


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    SCHWERGEWICHTE

    Das Spielzeitheft Nr. 6 ist online

    Veröffentlicht am 02.09.2019, von tanznetz.de Redaktion


    „ONE FLAT THING, REPRODUCED“

    „Frankfurt Diaries“ vom Gärtnerplatz-Ballett in der Reithalle in München

    Veröffentlicht am 24.11.2015, von Malve Gradinger


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal

    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp



    BEI UNS IM SHOP