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Dresden

EINER TANZE DES ANDEREN TANZ

"CLASH" - das postkoloniale Tanzprojekt von Massimo Gerardi



Die Performance findet im Deutschen Hygienemuseum Dresden im Rahmen der Ausstellung "Rassismus. Die Erfindung der Rassen" statt.


  • "CLASH" von Massimo Gerardi mit Jonathan Reimann (l) und Wael Marghni (r) Foto © Ian Whalen
  • "CLASH" von Massimo Gerardi mit Jonathan Reimann (u) und Wael Marghni (u) Foto © Ian Whalen
  • "CLASH" von Massimo Gerardi mit Jonathan Reimann (r) und Wael Marghni (l) Foto © Ian Whalen
  • "CLASH" von Massimo Gerardi mit Jonathan Reimann (u) und Wael Marghni (u) Foto © Ian Whalen

Training, Dehnungen des Körpers, immer wieder Tanzsequenzen aus dem zeitgenössischen Repertoire westeuropäischer Standards. Ein bisschen zwinkernde Kommunikation mit dem Publikum im Pavillon des aus Burkina Faso stammenden Künstlers Diébédo Francis Kéré am Ende der Ausstellung über den Rassismus und die Erfindung von Menschenrassen im Dresdner Hygienemuseum.

Der junge Tänzer ist Jonathan Reimann, ausgebildet u.a. in Hamburg an der Ballettschule „Hamburg Ballett John Neumeier“, erster Preisträger beim Berliner Tanzolymp, Kategorie Zeitgenössischer Tanz, jetzt Student an der Hochschule für Tanz in Dresden. Er hat Bach im Ohr, das Publikum im Blick, sich selbst auch, warum nicht, seiner tänzerischen Präsenz kann man sich schlecht entziehen, der ungewöhnlichen Nähe gibt das Maß seines Könnens im Zusammenspiel mit selbstbewusstem Charme die nötige Weite.

Man vernimmt aber doch, dass da ein anderer Mensch, noch unsichtbar, aber hörbar bei stärker werdenden Atemgeräuschen, diesen abgeschlossenen Tanzraum, in dem man sich so eigentlich ganz schön wohl fühlt, umkreist. Und dann dann ist er da. Wael Marghni, der Tänzer aus Tunesien. Er bringt andere Klänge mit, andere Bewegungen andere Emotionen. Wenn es nicht so heiter wäre in diesem Rahmen, beschämend ist es schon, dass offensichtlich für Jonathan Reimann auf seinem Tanzterrain völlig klar ist, der fremde Typ heißt Mohamed. Und wenn der hier tanzen will, dann muss geklärt werden, nach wessen Maß und Vorgaben, mehr noch, die Maße müssen stimmen.

Und so kommt es nicht gleich zur Vermessung der Welt, aber zur Vermessung eines Menschen. Jonathan nimmt Maß an Wael und muss feststellen, dass sich menschliche Maße gar nicht so weit unterscheiden. Aber die Maße des Tanzes, die unterscheiden sich schon. Wenn der in seiner tunesischen Heimat und Frankreich ausgebildete, international erfahrene Tänzer Wael Marghni, jetzt Mitglied der ganz neu gegründeten Tanzkompanie der Opéra de Tunis, sich in seinen Klängen bewegt, den Impulsen seines Körpers folgt und die Traditionen seiner Tanzkultur aufnimmt, dann blitzt in der Authentizität seines zeitgenössischen Tanzes viel auf von den rituellen Ursprüngen dieser Kunst.

Und wenn in einer geradezu absurden Szene der Tänzer aus Tunesien seinen Teppich ausbreitet, den sich der Tänzer aus Deutschland elegant um den Körper hüllt, sich so zur Heiligenfigur christlich-abendländischer Traditionen erhebt, dann muss man zumindest schmunzeln, wenn nicht gar lächeln über Dinge, die im Alltag alles andere als lustig sind, hier aber zu wilder Selfie-Schießerei führen und dann doch wieder im Tanz auf verdrängte Zusammenhänge der Traditionen verweisen.

„CLASH“ heißt dieses performative Tanzprojekt von Massimo Gerardi, in dem das Zusammentreffen von Kulturen eben nicht als kriegerische Kollision begriffen wird, als Anstoß schon, als Anreiz auch. Last oder Chance, mitzutragen, was der andere bringt, wie der andere tanzt und tickt, das ist die Frage. Die Tänzer versuchen es zumindest. Das Publikum sieht gerne zu, wenn sie zusammen tanzen und sich auf existenzielles Neuland begeben. Die Neugier dürfte geweckt sein. Viel Applaus für diesen getanzten „Clash der Kulturen“ im Museum, und das muss man ja auch in jedem Falle wieder verlassen. Tanzend? Wäre nicht das schlechteste.

Veröffentlicht am 04.11.2018, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2018/2019

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