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Hamburg

KLEIN, ABER FEIN

"Festival Koinzidenz" in der Hamburger Kampnagelfabrik



Im Rahmen der neu gegründeteten Konzertdirektion "Festival Koinzidenz" fand vergangenes Wochenende ein gemischter Ballettabend statt. Die Vielfalt des Programms ist dem ehemaligen Hamburger Tänzer Braulio Alvarez zu verdanken.


  • "Falling for the Art of Flying" von Natalia Horecna; Silvia Azzoni und Alexandre Riabko Foto © Holger Badekow
  • "From the Ballet Forms of Silence and Emptiness" von Nacho Duato; Elisa Carillo Cabrera und Mikahil Kaniskin Foto © Holger Badekow
  • "Ax-is" von Xenia Wiest; Weronika Frodyma, Xenia Wiest und Alexander Akulov Foto © Holger Badekow
  • "Ouroboros" von Yuka Oishi; Silvia Azzoni, Alexandre Riabko Foto © Holger Badekow
  • "Tuning Another Being" von Guillaume Hulot; Brian McNeil und Marc Borras Llopis Foto © Holger Badekow
  • "Daemon" von Braulio Alvarez; Mamiko Kawashima; Rie Watanabe und Yasuomi Akimoto Foto © Holger Badekow
  • "Moving On" von Yaroslav Ivanenko; Ballett Kiel Foto © Holger Badekow
  • Braulio Alvarez und Mitwirkende beim Schlussbeifall Foto © Holger Badekow

Die Konzertdirektion „Festival Koinzidenz“ ist noch neu in Hamburg, gerade erst gegründet von Altug Ünlü, Komponist und Professor für Musik. Sie ist vorwiegend für klassische Konzerte und Lesungen tätig, hat aber auch ein Faible für den Tanz. Und so hatte Prof. Ünlü den ehemaligen Hamburger Tänzer Braulio Alvarez, der heute als Solist beim Tokyo Ballet im Engagement ist, mit der künstlerischen Leitung eines etwas großspurig „Tanz-Gala“ benannten gemischten Ballettabends beauftragt.

Es ist das große Verdienst von Braulio Alvarez, der schon beim Hamburg Ballett die „Jungen Choreographen“ ausrichtete, dass er nicht der Versuchung erlegen ist, zu diesem Anlass allerlei virtuose Klassik-Pas de deux aneinanderzureihen, sondern dass er einen wirklich vielfältigen gemischten Abend mit modernen Stücken auf hohem Niveau zusammengestellt hat. Das ist in dieser Form in Hamburg nicht oft zu sehen. Mit Silvia Azzoni und Alexandre Riabko vom Hamburg Ballett, Elisa Carrillo Cabrera und Mikhail Kaniskin vom Staatsballett Berlin sowie Mamiko Kawashima und Yasuomi Akimoto vom Tokyo Ballet ist es Alvarez gelungen, die Erste Garde internationaler Tanzstars zu engagieren, neben Solisten des Staatsballett Berlin und anderen. Und es ist ein weiteres Verdienst, dass er – ein kleines Kunststück, wenn man in Japan lebt – jeweils für den zweiten Teil des Abends ein kleineres Ensemble aus der Hamburger Umgebung gewinnen konnte: das Ballett Kiel und das Ballett des Mecklenburgischen Staatstheaters aus Schwerin. Chapeau!

Am Beginn des Abends stand eine kurze Choreografie von Nacho Duato: „From the Ballet Forms of Silence und Emptiness“, bei der ein Mann im Rokoko-Kostüm auf einer Frau als Cello den Bogen streicht, zur berühmten Partita von Johann Sebastian Bach. Das mutet choreografisch ein bisschen geschmäcklerisch an und erscheint im Zeitalter von „MeToo“ doch reichlich frauenfeindlich, aber Elisa Carrillo Cabrera und Mikhail Kaniskin können dem Ganzen durch ihre zurückhaltende, unaufdringliche Interpretation zum Glück jede Art von Peinlichkeit nehmen.

Danach „Ax-is“, ein Stück der jungen Tänzerin und Choreografin Xenia Wiest für zwei Frauen und einen Mann. Zu Beginn spricht Patti Smith nachdenkliche Sätze wie „My heart is empty, but the songs I sing are filled with love for you“, während die beiden Frauen synchron zu tanzen beginnen – mit schlichten, in sich gesammelten Bewegungen, bis sich eine einem Mann zuwendet und Chopins Nocturne Nr. 13 c-moll einsetzt. Und so entspinnt sich ein wunderbar intimer, unprätentiös hingetupfter Pas de trois – beeindruckend!

Es folgt Höhepunkt Nummer Eins: „Ouroboros“ von Yuka Oishi, frühere Solistin des Hamburg Ballett und inzwischen als Choreografin erfolgreich (unter anderem für das Kulturfestival „Origen“ auf dem Julierpass in der Schweiz). „Ouroboros“, erstmals 2015 in Hamburg bei den „Jungen Choreographen“ gezeigt, ist das Sinnbild der Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Anfangs wie mechanische Puppen agierend, wandeln sich die beiden maskierten Protagonisten (grandios: Silvia Azzoni und Alexandre Riabko) in fühlende, menschliche Wesen. Das atmet eine große Faszination und Ruhe, aber auch eine zwingende Dynamik.

Danach ein Stück des Franzosen Guillaume Hulot, früher als Tänzer in Mannheim engagiert, später als Ballettmeister für Eric Gauthier in Stuttgart und für verschiedene Kompanien choreografisch tätig: „Tuning Another Being“, ein Stück für zwei Tänzer zu eigens dafür geschriebener Klaviermusik von Christian Grifa. Da kreiseln zwei Männer umeinander herum, finden sich, verlieren sich, bis sie allein wieder ihrer Wege gehen. Kein großer Wurf, aber ein Stück, das sich bestens in so einen Abend einfügt.

Mit „Daemon“ hat Braulio Alvarez dem Abend selbst ein Stück geschenkt, erarbeitet mit drei hervorragenden Tänzern des Tokyo Ballet zu eigens dafür komponierter und live von Cornelia Monske gespielter Percussionmusik von Altug Ünlü. Ein Dämon in Person einer androgynen Figur bringt eine Frau und einen Mann auseinander, um sie zum Schluss dann doch wieder im Widerspruch zu vereinen – wobei beide in entgegengesetzte Richtungen schauen. Das ist fein choreografiert und großartig getanzt.

Höhepunkt Nummer Zwei beschließt dann den ersten Teil des Abends: „Falling for the Art of Flying“, eine erst jüngst anlässlich der Kremlin Gala „Ballet Stars of the XXI Century“ aus der Taufe gehobene Choreografie für zwei Paare von Natalia Horecna. Eine großartige Kreation mit wunderbar ineinander fließenden und umeinander kreisenden Bewegungen zu Musik von Johann Sebastian Bach – ungemein beseelt getanzt von Silvia Azzoni und Alexandre Riabko sowie Elisa Carrillo Cabrera und Mikail Kaniskin. Eine Augenweide!

Teil Zwei des Abends gehörte dann an Tag Eins dem Ballett Kiel mit einem hinreißenden 50er-Jahre Tanzrevue-Ausschnitt aus „Moving On“ von Yaroslav Ivanenko sowie an Tag Zwei den zwölf TänzerInnen des Balletts des Mecklenburgischen Staatstheaters mit „Apropos Liebe“, einem Medley über die wichtigste zwischenmenschliche Beziehung schlechthin. Das Ballett Kiel beeindruckte hier deutlich mehr – sowohl durch choreografischen Witz als auch tänzerischen Schwung auf sehr hohem Niveau. Kein Wunder – werden die TänzerInnen doch von Heather Jurgensen gecoacht, die viele Jahre lang als Erste Solistin des Hamburg Ballett zu den Publikumslieblingen gehörte und heute als Ballettmeisterin und Stellvertretende Ballettdirektorin in Kiel eine hervorragende Arbeit macht.

Alles in allem ein äußerst abwechslungsreicher Abend, dem man noch mehr Publikum und Beachtung durch die örtlichen Medien gewünscht hätte.

Veröffentlicht am 30.10.2018, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2018/2019

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Kommentare zu "Klein, aber fein"



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