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Stuttgart

ANGSTZUSTÄNDE

"Phobiagora": eine Tanzperformance von Juliette Villemin & Team im Theaterhaus Stuttgart



Eine szenenhafte Begegnung mit der Angst in all ihrer Vielfältigkeit, mal ernsthaft und erschreckend, mal humorvoll und verlockend, und immer zutiefst berührend.


  • „Phobiagora“ von Juliette Villemin & Team Foto © Natalia Paschkewitsch
  • „Phobiagora“ von Juliette Villemin & Team Foto © Natalia Paschkewitsch
  • „Phobiagora“ von Juliette Villemin & Team Foto © Natalia Paschkewitsch
  • „Phobiagora“ von Juliette Villemin & Team Foto © Natalia Paschkewitsch

„Phobiagora“ von Juliette Villemin & Team ist eine facettenreiche Tanzperformance über unsere persönlichen und gesellschaftlichen Ängste. Dabei gelingt es dem Stück sich diesem ernsten und oft bedrückendem Gefühlszustand auch auf humorvolle Art zu nähern.

Der Einlass hat begonnen. Die ZuschauerInnen begeben sich auf ihre Plätze, während sich die vier TänzerInnen Marina Grün, Verena Wilhelm, Kirill Berezovski und Johannes Walter schon auf der Bühne befinden. Sie dehnen sich noch einmal, zupfen an ihrer Kleidung, richten ihre Haare. Das, was eben noch wie ein sich Vorbereiten kurz vor dem Auftritt wirkte, fließt über in einen Ablauf sich immer wiederholender, minimaler Gesten und Bewegungen, die in kleine angespannte Ticks ausarten. Die Hose hochziehen, glatt streichen und leicht nervös an der Pullover-Weste zupfen. Ein paar Schritte diagonal nach vorne schreiten, einer Tänzerin begegnen und irgendwann an der Ausgangsposition wieder ankommen, um noch einmal von Anfang an zu beginnen. So lange bis alle erstarren und die Musik einsetzt. Im Einklang mit ihr tanzen sie nun synchron an den drei bewegbaren hohen, weißen Stellwänden vorbei. Dann kriechen sie über den Boden. Die Vier wirken verängstigt, spüren irgendeine Gefahr. Zunehmend kommen sie nicht weiter, sind festgefahren und gefangen in ihren Bewegungen.

Was folgt, sind szenenhafte Begegnungen mit der Angst in all ihrer Vielfältigkeit – vom aufregenden Kitzel der Gefahr über das Ausgelacht werden bis hin zum lähmenden Schock. Da ist die Mutprobe oder die gefährliche Akrobatikpose, in der die Tänzerin hoch oben, auf den Schultern stehend, über die Köpfe schwebt; dann verwandeln sich die Männer mit Schlips und Hemd in zwei Gorillas, die ein männliches Kräftemessen mit Stirnkampf, Liegestützen, Handstand und wie kleine Jungs in imaginären Autos sitzend ins Lächerliche ziehen, und damit die Zuschauenden zum Lachen bringen.

Plötzlich ein lauter Trommelwirbel, fast wie im Zirkus. Die Scheinwerfer sind nun auf uns, das Publikum gerichtet. Die Musik wird ausgeschaltet und eine Zuschauerin von den Performern auf die Bühne gebeten. Für die junge Frau ein Moment der Anspannung, des Unbehagens und der Unsicherheit, nun am eigenen Leibe als reale Situation erlebt. Für den Rest eine lustige Darstellung davon, wie einer der Tänzer sich aufgeregt und sich mit Angst vor dem Scheitern der Aufgabe stellt, über vier auf dem Boden liegende Körper zu springen, ohne dabei jemanden zu verletzen.

Doch auch die ernsten Augenblicke fehlen nicht, etwa wenn sich zwei Paare gegenüber stehen. Bei einem Duo ist es der Mann, der die Frau angsteinflößend dominiert, bei einem anderen beherrscht die Frau emotional den Mann. Durch körperliche, machtausübende Berührungen, intime Situationen der Bedrohung und verzweifelte Bewegungen erzeugen die TänzerInnen starke, beklemmende Gefühle. Eine der Frauen, gefangen im festen Griff des Mannes, starrt mit angsterfülltem Blick ins Publikum. Die andere klammert sich fest an den Partner, sodass er kaum noch atmen kann. Ein Paar verharrt in fast reglosen Positionen, die im stillen Bild ihre Wirkung entfalten. Bilder von mit Händen zerquetschter Gesichter und am Kinn festgehaltener Köpfe prägen das abwechselnde Machtspiel der Geschlechter und der sexuellen Belästigung.

Neben einigen abstrakten Momenten überwiegen diese klaren Szenen der Angst, durch die die ZuschauerInnen geführt werden. Auf die Stellwände projizierte Bilder, wie die einer mit Autos und Passanten überfüllten Straße im beschleunigten Ablaufmodus, erzählen von der alltäglichen Überflutung unseres Alltags. Musik und Video untermauern so den abwechslungsreichen Tanz der Gefühle.

„Phobiagora“ beweist sich durch eine gekonnte Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit. Durch Tanz, Musik und Videoprojektionen nehmen die vier ausdrucksstarken und präsenten TänzerInnen die ZuschauerInnen mit auf eine aufregende Reise zu den Orten ihrer und unsere Ängste.

Veröffentlicht am 25.10.2018, von Katharina de Andrade Ruiz in Homepage, Kritiken 2018/2019

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Kommentare zu "Angstzustände"



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