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Münster

UNKNOWN TERRITORIES

Sternstunde im Vorfeld des 100. Bauhaus-Geburtstages 2019



Mit diesem Gesamtkunstwerk erweist das TanzTheaterMünster der legendären ostdeutschen Kunstschule Reverenz und verneigt sich vor Kurt Jooss, der in der Westfälischen Hauptstadt seine Weltkarriere begann.


  • "Unknown Territories": Ensemble Foto © Oliver Berg
  • "Unknown Territories": Bálint Tóth, Tarah Malaika Pfeiffer Foto © Oliver Berg
  • "Unknown Territories": Bálint Tóth, Tarah Malaika Pfeiffer Foto © Oliver Berg
  • "Unknown Territories": Ensemble Foto © Oliver Berg
  • "Unknown Territories": Bálint Tóth, Ensemble Foto © Oliver Berg

Die kunstsparten-übergreifende Produktion "Unknown Territories" entstand auf Anregung des LWL-Museums für Kunst und Kultur Münster als Pendant zu der Ausstellung "Bauhaus und Amerika" - einem Beitrag zum bevorstehenden Jubiläum der 1919 von Walter Gropius in Weimar ins Leben gerufenen Institution, die allen Künsten bis hin zu Architektur und Fotografie als interdisziplinäres Experimentierfeld dienen wollte. 1932 wurde das Dessauer Haus von den Nationalsozialisten geschlossen, im folgenden Jahr auch die Berliner Zentrale. Damit sahen sich viele KünstlerInnen in die Emigration gezwungen. In Amerika entwickelten sie die Bauhaus-Idee weiter.

Das Münstersche Theaterprojekt knüpft daran an, erinnert aber auch an die von Kurt Jooss 1925 in Münster gegründete "Westfälische Akademie für Bewegung, Sprache und Musik", Keimzelle des später von ihm begründeten "Folkwangtanzstudios". Hans Henning Paars Choreografie nimmt den politischen Aspekt von Tanztheater auf und zitiert Kurt Jooss' Antikriegsballett "Der Grüne Tisch", dessen erste Entwürfe angeblich zusammen mit seinem damaligen Ballettrepetitor Fritz A. Cohen in Münster entstanden. Die Schlüsselszene des 80-minütigen Paar-Stücks zeigt die Riege der vier kriecherischen, maskierten mächtigen Bürokraten, die Beine gekreuzt, gestikulierend wie Jooss' Diplomaten, die lange palavern und dann das vernichtende Verdikt verkünden: Krieg! Und heute eben in der Amtsstube, wo bestens integrierte Emigranten um Verlängerung ihrer Aufenthaltsgenehmigung ansuchen: Antrag abgelehnt!

Schauspieldramaturg Michael Letmathe, der mit Paar für Konzept und Inszenierung verantwortlich zeichnet, hat offenbar die beschämend realistischen Dialoge in der Amtsstube beigesteuert und vielleicht auch die Gedichte ausgesucht, die das Rückgrat dieser theatralischen Anklage gegen Missstände und Unmenschlichkeit damals dort und jetzt hier formulieren. Gleich zu Beginn das Statement: "Geändert hat sich nichts... der Körper zittert, wie er gezittert hatte..." aus dem Gedicht "Folter" der polnischen Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska und später die zynisch-traurige Modulation von Wilhelm Müllers Gedicht aus der "Winterreise": "fremd bin ich eingezogen unter meiner haut... ich weiß nur eins: fremd zieh ich wieder aus" von Christoph W. Bauer.

Ausstatter Luis Crespo (Bühne), Bernhard Niechotz (Kostüme) und Sven Stratmann (Video) verknüpfen Bewegung mit Sprache, Aktionen mit Symbolen, skulptural-architektonische Elemente mit faszinierender Videokunst über dem vielschichtigen, dezenten Soundtrack von Fabian Kuss. Zehn TänzerInnen und die Schauspieler Simon Mantei - ein Hüne aus Berlin - und Bálint Tóth aus dem Münsterschen Ensemble sind die Akteure in weißen Overalls aus Ballonseide und schwarz glänzenden, enganliegenden Ganzkörpertrikots, wie das gesamte Ensemble.

Zwischen abstrakten Sequenzen aus dynamischer Gruppenbewegung und faszinierenden Verfremdungen der Strukturen und Oberflächen von Crespos kolossalen, bizarren Eisbergen durch Stratmanns raffinierte Videokunst steht die reale Handlungsszene: Dialoge zwischen weiß gekleidetem Migranten und schwarz verkleideten, kahlköpfigen Bürokraten.

Das Publikum muss viel verkraften. Aber es wird reichlich belohnt mit Stoff, aus dem große Kunst - ganz gleich welchen Genres - jetzt ist und immer schon war: sensible Wahrnehmung am Puls der Zeit. Paar gelingt es wie bisher nie, die individuellen Charaktere und Talente der Mitglieder seiner kleinen Truppe zu nutzen: das souveräne Bewegungsrepertoire von Elizabeth Towles, die Leichtigkeit der quirligen Maria Bayarri Pérez, den Witz Kana Mabuchis, das darstellerische Talent von Tarah Malaika Pfeiffer, die grandiose Gestik der herrlichen Hände Keelan Whitmores. Die beiden Schauspieler begeistern mit ihrer klaren Deklamation - die TänzerInnen berühren mit kleinen Einwürfen in ihrer jeweiligen Muttersprache und verblüffen mit exzellentem Deutsch in der Amtsstube.

Mit dieser konzertierten Kunstaktion wächst das TanzTheaterMünster erfreulich selbstbewusst und weit über sich hinaus. Zusammen mit der Bauhaus-Schau, die am 9. November im LWL-Museum am Domplatz eröffnet und bis zum 10. März gezeigt wird, und einem Duett von zwei Gasttänzern in den Räumen dieses Kunsthauses hat Münster ein rares Kunstereignis zu bieten.

Veröffentlicht am 24.10.2018, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2018/2019

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