HOMEPAGE



Stuttgart

VIELSCHICHTIGER BLICK AUF DAS BALLET BLANC

"Shades of White" beim Stuttgarter Ballett



Fast drei Stunden genoss das Publikum ausschließlich Tanz auf Spitze, weiße Tütüs und Herren in Strumpfhose. Auf dem Programm standen Werke von Petipa, Balanchine und Cranko.


  • "Shades of White" beim Stuttgarter Ballett: "Concerto for Flute and Harp" von John Cranko; Friedemann Vogel und Ensemble Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Shades of White" beim Stuttgarter Ballett: "Das Königreich der Schatten" von Natalia Makarova nach Marius Petipa; Elisa Badenes und Adhonay Soares da Silva Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Shades of White" beim Stuttgarter Ballett: "Sinfonie in C" von George Balanchine Foto © Stuttgarter Ballett

Einen ungewohnten und doch zauberhaften Spielzeitauftakt gestaltete das Stuttgarter Ballett unter seinem neuen Intendanten Tamas Detrich mit dem Ballettabend „Shades of White“. Fast drei Stunden genoss das Publikum ausschließlich Tanz auf Spitze, weiße Tütüs und Herren in Strumpfhose. Reihen von Ballerinen und Ballerinoas, die geschlossen agieren, und Kavaliere, die ihre Ersten Solistinnen formvollendet halten, das gab es im Stuttgarter Opernhaus en masse meistens nur im Rahmen der Aufführungen von John Crankos „Schwanensee“-Version.

Der Schein trügt jedoch gewaltig, würde man in dem neuen Programm einen plötzlich rückwärtsgewandten Blick auf die Tanzkunst sehen. Nein, die von Detrich ausgewählten Werke thematisieren das Ballet Blanc in verschiedenen Ausprägungen, und das ist ziemlich spannend. Erfrischend lenkt der Abend so den Blick auf den Weg des Balletts hinein in die Abstraktion der Moderne. Darüberhinaus setzt er die noch unter Reid Anderson in der vergangenen Spielzeit begonnene kuratorische Linie fort, den Werkbereich der abstrakt-konzertanten Kreationen ihres Kompaniegründers John Cranko vorzustellen.

Denn nach „L´Estro Armonico“ zu Musik von Vivaldi vor rund einem Jahr tanzte die Kompanie jetzt herrlich frei von der Leber weg und mit gelöstem Grinsen, möchte man fast sagen, dessen Choreografie zu Mozarts „Konzert für Flöte und Harfe“ in C-Dur. Das spannende Reich des Unbewussten in der Geschichte des klassischen Balletts, die weißen Akte als Orte des Sublimen und der ins Ideal verdrängten romantischen Begegnung von Mann und Frau, repräsentierte schließlich der kühne Repertoire-Neuzugang „Das Königreich der Schatten“, jenen berühmten dritten Akt aus Marius Petipas “La Bayadère“ von 1900, den die legendäre Natalia Makarova erstmals 1974 beim American Ballet Theatre als Rekonstruktion eines bedeutenden russischen Tanzerbes herausgebracht hatte. Gleichwohl fiel dieser etwas aus der Reihe. Doch dazu später.

Crankos „Konzert für Flöte und Harfe“ wurde 1966 in Stuttgart uraufgeführt, und zwar als Vorspann zu Peter Wrights Version von „Giselle“. Dort waren im zweiten Akt so viele Tänzerinnen vonnöten, dass Cranko den unterbeschäftigen männlichen Kompaniemitgliedern ebenfalls Arbeit verschaffen wollte. Und so führten, rahmten und umsprangen in galantester Weise zehn Herren leichtfüßig die beiden Ersten Solistinnen Alicia Amatriain und Ami Morita. Vor allem die feine Haltung der Tänzer, mit der sie die virtuose, die Symmetrie auch immer wieder unterbrechende Choreografie der Linien, Reihen, Gruppen und Strukturen gestalteten, rührte. Und obwohl gerade Alicia Amatriain und Friedemnann Vogel mittlerweile gemeinsam über eine so überwältigende, von innen strahlende Schönheit und Aura verfügen, wirken die beiden nie abgekoppelt von der Gemeinschaft, sondern zeigen sich tief verbunden mit den Kollegen. Crankos human-emotionaler Ansatz, sein Kompanie-Verständnis und letztlich der von ihm eingeschlagene Weg einer Psychologisierung des Balletts im 20. Jahrhundert zeigen sich auch hier.

Den stilistischen Unterschied sieht man im Vergleich zur ebenfalls aufgeführten „Symphony in C“ von George Balanchine aus dem Jahr 1947 nach Bizet. Fast herrschaftlich wirkt im Vergleich dazu das viersätzige, temperamentvolle, stellenweise fast groovig wirkende Werk, das sich seiner Herkunftsgeschichte nach an die Vorstellung von glänzenden Juwelen anlehnt. Dank ihres hohen dramatischen Darstellungspotenzials gelingt es der Stuttgarter Solistenriege, Timbre und Farbe jedes Satzes konturiert herauszuarbeiten.

Genau dieses Potenzial aber darf oder kann sich in Makarovas rekonstruiertem „Königreich der Schatten“ nicht entfalten. An keinem anderen Opernhaus würde das stören. In Stuttgart aber verstört es. Nicht viel. Aber doch ein wenig. Es ist, als ob die Kompanie ihr gelöstes Lächeln verliert. Sicher, der Auftritt der Bajaderen in der Kulisse einer Mondlandschaft, betört. Die Wiederholung der immerselben Bewegungsfolge aus Schritt, Armführung, Arabesque gleicht einem Rausch an Schönheit. Und auch die auf den Punkt kommenden Auftritte von Elisa Badenes als Nikija und Adhonay Soares da Silva als Solor ermutigen das Publikum zu glühendem Zwischenapplaus. Was aber wäre, wenn dieses grandiose, von Makarova geborgene Erbe Petipas während des Vollzugs der Aufführung mit Crankos bzw. der Stuttgarter Herzenswärme, die Detrich zweifelsohne auszeichnet, in Verbindung gebracht werden würde? Mit diesem Gedsanken verschwand man in die Nacht.

Veröffentlicht am 15.10.2018, von Alexandra Karabelas in Homepage, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 1581 mal angesehen.



Kommentare zu "Vielschichtiger Blick auf das Ballet Blanc"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    MARCO GOECKE WIRD NICHT VERLÄNGERT

    Der Vertrag des Hauschoreografen des Stuttgarter Ballett läuft zum Ende der Spielzeit 2017/2018 aus

    Der designierte Ballettintendant Tamas Detrich, der ab September 2018 die Leitung übernimmt, möchte eine eigene künstlerische Richtung einschlagen.

    Veröffentlicht am 11.07.2017, von Pressetext


     

    LEUTE AKTUELL


    TANZWUNDER

    Egon Madsen zum 77. Geburtstag
    Veröffentlicht am 28.08.2019, von Günter Pick


    DANKE REGINE!

    Renate Killmann erinnert an Regine Popp
    Veröffentlicht am 12.07.2019, von Gastbeitrag


    CLAUS SCHULZ ZUM 85. GEBURTSTAG

    Geburtstag zweier Größen der Ballettwelt
    Veröffentlicht am 02.07.2019, von Günter Pick



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    CREATING DANCE IN ART AND EDUCATION – TANZPÄDAGOGIK UND CHOREOGRAFIE

    Berufsbegleitende Weiterbildung der TanzTangente Berlin in Kooperation mit dem Berlin Career College der Universität der Künste Berlin startet mit neuen Partnern die neue Bewerbungsrunde. Anmeldefrist ist der 1. November 2019

    In dieser Weiterbildung können TänzerInnen und Menschen mit fundierter Bewegungserfahrung Methoden erlernen, um tanzpädagogische Projekte in unterschiedlichsten Kontexten zu leiten und den Tanz in all seiner Vielfalt an Laien jeden Alters zu vermitteln.

    Veröffentlicht am 11.06.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    EINE EISKALTE WINTERREISE FEIERN

    Das Ballett Chemnitz zeigt Schuberts Zyklus

    Veröffentlicht am 09.09.2019, von Gastbeitrag


    IGOR ZELENSKY IM AMT BESTÄTIGT

    Der russische Tänzer bleibt bis 2026 Direktor des Bayerischen Staatsballetts

    Veröffentlicht am 11.09.2019, von Pressetext


    CHRISTIAN WATTY ÜBERNIMMT DIE EURO-SCENE LEIPZIG

    Ab 2021 wird der Düsseldorfer Festivaldirektor und künstlerischer Leiter des europäischen Theater- und Tanzfestivals

    Veröffentlicht am 12.09.2019, von Pressetext


    LEBEN UND STERBEN FÜR DEN TANZ

    Abschluss des Festivals Tanztheater international in Hannover

    Veröffentlicht am 09.09.2019, von Andreas Berger


    BIZARRE STOFFOBJEKTE

    Fotoblog von Dieter Hartwig

    Veröffentlicht am 09.09.2019, von Dieter Hartwig



    BEI UNS IM SHOP