HOMEPAGE



Dresden

DAS EIS DER EINSAMKEIT

Uraufführung von "Motel Vibes" in Hellerau



Die go plastic Company zeigt in der Tanzperformance "Motel Vibes" das Innere eines Motelzimmers als Ort der Einsamkeit.


  • "Motel Vibes" von go plastic Company Foto © E. Gross
  • "Motel Vibes" von go plastic Company Foto © E. Gross
  • "Motel Vibes" von go plastic Company Foto © E. Gross
  • "Motel Vibes" von go plastic Company Foto © E. Gross
  • "Motel Vibes" von go plastic Company Foto © E. Gross

So ganz kommt die Dresdner Künstlerin Cindy Hammer auch in der neuesten Produktion ihres 2010 gemeinsam mit Susan Schubert gegründeten Künstlerkollektivs „go plastic Company“ nicht ohne Inspirationen aus dem Film aus.

Auf der Seitenbühne Ost des Festspielhauses in Hellerau geht der Blick in die Tiefe. In die surreale Szenerie eines Motelzimmers der Ausstatterin Alexandra Boerner, in der die Grenzen der Realität, ebenso wie die der Wahrnehmung, sich beständig verändern, durchbrochen werden, sich neu ordnen und dennoch nichts festzulegen vermögen. Alles gerät in Schwingungen sich verändernder Stimmungen, auch was das Licht und den Sound von Nikolaus Woernle angeht, sowie die Texte des Künstlerkollektivs, in denen sich in englisch-deutscher Vermischung, „Grau und Grau ineinanderschiebt“, um sich am Horizont zu stapeln.

Man blickt in ein Zimmer des „Motel Vibes“, der lädierte Schriftzug mit den kleinen Glühbirnen erinnert natürlich an ähnliche Ortsbezeichnungen in vornehmlich amerikanischen Filmen, in denen auch bevorzugt solche Zimmer der anonymen Reisenden zu Fluchtpunkten, Verstecken, zu Orten der Liebe und des Leids, nicht selten grausamer Verbrechen werden. Die beiden Menschen, auf die man als Zuschauerin oder Zuschauer jetzt im „Motel Vibes“ in Hellerau blickt, haben keine Namen. Sie sind die Ausführenden einer Performance nach einem Konzept in der choreografischen Inszenierung von Cindy Hammer aus Dresden, die sie gemeinsam mit dem Tänzer, Autor und Musikproduzenten Rudi Goblen aus Miami voreinander und miteinander in Situationen der Flucht treibt, die dennoch zu keinem Ausweg aus dieser Gefangenschaft scheinbar nicht zu beeinflussender, atmosphärischer Schwingungen und Stimmungen führt, worauf ja auch der Name des Motels - „Vibes“ - anspielt.

Tatsachen sind perdu. Es ist der Tag, von dem man glaubt, dass er es sei. Man ist ganz nahe beieinander und vermag dann doch nur zu kommunizieren kraft technischer Verfremdung des Telefons. Und dann schieben sich die Wünsche hinein in das Grau der Anonymität des Motels. Ein Chanson, ein Evergreen von Friedrich Holländer, nicht tot zu kriegen, dieses Lied der Ungefragten, dieses Lied der Einsamen vom Wünschen: „Wenn ich mir was wünschen dürfte...“

Cindy Hammer und Rudi Goblen, mit jeweils individuellem, mitunter minimalistisch anmutendem Bewegungsrepertoire, müssen sich immer wieder selbst davon motivierend überzeugen, dass sie noch da sind; dass sie vielleicht sogar doch noch Wünsche haben könnten, dass der Radius ihrer Bewegungen doch weiter sein könnte, als es zunächst scheint und dass auch minimalste Energien übertragbar sein können. Und immer stärker, im Verlauf dieser Stunde der Einblicke in diesen nur scheinbar so fernen Ort des auch nur scheinbaren, totalen Stillstandes, in dem man zwar als Zusehender, rein physisch gesehen, über dem Geschehen steht, aber wohl kaum in der Lage sein dürfte, darauf hinab zu sehen, auf diese Endspiel-Varianten der Faszination des Nichts.

Aber immerhin, seien es die emphatischen Stimmungen der Zusehenden, die atmosphärischen Schwingungen der Performerin und des Performers, das Eis der Einsamkeit schmilzt. Und da ist er auch wieder, dieser etwas schräge Witz der Groteske, wie er Cindy Hammer auszeichnet: Ganz theatral bricht zwar eine Eiszeit an, Eiswürfel stürzen herab, das Auffangbecken wird zum „Eiswasserbett“ und bietet Platz für sie und ihn. Und wenn sie nicht erfroren sind, dann kommen sie da auch wieder heraus, aus diesem Motel Vibes.

Veröffentlicht am 23.09.2018, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 1329 mal angesehen.



Kommentare zu "Das Eis der Einsamkeit"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    PROGRAMMIERTE AUTOMATEN

    Ein kleines John-Moran-Festival in Dresden

    Pantomimische Synchronisation und schöner Sound bei der Tanzperformance "everyone" von John Moran im Europäischen Zentrum der Künste in Hellerau.

    Veröffentlicht am 18.01.2019, von Boris Michael Gruhl


    ORT DER UTOPIEN

    Ende der langjährigen Reihe der freien Szene Dresdens „Linie 08“

    Viel Sehenswertes war am letzten Abend der unkuratierten Reihe "Linie 08" im Festspielhaus Hellerau zu erleben. Unter der neuen Intendanz wird sie so nicht mehr weitergeführt. Die Künstler sind im Haus trotzdem weiterhin gern gesehen.

    Veröffentlicht am 22.10.2018, von Rico Stehfest


    ZUM ABSCHLUSS EIN FEST

    Das Tanzfestival „Me, Myself and I“ bewegt mit kleinen Formen große Themen

    Mit einem zweimonatigen Abschlussfest verabschiedet sich Dieter Jaenicke, Intendant der Hellerau, von Dresden und seinem Publikum. Beim gelungenen Anfang erfährt der Begriff des Tanzes ungewöhnliche Erweiterungen.

    Veröffentlicht am 05.05.2018, von Boris Michael Gruhl


    200 JAHRE TANZ IN EINER STUNDE MIT CRISTIAN DUARTE

    „The Hot 100 Choreographers“ beim „Projeto Brasil“ in Hellerau

    In knapp 60 Minuten bewegt sich der Künstler durch die Geschichte des Balletts und des Tanzes der letzten gut 200 Jahre. Oder bewegen ihn die Erinnerungen an jene 100 Choreografen, Tänzer, Choreografien

    Veröffentlicht am 27.05.2016, von Boris Michael Gruhl


    INNERE BEDROHUNG

    Batsheva Dance Company mit der Europapremiere von „Last Work“

    Das Internationale Tanzfestival Dresden zeigt eine nachdenkliche Arbeit Ohad Naharins.

    Veröffentlicht am 23.06.2015, von Rico Stehfest


    TANZ AN SEINEM RAND

    Leipzig, Prag und Dresden vereint: Das Dance transit Festival in Hellerau

    In allen drei Städten wurden Choreografien gezeigt, deren Entstehung durch das Lofft in Leipzig, das Archa Theater und das Theater Ponec in Prag und eben durch das Festspielhaus in Dresden gefördert worden waren.

    Veröffentlicht am 09.03.2015, von Rico Stehfest


    WEDER SINNLOS NOCH FLACH

    Doppelabend mit Anna Till und Hermann Heisig in Hellerau

    Die Reihe „Linie 08“ der freien Tanzszene Dresdens im Europäischen Zentrum der Künste in Hellerau zeigt immer deutlicher, dass die langfristige Unterstützung und Förderung der Freischaffenden Früchte trägt.

    Veröffentlicht am 06.12.2014, von Rico Stehfest


    ABSCHIEDSGESCHENK IM ZWISCHENRAUM

    Forsythes „Study #3“ feierte in Dresden Deutschlandpremiere

    Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste Dresden bleibt nach monatelangem Gerangel feste Wirkungsstätte der Company. Trotzdem bleibt der Gedanke vom Anfang des Endes. In dieser Arbeit ganz besonders.

    Veröffentlicht am 12.09.2014, von Rico Stehfest


    EIN DEUTLICHES SIGNAL

    Über 2,5 Mio. Euro - Bund stärkt die Förderung des Tanzes!

    Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages hat in seiner gestrigen Sitzung erhebliche Mittel für die Spitzenförderung von Tanzprojekten freigegeben, um die Entwicklung, die internationale Präsenz und Wettbewerbsfähigkeit des Tanzes „Made in Germany“ nachhaltig zu stärken.

    Veröffentlicht am 06.06.2014, von Pressetext


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    LIEBESGRÜßE AN HAVANNA

    Eine Fotoausstellung von Gabriel Dávalos in der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 16.11.2019, von Volkmar Draeger


    SICHTACHSEN

    Selbstermächtigung in Dresdens freier Szene
    Veröffentlicht am 14.11.2019, von Rico Stehfest


    WENN KEIN SPIELRAUM MEHR DA IST

    Zur Tanzpremiere "Exhausting Space" von Iván Pérez
    Veröffentlicht am 13.11.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    UNDERGROUND VII UND VIII

    Performances, Ausstellungen und Installationen von und mit Tänzer*innen des Tanztheater Wuppertal Pina Bausch und Gästen

    Gleich zwei Neuauflagen der Reihe Underground mit neuen Produktionen von Choreograph*innen aus dem Ensemble verwirklicht das Tanztheater Wuppertal in den Monaten Oktober und November 2019 im Skulpturenpark Waldfrieden und im Schauspielhaus Wuppertal.

    Veröffentlicht am 25.09.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    „NICHT EIN X-BELIEBIGES MODERNES ENSEMBLE“

    Die Intendantin des Tanztheater Wuppertal Bettina Wagner-Bergelt im Interview
    Veröffentlicht am 27.09.2019, von Miriam Althammer


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    VIELE ÜBERRASCHUNGEN

    "Dornröschen" von Ben Van Cauwenbergh in Essen

    Veröffentlicht am 10.11.2019, von Gastbeitrag


    VOM TANZEN LERNEN

    Anne-Hélène Kotoujansky aus Strasbourg gewinnt

    Veröffentlicht am 11.11.2019, von tanznetz.de Redaktion


    DREI NEUE SOLISTEN AN DER PARISER OPER

    Der jährliche interne Wettbewerb des Corps de ballet im Palais Garnier

    Veröffentlicht am 11.11.2019, von Julia Bührle


    AUSGEZEICHNET

    Verleihung des Theaterpreises DER FAUST am Staatstheater Kassel

    Veröffentlicht am 11.11.2019, von tanznetz.de Redaktion


    POLITISCHE KÖRPER

    „The Furious Rodrigo Batista“ und „Piki Piki” in München

    Veröffentlicht am 11.11.2019, von Peter Sampel



    BEI UNS IM SHOP