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Heidelberg

ALIENS MIT SOZIALER KUSCHELKOMPETENZ

Das Tanzstück "The Inhabitants" am Theater und Orchester Heidelberg



Zum Open-Air-Einstand der aktuellen Spielzeit zeigt der neue Heidelberger Tanzchef Iván Pérez "The Inhabitants", ein ortsspezifisches Tanzstück.


  • "The Inhabitants" von Iván Pérez; Axier Iriarte Foto © Sebastian Bühler
  • "The Inhabitants" von Iván Pérez; Jacqueline Trapp Foto © Sebastian Bühler
  • "The Inhabitants" von Iván Pérez; Andrea Muelas Blanco Foto © Sebastian Bühler
  • "The Inhabitants" von Iván Pérez; Arno Brys und Ensemble Foto © Sebastian Bühler
  • "The Inhabitants" von Iván Pérez; Stanley Ollivier, Arno Brys und ZuschauerInnen Foto © Sebastian Bühler
  • "The Inhabitants" von Iván Pérez; Marc Galvez Foto © Sebastian Bühler
  • "The Inhabitants" von Iván Pérez; Orla McCarthy, Andrea Muelas Blanco, Stanley Ollivier Foto © Sebastian Bühler

Das hätte auch schiefgehen können. Aber Petrus meinte es extrem gut mit dieser Spielzeiteröffnung im öffentichen Raum. Der neue Chef der Heidelberger Tanzsparte, Iván Pérez, zeigte zum Auftakt der Theatersaison sein Stück „The Inhabitants“. Die ortsspezifische Performance, die mit den Elementen von Architektur und Natur spielt, hat schon in mehreren europäischen Ländern funktioniert – so gut, dass der Heidelberger Intendant Holger Schulze sich genau dieses Stück zum Debut des Nachfolgers von Nanine Linning gewünscht hat. Nicht ganz zufällig war der Ausgangspunkt des Stücks das Octopharma-Gebäude im Neuenheimer Feld, in dem Wolfgang Maguerre, der bedeutendste Sponsor des Heidelberger Theaters, seinen Firmensitz hat.

Auf der Suche nach einem geeigneten Schauplatz wurde Pérez in Laufweite fündig: Gegenüber des Technologieparks liegt ein veritabler kleiner Park mit See, Brücke und mächtigem Baum. (Für Heidelberger Tanzfans ein apartes Wiedersehen – hier hat das UnterwegsTheater im Rahmen des letzten ARTORT-Festivals bereits Tanz inszeniert). „The Inhabitants“ (dt. BewohnerInnen) in Gestalt der zwölf Mitglieder des neuen „DanceTheatreHeidelberg“ sorgten allerdings für eine Begegnung der außerordentlichen Art.

Denn was wäre – so das konzeptionelle Gedankenexperiment des Choreografen – wenn in weit entfernt liegender Zukunft die Gesellschaft plötzlich auf Lebewesen treffen würde, die sich lange Zeit in einer abgeschlossenen Gemeinschaft nach eigenen Spielregeln entwickelt haben – unabhängig von gegenwärtigen gesellschaftlichen Trends? Diese Frage lässt sich natürlich auch umkehren: Wie nehmen diese Wesen aus einer anderen sozialen Wirklichkeit die ZuschauerInnen – also uns – wahr? So drücken die TänzerInnen, die sich zur Gruppe auf der Brücke zusammengefunden haben, ihre Nasen ans Geländergitter wie Tiere im Zoo. Nur ist nicht eindeutig auszumachen, wer sich vor und wer sich hinter Gittern befindet...

Das ist einer der Click-Momente in der Choreografie, die insgesamt auf sanfte, magische Betörung des Publikums setzt. Wirkungsvoll per Kopfhörer unter eine leise akustische Droge gesetzt (Rutger Zuydervelt), gibt es erst einmal eine Lektion in Entschleunigung. Langsam und vorsichtig tastend entwickelt jeder Einzelne der sehr unterschiedlich ausgesuchten neuen Ensemblemitglieder seinen Bewegungsspielraum. Die TänzerInnen borgen ihre Bewegungssprache bei kleinen Kindern oder fremdartigen Tieren, präsentieren sie aber in Zeitlupe. Die Eroberung des Raumes – insbesondere der höchst dekorativ angestrahlten Trauerweide – braucht Zeit und jede Menge gegenseitige Hilfestellung.

Die Gruppe, die sich langsam entwickelt, wirkt wie ein amorphes Lebewesen mit 48 Gliedmaßen, das alle möglichen Formen annehmen kann. Rollend, rutschend, robbend, sitzend, übereinander fallend, sich aufhelfend, stützend – mit großer Zartheit und noch viel mehr Geduld hieven sich die Zwölf als ein einziger Körper vorwärts. Ein Paar schält sich heraus, tanzt selbstvergessen im Wasserstrahl mit schönen flüssigen Hebefiguren.

Sanft hat es angefangen, sachte geht es zu Ende. Auf achtsame Begegnung eingestimmt, dürfen die BesucherInnen am Ende durch die Glasscheiben des Octopharma-Gebäudes hindurch Kontakt aufnehmen: ein Miteinander kreisender Hände, das die Trennung von draußen und drinnen für einen Moment aufhebt. Zum Schluss besetzten die TänzerInnen die umlaufende Galerie, wo jeder für sich, inzwischen aller Kleidungsstücke entledigt, ganz kreatürlich und zart in sich versinkt. Keine Härte, kein unerwarteter Bruch stört den sozialen Kuschelkurs dieses Abends, der sich sensibel gegen den Zeitgeist stellt. Offen bleibt der Wunsch, Iván Pérez und seine TänzerInnen auch von einer anderen, wenigstens gelegentlich sperrigeren Seite kennenzulernen.

Veröffentlicht am 16.09.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2018/2019

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Kommentare zu "Aliens mit sozialer Kuschelkompetenz"



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