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Hannover

GLITZERHEMD

Hip-Hop eröffnet das TANZtheater INTERNATIONAL in Hannover



Kyle Abrahams "Live! The Realist MC" blickt zur Eröffnung des Festivals TANZtheater INTERNATIONAL in Hannover hinter die Attitüden von Hip-Hop und Ballett.


  • "Live! The Realest MC" von Kyle Abraham Foto © Julien Benhamou
  • "Live! The Realest MC" von Kyle Abraham Foto © Julien Benhamou
  • "Live! The Realest MC" von Kyle Abraham Foto © Julien Benhamou

Die Show glimmert in Goldhemd und Silberstrass auf den schwarzen Kostümen. Aber so lustig und locker, wie sie zunächst ausschaut, ist die Eröffnungsshow des Festivals TANZtheater INTERNATIONAL in Hannovers Orangerie nicht. Zwar werden die coolsten Bewegungen aus Hip-Hop und Ballett zusammengemischt, wird auf der Schulter liegend gedreht oder mit weichem Port de Bras getänzelt. Doch „Live! The Realist MC“ lässt immer wieder durchscheinen, dass das Leben hinter der Attitüde ein ganz anderes ist.

Hip-Hop, gern zur künstlerischen Ausdrucksform der Benachteiligten verklärt, ist eben auch sehr machistisch, Rap oft offen homophob. Und so war Hip-Hop für den Choreografen Kyle Abraham aus Philadelphia in seiner eigenen Biografie zunächst vor allem Verstellung, ein Tarn-Code, den er erlernte, um nicht erkannt zu werden. Das Leben war sein Trainer, ein ziemlich harter MC, Master of Ceremony, wie die Moderatoren und Rapper bei den Battles heißen. Ergreifend die Szene, in der unser Goldhemdträger plötzlich von Weinkrämpfen durchschüttelt wird, seine Mutter ruft und etwas stammelt von Jungs, die ihn auf den Boden drücken. Und wie aus dem Weinen irgendwann Protestschreie werden, er will nicht länger Opfer sein.

In einer Filmpassage erklärt uns eine Lehrerin die wichtigsten Moves, aber es gehört wohl doch mehr Lebensgefühl dazu, als dass man Hip-Hop im Ballettsaal lernen könnte. Zwei Tänzer setzen nachher die Anweisungen aus dem Off um – und das sieht sich gar nicht ähnlich. Zumindest die eine Ausführung gerät ganz schön schwul, Abraham lässt das Klischee hier ironisch zu. Sie ist eben eine authentische Version der Moves, empfunden aus einem weniger roboterhaft technoid klickenden, sondern weicher und frei flutenden Körper.

Bei Abraham tanzen auch die Männer im Schulterschluss, swingen Frauen und Männer in launigem Modern Dance. Das wirkt zunächst über weite Strecken zu launig. Störmomente wie der Dreier, aus dem einer rausrutscht, dann nochmal rausgedrückt wird, sind selten, liegen eher in der knirschenden Musik oder Straßenvideos. Abraham müsste sein Thema schneller klar aufstellen, indem er den Goldhemdler noch mehr fokussiert, und die Szenen härter gegeneinanderschneiden. Damit man umso mehr das Schlusssolo des Goldhemdlers genießen kann, der zu melancholischer Klaviermusik nun seine ganz private, ehrliche, authentisch rührende Show austanzt, mit lustvoll ausgespannten, durchdrehenden Armen, weil es ihm so passt. Sein Leben ist sein bester MC.

Veröffentlicht am 02.09.2018, von Andreas Berger in Homepage, Kritiken 2017/2018

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