HOMEPAGE



Hamburg

AGGRESSION UND ZÄRTLICHKEIT

(La)Horde mit "To Da Bone" beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel



Das Pariser Kollektiv erforscht mit 11 PerformerInnen den Tanz- und Musikstil Jumpstyle, der Anfang dieses Jahrhunderts in Vororten belgischer und niederländischer Großstädte entstand und sich über YouTube weltweit verbreitet.


  • "To Da Bone" von (La)Horde Foto © Laurent Philippe

Es gibt verschiedene Grundschritte, die individuell variiert werden – in irrwitzigem Tempo und mit diversen Kapriolen garniert. Die VertreterInnen dieser Richtung sind vorwiegend männlich – der Anteil der Frauen liegt bei nicht mal ein Prozent, wie man im Laufe der Vorstellung am Rande von einer der Tänzerinnen erfährt. Das Pariser Kollektiv (La)Horde, bestehend aus Marine Brutti, Jonathan Debrouwer und Arthur Harel hat elf dieser JumpstylerInnen aus sechs verschiedenen Ländern – neun Männer, zwei Frauen – zusammengeholt und für sie mit „To Da Bone“ eine fulminante, dynamische Jumpstyle-Revue zusammengestellt. Wie dem Tanzstil selbst, so wünscht man auch diesem Kollektiv künftig eine große Aufmerksamkeit.

Zu Beginn kommen die TänzerInnen nacheinander einzeln auf die Bühne, sehr gelassen, sehr ruhig, mit indifferentem, gelangweilt-bockigem Gesichtsausdruck. Sie tragen bunte Jacken und farblich darauf abgestimmte Sneaker (Kostüme: Lily Sato). So stehen sie da, zur Gruppe formiert, und starren ins Publikum. Plötzlich tönt „Six-Seven-Eight“ aus ihrer Mitte, und los geht‘s! Eine anscheinend einfache Schrittkombination wird mit einer Vierteldrehung im Kreis ständig wiederholt. Die Arme schwingen mit, man hört nur das Stampfen der Füße und das Quietschen der Gummisohlen auf dem Boden. Einzelne lösen sich aus der Menge, manchmal auch zu zweit oder dritt und zeigen Variationen dieses Schrittes, und das Ganze steigert sich immer weiter, bis es abrupt zum Abschluss kommt.

Danach zieht einer der Tänzer die Schuhe aus und entwickelt auf Socken ein so hingegebenes, sensibles Solo, dass deutlich wird: Jumpstyle kann und ist beides – Aggression und Zärtlichkeit. Einzelne erklären, was Jumpstyle ist und woher er kommt. Sie formieren sich alle zu einer Reihe und tanzen gemeinsam; hämmernde, laute Musik setzt ein, und es entwickelt sich ein rasender, wilder Tanz, der manchmal an die rituellen Stammestänze indigener Völker erinnert, bis schließlich alle völlig erschöpft (was für eine Kondition die alle haben müssen!) zum Ende kommen. Durchatmen, Pause.

Eine große weiße Stoffrolle wird hereingeholt, an einem von der Decke herabgelassenen Gestänge befestigt und dient jetzt als Projektionsfläche für einzelne Statements, die über eine Videokamera auf diese „Leinwand“ projiziert werden. Zwei geraten sich in die Haare, auf polnisch, so dass man kein Wort versteht – was nicht weiter schlimm ist, denn gleich darauf greift jemand schlichtend ein, und es geht weiter mit den einzelnen Statements, auch Name, Alter und Beruf werden genannt. Es zeigt sich – Jumpstyle geht quer durch die Bevölkerungsschichten.

Von hinten wabert Bühnennebel heran, die Leinwand wird demontiert und von allen gemeinsam durch den Nebel weggetragen. Einzeln kommen sie zurück und tanzen noch einmal in diesen Nebel hinein, ihre Silhouetten zeichnen sich scherenschnittartig vor dem von hinten angeleuchteten Hintergrund ab. Alle verschwinden in diesem Nebel – bis auf einen, der aufrecht stehenbleibt. Grandios!

Veröffentlicht am 25.08.2018, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2017/2018

Dieser Artikel wurde 3046 mal angesehen.



Kommentare zu "Aggression und Zärtlichkeit"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    GEOMETRISCHER TANZ, WILDE MUSIK

    Die Michael Clark Company eröffnete das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel

    Ein nicht durchweg gelungener Auftakt für das dreiwöchige Festival, bei dem der Tanz mit sechs verschiedenen Aufführungen eher eine Nebenrolle spielt.

    Veröffentlicht am 11.08.2017, von Annette Bopp


    VON DER BEDEUTSAMKEIT DES INNEHALTENS

    Sommerfestival auf Kammnagel: Rachid Ouramdane mit „Tenir le Temps“

    Nein, die Zeit lässt sich nicht festhalten. Aber wir können uns immer wieder bewusst machen, wie wichtig es ist, nicht einer sinnlosen Hektik hinterher zu hecheln. Damit ging das Sommerfestival zu Ende – ein schöner und zukunftsweisender Abschluss.

    Veröffentlicht am 01.09.2016, von Annette Bopp


    ER? SIE? ES!

    Tabea Martin mit „Pink for Girls and Blue for Boys“ beim Sommerfestival auf Kampnagel

    Eine fantasievolle Orgie des Verkleidens, die jegliche Zuweisung in Geschlechterrollen sprengt.

    Veröffentlicht am 14.08.2016, von Annette Bopp


    MANEGE FREI FÜR DIE KUNST!

    „The Greates Show On Earth“ vereint Zirkusdynastie und Performancestars

    Antonia Baehr, Valérie Castan und Emmilou Rößling sind die Zirkusfamilie „La Fortunada“ und bringen ihre Performance-Zirkus-KünstlerInnen auf die Kampnagel Bühne des Sommerfestivals in Hamburg.

    Veröffentlicht am 14.08.2016, von Elisabeth Leopold


    RUN, BABY, RUN!

    Olivier Dubois und das Ballet du Nord eröffnet mit „Auguri“ das Sommerfestival auf Kampnagel

    An den Flug von Vögeln erinnert diese Choreografie, die volle 70 Minuten lang aus nichts anderem besteht als aus Rennen und vereinzeltem Innehalten, mal alleine, mal in Gruppen, mal alle zusammen.

    Veröffentlicht am 14.08.2016, von Annette Bopp


    GANZ UND GAR NICHT ROMANTISCH

    Emanuel Gat mit „Plage Romantique“ beim Sommerfestival auf Kampnagel

    Uraufgeführt im Juni 2014 beim Festival Montpellier Danse, gab der Titel des Stücks zu schönsten Phantasien Anlass. Romantisch wird es allerdings nur für wenige Augenblicke.

    Veröffentlicht am 27.08.2014, von Annette Bopp


    ORDNUNG UND REBELLION

    Die Michael Clark Company beim Sommerfestival auf Kampnagel

    Mit „Animal/Vegetable/Mineral“ präsentierte das Sommerfestival eine deutsche Erstaufführung des früheren Tanz-Rebellen Clark. Was der mittlerweile über 50-Jährige mit seinem neuen Stück inszeniert hat, ist allerdings ein recht zahmes Werk.

    Veröffentlicht am 17.08.2014, von Annette Bopp


    HÜPFHOCHBURG HAMBURG

    Kampnagels Sommerfestival-Auftakt: "White Bouncy Castle" von William Forsythe in den Deichtorhallen

    Artikel aus Die Welt vom 13.08.2010


     

    AKTUELLE NEWS


    ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

    30 Jahre Tanzwerkstatt Europa
    Veröffentlicht am 23.07.2021, von Vesna Mlakar


    IVAN ALBORESI BLEIBT

    Der Vertrag des Ballettdirektors wird um 5 Jahre verlängert
    Veröffentlicht am 23.07.2021, von Pressetext


    DANIEL ASCHWANDEN GESTORBEN

    Er starb im Alter von 62 Jahren nach kurzer und schwerer Krankheit
    Veröffentlicht am 14.07.2021, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    AUSSTELLUNG UND SYMPOSIUM "WHO'S TALKING?"

    Erste virtuelle Ausstellung von KOLK 17: „Who’s Talking? Sechs künstlerische Blicke auf die Sammlung KOLK 17“

    Seit 2018 ist die Sammlung von KOLK 17 nicht mehr öffentlich zu sehen, da die Ausstellungsräume umfassend saniert werden. Die ca. 20.000 verschiedensten theatralen Artefakte aus Europa, Asien und Afrika lagern nun seit über drei Jahren im Depot. Über die Figuren außereuropäischer Provenienz ist wenig bis gar nichts bekannt.

    Veröffentlicht am 20.07.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    KOEGLERNEWS 10

    Was nicht in den deutschen Zeitungen und Zeitschriften steht

    Veröffentlicht am 10.08.2009, von oe


    TRAGISCHER VERLUST FÜR DIE TANZWELT

    Colleen Scott unerwartet verstorben

    Veröffentlicht am 10.05.2021, von tanznetz.de Redaktion


    LIAM SCARLETT SUSPENDIERT

    Vorwurf des sexuellen Missbrauchs

    Veröffentlicht am 31.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    TÄNZER*INNEN VON HEUTE UND MORGEN

    Ein Zoom-Interview mit den Geschwistern Julian MacKay, Nicholas MacKay, Nadia Khan und Maria Sascha Khan.

    Veröffentlicht am 02.07.2021, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP