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Berlin

GANZ GROßE FRAGEN

Das Plataforma Berlin 2018



Zum sechsten Mal findet das Tanzfestival Plataforma Berlin statt und präsentiert unterschiedliche Arbeiten ibero-amerikanischer KünstlerInnen.


  • "Trança" von Thiago Granato Foto © Haroldo Saboia
  • "Masaje Reflexivo" von Maque Pereyra Foto © Yamila Macías
  • "HUECO/HOLLOW" von Poliana Lima Foto © Alvaro Gomez Pidal

Der Körper wird hier als widerständiges aber auch ausschlagendes Material beim Bauen unserer Zukunft und im Treffen auf Gegenwärtigkeiten thematisiert. Unter der künstlerischen Leitung von Martha Hincapié Charry lässt sich im sommerlich heißen Berlin fiebernd Tanz vom Feinsten bestaunen. Denn nach den Open Spaces des Tanzfabrikjubiläums und noch vor Tanz im August und der Tanznacht findet gerade zum sechsten Mal das Tanzfestival Plataforma statt. An drei Wochenenden und unterschiedlichen Orten vereint das Festival Arbeiten von in Berlin ansässigen ibero-amerikanischen KünstlerInnen und bildet einen Nährboden für den interdisziplinären Austausch zwischen Tanz, Installation, Performance und Videotanz.

„Amazon(as) & Shaman(e)s“ lautet die Betitelung des diesjährigen Programms, das sich, bezugnehmend auf den hochtrabend formulierten Ankündigungstext, scheinbar den ganz großen Fragen stellt und sich mit der gegenwärtigen Krise der Menschheit auseinanderzusetzen versucht. Was genau diese Krise auszeichnet und welche körperlichen, emotionalen, politischen oder sozialen Bereiche diese betrifft, bleibt dabei im Dunkeln. Weiter heißt es, dass der Körper als Protagonist reflektiert werde, der die Welt im interkontinentalen Austausch mit Mythen, Ritualen, Animalität, Gewalt, dem Fortschritt sowie mit Leben und Tod beeinflusse. Auch diese Aufzählung wirkt, als würde man alle Schwerpunkte der verschiedenen Stücke unter einen Hut bringen wollen. Als Zuschauender kann man aber sicherlich feststellen, das hier unter anderem Themen behandelt werden, die sich mit den Schnittpunkten und dem interkulturellen Austausch zwischen den Kontinenten beschäftigen und davon stark beeinflusst werden.

Die Eröffnung fand im Instituto Cervantes Berlin mit der Wiederaufnahme von Irene Cortinas Stück „Still life“ statt. Darin zeigt sie eine szenisch-kompositorische Auseinandersetzung von Elementen im Raum-Zeit-Gefüge. Außerdem wurde „El Último Vuelo“ von Alexander Carrillo gezeigt. In dem Solo erzählt er von einer weinenden Mutter, die bis in die Ewigkeit auf der Suche nach ihren verlorenen Kindern festhängt. Eine Schar fliegender Ballons ist mit einer Schnur am Rücken befestigt und begleitet den wandelnden Körper bei allen erschöpfenden Armgesten, zitternden Händen und Schritten durch den Raum, der ansonsten nur von einem kleinen Kinderstuhl bewohnt ist.

Aus den Ankündigungen lässt sich auch eine Zukunftsausrichtung als Schwerpunkt herauslesen, die sich der Entwicklung der Menschheit und deren Geschichte annimmt und eigene Utopien schaffen soll. Ein Ankerpunkt, der sich im Stück „TRANÇA“ des brasilianischen Choreografen Thiago Granato als Startschuss des zweiten Wochenendes im Dock 11 beobachten lässt. In technischer Präzision baut Thiago Granato, der selbst im Stück agiert, eine intensive Figur auf. Spannungsgeladen bewegt sich sein Körper wie ein technisierter und gesteuerter Roboter. In kleinsten Bewegungen beginnen die Arme und Finger den Raum um seinen eigenen Körper zu erkunden, während er ruhig im Schneidersitz vor dem Publikum verweilt und seine Augen geschlossen hält. Nach und nach werden mit den Händen die restlichen Körperteile – der andere Arm, die Beine und zuletzt die Hüfte – in Bewegungen versetzt, aber ohne diese zu berühren. Durch das Abtasten der direkten Körperumgebung entsteht ein spür- und fast sichtbares Energiefeld um den Tänzer, das er später in den Zuschauerraum überträgt. Dadurch ergibt sich ein großartiges Konglomerat aus scheinbar fremdgesteuert-maschinellen Bewegungsqualitäten und überirdischen, energiegeladenen Wellen, die dem Körper etwas Allzumenschliches zurückgeben. Ein Durchzucken vor jeder Regung des Körpers im Raum, wie eine leichte Verzögerung in einem kommunikativen Austauschprozess. Es erschließt sich einem eine ganze Palette an Ideen, was der Körper in Zukunft sein kann und sein will. „TRANÇA“ ist der zweite Teil der Trilogie CHOREOVERSATIONS, in der sich der Künstler in Soloarbeiten mit der Verbindung zu anderen KünstlerInnen, seien sie real und noch lebend oder bereits verstorben oder imaginiert, beschäftigt. Fragen von Autorschaft und Aneignung von Präsenz und Absenz durchziehen die Stücke. Der erste Teil ist „Treasured in the Dark“ und der dritte Teil „Trrr“ feiert bei Tanz im August Premiere.

In „Masaje Reflexivo“, das beim Doppelabend im Dock 11 präsentiert wird, beschäftigt sich Maque Pereyra in sinnlicher Manier mit Erinnerungskultur. Wie bringen wir sie zurück in unsere Gegenwart, werden ihr gerecht und geben ihr damit den Freiraum, sich für eine mögliche Zukunft zu Teilen zu lösen? „HUECO/HOLLOW“ von Poliana Lima bringt dann das Gefühl von Schwindel und Sturm auf die Bühne und reißt uns im konstanten Perspektivwechsel mit sich.

Der Abschluss des Festivals findet im Verlin Studio Dorky Park statt. Gleich mit fünf Stücken füllt Plataforma die Abende: Vom Kollektiv BROKEN LOOP gibt es „Part One: Splatter“ zu sehen; vom Mexikaner Ixchel Mendoza Hernandez „The Reversed Alchimist; zudem „Open Air“, ein Solo von Jorge De Hoyos; Meraki Cía zeigt „Horror Vacui“ und Martha Hincapié Charry „ANTHROPOMORPHA/JAGUARING“. Man darf gespannt sein, ob nach einem so vielversprechend umfangreichen Abschlusswochenende die weitläufigen Beschreibungen der Ankündigung –die Krisen der Menschheit – mehr Form und Inhalt gewonnen haben werden.

Veröffentlicht am 02.08.2018, von Elisabeth Leopold in Homepage, Gallery, Kritiken 2017/2018

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