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Nürnberg

DER SOGENANNTE ANFÄNGERGEIST

Goyo Montero über seine Zeit als Ballettdirektor am Staatstheater Nürnberg



Mit tanznetz.de spricht der Ballettdirektor und Chefchoreograf darüber, wie er seine Ziele und sein Werk gefunden hat.


  • Goyo Montero Foto © Denislav Kanev
  • Goyo Montero Foto © Gregory Batardon
  • Goyo Montero Foto © Ludwig Olah
  • "Dekade" ("Treibhaus") von Goyo Montero am Staatstheater Nürnberg; Isidora Markovic und Ensemble Foto © Jesús Vallinas
  • "Imponderable" von Goyo Montero Foto © Jesús Vallinas
  • Goyo Montero mit TänzerInnen der Compañia Nacional de Danza Foto © Jesús Vallinas

Es ist heiß draußen. Goyo Montero ist in seiner Heimatstadt Madrid. Mental und emotional hat er die fünf Gala-Abende, mit denen er seine erste Dekade als Ballettdirektor und Chefchoreograf am Staatstheater Nürnberg reflektiert hat, noch nicht ganz verdaut. Dafür war die Wiederbegegnung mit dem eigenen Werk zu intensiv und der Zuspruch des Publikums überwältigend. Sowohl die im Tanz ungewöhnliche Art einer Retrospektive als auch deren Umgang mit ihr als Impuls zur Schöpfung eines quasi neuen Abendfüllers aus dem selbst geschaffenen Werkbestand heraus, werfen ein spannendes Licht auf die Entwicklung von Choreografinnen und Choreografen als KünstlerInnen generell. So sagt man, es dauere ebenfalls zehn Jahre, bis jemand einen ersten Stückekanon kreieren konnte, in denen er sich selbst als KünstlerIn auf die Spur gekommen ist. Und das heißt: seinen eigenen Stil und seine Aussagen finden. Im Tanz ist es noch komplizierter, legt man diesen Weg doch im Blick und mit Hilfe der Tänzerinnen und Tänzer zurück. Im Gegenzug für deren kontinuierliche Präsenz als Entwicklungshelfer und Träger des eigenen Werks muss der/die KünstlerIn führen und kommunizieren können. Ein Gespräch mit dem Künstler Goyo Montero ist daher in diesen Tagen immer auch ein Gespräch mit dem Kompaniechef über das Ballett am Staatstheater Nürnberg, das sich unter dem designierten Intendanten Jens-Daniel Herzog neu erfinden wird.

tanznetz.de: Herr Montero, Sie haben eine herausragende Spielzeit hinter sich. Mit „Dürer´s Dog“ haben Sie der Stadt Nürnberg Ihre Reverenz erwiesen. Die Wiederaufnahme Ihres „Nussknackers“ war zeitgenössisches Balletttheater von hoher gesellschaftlicher Relevanz, und mit „Powerhouse“ haben Sie die Erweiterungen des Nürnberger Repertoires vorangetrieben. Ihre DEKADE-Galas offenbarten die DNA ihres Verständnisses einer Kompanie, wie Sie sie führen, und ihrer Kunst. Wie ist ihr eigener Blick auf das Zurückliegende?

Goyo Montero: Die letzten zehn Jahre waren eine tolle Reise. Ich ordne derzeit für mich, wo ich selbst als Choreograf stehe. Es war für mich ein Genuss, an einem Abend so viele alte Choreografien von mir zu sehen. Ich sah die Evolution der einzelnen Stücke und ihrer Teile, wenn auch auf sehr psychologische und abstrakte Weise. Ich sah meinen eigenen Weg. Ich erinnerte mich zum Teil sehr gefühlvoll an meine Beziehungen zu Frauen, zu Männern, meine Partnerschaft. Es war insofern ein gutes Ende dieser ersten Nürnberger Dekade, aber keine Verabschiedung.

Wie haben die Tänzerinnen und Tänzer auf die Gala-Abende reagiert? Schließlich haben Sie in den vergangenen zehn Jahren die Kompanie praktisch einmal ausgetauscht und der Großteil war in den ersten magischen Jahren des Nürnberger Ballettwunders nicht Mitglied Ihrer Kompanie?

Die Tänzerinnen und Tänzer der ersten Stunde waren jünger als die heutigen Kompaniemitglieder. Sie hatten zum Teil erst die Ballettausbildung abgeschlossen, und sie sind hier mit mir in Nürnberg groß geworden. Die Uraufführung von „Treibhaus“ im Jahr 2011 neben Werken von Kylián und Duato war damals eine wichtige Möglichkeit, ein Signal nach Außen zu senden und zu zeigen: Wir sind hier und wir sind stark. Dieses Statement wollte ich ebenfalls mit der etablierten Kompanie ablegen, auch wenn sich das anders anfühlt als damals vor sieben Jahren. Wir haben es aber geschafft, die Kraft und diese Energie zu mobilisieren. Auf den ersten Blick war es fast unmöglich für die Kompanie das überbordende Programm zu schaffen. Sie hat sich aber in einem sehr guten Moment präsentiert und dabei ein Bild von sich gezeigt, das fast perfekt war. Darüber waren alle Tänzerinnen und Tänzer sehr froh. Sie hatten viel Spaß, die alten Choreografien zu studieren – ob es nun „Benditos Malditos“ war, oder eben „Treibhaus“ oder „Desde Otello“. Zwar sind die Schritte jeweils festgelegt gewesen, und all diese Stücke haben ihren eigenen Geist; da jedoch die neuen Tänzerinnen und Tänzer sie nicht nur tanzten, sondern ihren eigenen Weg zu ihnen gefunden hatten, sie praktisch zu ihren eigenen Stücken gemacht haben, kamen jeweils „neue“ Stücke heraus. Als Kompanie haben wir erlebt und gesehen, was uns in der Zukunft gelingen kann, und das ist sehr schön. Die Reaktion des Publikums war unglaublich. Wir hatten jeden Abend Standing Ovations. Es ist ein Geschenk zu sehen, wie sehr unser Publikum uns als Kompanie liebt. Das freut mich. Es bedeutet: Wir können weitermachen, wir haben weiterhin das Feuer. Sobald man sich auf den „tollen TänzerInnen“ oder „der tollen Kompanie“ ausruht, ist es vorbei. Es ist für mich essentiell, jeden Tag und jede Produktion mit dem sogenannten Anfängergeist, mit kindlicher Neugierde zu beginnen und zu erleben. Ich habe zum Beispiel im vergangenen Jahr mit jungen Tanzstudierenden beim Prix de Lausanne ein Projekt umgesetzt und erlebt, wie sie dieses Feuer, diese Kraft in sich tragen. Sie wollten sich im Tanz zeigen. Diesen Willen und diese Kraft suche ich bei meinen erfahrenen TänzerInnen in Nürnberg.

Viele Theater denken darüber nach, wie sie über die sozialen Medien das Parkett füllen. Was denken Sie als Spartenleiter?

Nun, man muss mit der Zeit gehen. Facebook, Instagram oder Twitter spielen eine Rolle im Leben vieler und sie ermöglichen Aufmerksamkeit. Sie bieten Möglichkeiten, international gesehen zu werden, ohne Gastspiele zu absolvieren. Man darf aber nicht ausschließlich für diese Aufmerksamkeit arbeiten. Vielmehr ist es wichtig, das Eigene zu schaffen, seine eigene Arbeit zu tun. Das, was wir machen ist live und für den Moment und das Theater bestimmt. Damit einhergehen kann die professionelle Arbeit mit den sozialen Medien. Wir als Ballett am Staatstheater Nürnberg haben viele Follower. Wir investieren konkret in gutes Filmmaterial über unsere und meine Arbeit, das wir im Internet veröffentlichen – allein deswegen, weil meine Arbeit ästhetisch sehr mit dem Bild verbunden ist.

Wie empfinden Sie Ihre eigene künstlerische Entwicklung in den vergangenen zehn Jahren?

Ich habe Spaß mit meiner Kunst und mit meinem Werk. Natürlich werde ich auch in Zukunft bei jeder Premiere Angst, Fragen und Zweifel haben. Das gehört dazu. Ich würde nicht sagen, dass ich mich reif fühle. „Reife“ ist ein großes Wort. Aber ich habe versucht in verschiedene Richtungen zu arbeiten. Ich kann sagen, dass ich habe meine Ziele und meinen Weg zum Werk gefunden habe. Ich halte aus, dass mit jedem Werk ein Weg endet und man wieder von vorne beginnt.

Die Nachfrage nach Ihrer Arbeit wächst. Sie schufen Stücke für das Ballet Nacional de Sodre in Uruguay, für Diana Vishnevas Context-Festival in Perm und St. Petersburg, Acosta Danza in Kuba, das durch Europa und die USA tourende Sadler´s Wells Theatre sowie den Prix de Lausanne, der erstmals ein choreografisches Projekt mit Ihnen als Gastchoreografen initiierte. In der kommenden Spielzeit werden Sie für das Junior Ballet Zürich, für Les Ballets de Monte Carlo, für das Royal Ballet in London und bereits zum dritten Mal für Acosta Danza neue Werke kreieren oder bereits geschaffene Stücke übergeben.

Ja, im Vergleich zu den Jahren davor habe ich von meiner Arbeit erstaunlich viel außerhalb von Nürnberg zeigen können. Obwohl ich schon seit Längerem mit anderen Kompanien arbeite. Sehr wichtig waren für mich in diesem Zusammenhang 2013 die Einstudierung meiner Neukreation von „Romeo und Julia“ bei der Compañia Nacional de Danza und meine 2015 begonnene Zusammenarbeit mit Acosta Danza, für die ich „Alrededor no hay“ und „Imponderable“ schuf.

Inwieweit verändern diese Außeneinsätze Ihre künstlerische Arbeit für das Staatstheater Nürnberg?

Ich sehe, wie meine Arbeit in anderen Kompanien funktioniert, die zum Teil viel stärker neoklassisch geprägt sind. Und ich realisiere, wer ich als Choreograf bin. Ich bin kein rein zeitgenössischer Choreograf, aber auch kein klassischer oder neoklassischer. Das habe ich akzeptiert. Ich komme auch nicht aus einer speziellen Schule oder Netzwerk, wie beispielsweise das Nederlands Dans Theater oder das Stuttgarter Ballett. Ich bin da und ich habe etwas zu sagen.

Welche Rolle spielt vor diesem Hintergrund die anstehende Auszeichnung mit dem TANZPREIS AKTUELL am 22. September im Aalto Theater Essen?

Der TANZPREIS ist eine sehr besondere und bewegende Auszeichnung, weil sie von KünstlerInnen und ExpertInnen des Tanzes an KünstlerInnen selbst vergeben wird. D.h., eine besondere Gruppe von Menschen denkt, dass unsere Arbeit hier in Nürnberg gut und sinnvoll ist. Diese Wahrnehmung unserer Arbeit ist etwas sehr Tolles. Die Auszeichnung bedeutet aber nicht, dass wir besser sind als wir waren. Sie ist nicht etwas, was wir „geschafft“ haben. Wir nehmen sie entgegen wie ein Lob oder eine Kritik.

Welche Themen stehen zu Beginn der nächsten Spielzeit an?

Wir werden zum vierten Mal einen Abend für junge ChoreografInnen machen. Wir müssen unseren Tänzerinnen und Tänzern die Gelegenheit geben, sich ausprobieren zu dürfen. Unsere Reihe trägt von Anbeginn den Titel „Exquisite Corpse“ und zeichnet sich dadurch aus, dass die Kreationen unserer Tänzerinnen und Tänzer miteinander verbunden sein werden. Und ich kreiere für Nürnberg einen neuen „Sommernachtstraum“ - ein weiterer Schritt für mich hinein in das Handlungsballett und in das Literaturballett nach Shakespeare. Mein erstes Shakespeareballett entstand 2005 in Spanien: „Desde Otello“. 2009 brachte ich es in Nürnberg heraus. Dort war es aber bereits mein zweites Handlungsballett nach einem Werk des englischen Dichters, da ich mich damals für „Romeo und Julia“ als einer meiner ersten Neukreationen für unser neu formiertes Ensemble in Nürnberg entschlossen hatte.

Seit „Romeo und Julia“ überschreiten ab einem bestimmten Punkt alle Ihre Handlungsballette die Schwelle zum wahren Leben. Die auf der Bühne wie auch immer formulierten und spürbaren Erfahrungen und Emotionen gehen stark mit ureigenen Lebenserfahrungen in Resonanz. Trifft das auch auf die Entstehung Ihres „Sommernachtstraums“ zu?

Shakespeares „Sommernachtstraum“ ist zu perfekt, um ihn einfach nachzuerzählen. Ich werde also, wie immer, versuchen aus der vorliegenden Handlung etwas herauszuarbeiten, das für mich notwendig ist und das meine eigene Perspektive auf den Stoff markiert. Ich nehme zur Zeit meine Ängste und Sorgen als Vater wahr. Sie bilden den Filter, durch den ich bei der Neuerzählung blicken werde, während ich die Essenz vom „Sommernachtstraum“ kontinuierlich bewahre. Diese Produktion wird wieder ein absolutes Abenteuer für mich.

Sie führen erstmals Marco Goeckes „Thin Skin“ in Nürnberg auf. Was erwarten Sie sich davon?

Die Arbeit von Marco Goecke wird ein Meilenstein für unsere Kompanie werden. Sie ist sehr besonders und erst jetzt sind wir bereit für seine einzigartige Sprache. Wir werden seine Verbindung zu Jirí Kyliáns „Falling Angels“ herstellen, ein Klassiker – wie Goecke selbst. Beide Werke, Goeckes radikale Arbeit und die neoklassisch-zeitgenössische Arbeit von Kylián, müssen wir schlicht sehr gut machen. Ich werde den Abend mit einem neuen Stück von mir nur für Männer ergänzen. Die Reflexion über die Genderfragen beschäftigen mich derzeit sehr. Viele Themen werden diskutiert, wie Sexualität, was es bedeutet eine Frau zu sein, was ein Mann, was ein männlicher Tänzer, was eine Tänzerin. Ich werde versuchen, das ohne Klischees anzugehen und etwas Neues zu schaffen.

Veröffentlicht am 20.07.2018, von Alexandra Karabelas in Homepage, Leute

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