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Venedig

VIELE WÜNSCHE OFFEN

Durchwachsene Halbzeit bei der Tanzbiennale in Venedig



Ausnahme-Choreografinnen sind nicht zwangsläufig Ausnahme-Kuratorinnen - Marie Chouinard verantwortet die Tanzbiennale in Venedig 2018.


  • "Built to Last" von Meg Stuart Foto © Chris van der Burght
  • "Built to Last" von Meg Stuart Foto © Julian Röder
  • "Built to Last" von Meg Stuart Foto © Eva Würdinger

Freilich kann noch keine endgültige Bilanz der zweiten Ausgabe von Marie Chouinards Amtszeit in Venedig (2017-2020) gezogen werden, da man sich erst in der Halbzeit befindet. Zum Niederknien wird sie jedoch nicht werden, soviel steht fest.

Zu sehen gab es bisher neben der Übergabe des Goldenen Löwen an Meg Stuart, sechs abendfüllende Produktionen, fünf Filme und vier Publikumsgespräche. Eingeladen hat Chouinard einige exzellente Arbeiten, die dem zeitgenössischen Anspruch nach Reflexion mehr als gerecht wurden. Meg Stuart lotet in „Built to Last“ (2012) gekonnt die Ambivalenz von symphonischen Werken anhand des Bewegungsvokabulars ihres Ensembles aus. Mette Ingvartsen widmet sich in „to come (extended)“ (2017) haarscharf der Schnittstelle zwischen Repräsentanz und Präsenz von Sexualität. Israel Galván entstaubt in „Fla.co.men“ (2014) lustvoll den traditionellen Flamenco.

Die Weltpremiere „Solos und Duos“ (2018) von Chouinard selbst entpuppt sich hingegen als Mogelpackung. Tanzhistorisch spannend und von einer jungen Generation ausgezeichnet performt, kompiliert die Künstlerin einen zweistündigen Abend aus Extrakten ihres Oeuvres von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart. Während die frühen Stücke der Choreografin den Mut zum provokanten Experiment offenbaren (Glöckchen an den Brustwarzen, Wasser trinken – Wasser pinkeln), so dehnt sich der Abend im zweiten Teil durch thematisches Wiederaufgreifen und das Zeigen jüngerer Arbeiten, die sich im Dekorativen verfangen.

„Running Piece“ (2018) des in Europa kaum bekannten Kanadiers Jacques Poulin-Denis ist solide gebaut. Poulin-Denis arbeitet sich im wahrsten Sinne des Wortes auf einem Laufband ab. Die italienische Nachwuchschoreografin Irene Baldini schlägt sich in ihren halbstündigen Auftragschoreografien „Quite now“ (2018) und „7 ways to begin without knowing where to start“ (2017) ästhetisch tapfer, wirkt aber inhaltlich ohne zwingende Fragestellung verloren. Apropos, Fragestellung: Die Moderatorin der Artistic Talks Elisa Guzzo Vaccarino sollte sich zukünftig mehr um die ausländischen Gäste und nicht nur um italienisches Publikum kümmern.

Womit wir bei den Wüschen wären. Chouinards ambitionierte Filmreihe, die von Ballett über Physical Theatre bis zur Clownerie reicht, müsste nächstes Jahr unbedingt ‚indoor’ stattfinden, da das Kino im Giardino della Marceglia bei Tageslicht den Genuss erheblich behindert. Es wäre schade, um dieses niederschwellige und kostenlose Format. Wünschenswert wäre ferner, wenn Marie Chouinard 2019 weltumspannender und weniger Kanada-orientiert programmieren würde. Zumindest ein Stück aus Asien und eines aus Afrika sollten den Weg an den Lido finden.

Veröffentlicht am 27.06.2018, von Ingrid Türk-Chlapek in Homepage, Kritiken 2017/2018

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