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Stuttgart

HIER WIRD DIE KUNST AUFGEFÜHRT

Tino Sehgals Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart



Für fünf Wochen führen neun Akteure alte und neue choreografische Arbeiten auf, die sich aus Tanz, Gesang und sozialer Interaktion ergeben und vom Künstler selbst als „konstruierte Situationen“ beschrieben werden.


  • Philippe Parreno, Tino Sehgal’s Annlee, 2013, Bleistift auf Papier Foto © Courtesy Philippe Parreno und Esther Schipper, Berlin

Tino Sehgal bespielt das Kunstmuseum Stuttgart mit seiner immateriellen Kunst. Für fünf Wochen führen neun Akteure alte und neue choreografische Arbeiten auf, die sich aus Tanz, Gesang und sozialer Interaktion ergeben und vom Künstler selbst als „konstruierte Situationen“ beschrieben werden. 2016 gewann Tino Sehgal den Hans-Molfenter-Preis der Landeshauptstadt, was den Anlass für die Ausstellung in seiner Heimat gibt, mit der er auf die besondere Ortspezifik des Stuttgarter Kunstmuseums, mitten im Herzen der Innenstadt, reagiert.

Erst sitzen die Tänzer vereinzelt im leer geräumten Museumssaal. Es gibt nichts, was von den Körpern in dem kahlen Raum des White Cube ablenken könnte, keine Gemälde oder Kunstobjekte und keine Saaltexte oder Beschilderungen mit Auskunft über das sich Darbietende. Ungewöhnlich für eine Ausstellung. Man hört percussionsartige, von Mund und Stimme erzeugte Geräusche, dann auch Gesänge und Melodien, welche die Bewegunen der Akteure, anfangs reduziert und verlangsamt, begleiten. Nach einer Weile formieren sich die Einzelnen zu einer Einheit, eine Gruppe, die sich mit starker Präsenz mal vorwärts, mal rückwärts voranschreitend, immer wieder zu allen Seiten schauend und die Blicke der Besucher erwiedernd ins Foyer hineinbewegt. Wir Neugierige folgen, auch bis ins Freie hinaus. Was passiert jetzt? Draußen – mitten im Stadtleben in der Fußgängerzone der Königsstraße: Jetzt liegen die Performer da als Menschenreihe auf dem Boden, neun Körper hintereinander kauernd und sich berührend. Sie behindern den Weg der vorbeilaufenden Passanten. Die Leute bleiben stehen, schauen zu oder gehen einfach weiter, an ihnen vorbei. Schon lange hat sich die Linie wieder aufgelöst, jetzt hocken sie im Kreis und eine in der Mitte zeitgenössisch tanzend.
Sie wird von den anderen mit Beat- und Schnalzgeräuschen angefeuert. Sie agieren auf einmal wie Streetdancer, wie die von gestern oder wie die Akrobaten, die regelmäßig auf dem Platz ihre Balanceakte vorführen. Sehgals Performer fügen sich ein in das alltägliche Geschehen der Fußgängerzone. Die Grenzen zwischen Kunst und Leben verschwimmen. Hier draußen herrscht eine lockere, lebendige Stimmung, ganz anders als im bedeutungsaufgeladenen Museum, das die eigentlich objekthaften Kunstschätze unserer Kultur bewahren soll. Dort drinnen waren wir noch zaghaft, fast schüchtern und höchst achtungsvoll. Die bildhafte Choreografie wollte man nicht stören, auch nicht zu sehr ins Blickfeld der anderen Zuschauer geraten und damit selbst zum Betrachteten werden. Genau diese Phänomene, ungeschriebene soziale Vereinbarungen, Konventionen und kulturelle Rituale interessieren Tino Sehgal. Das Bild der Streetdancer hatte sich schon lange wieder durch ganz andere Bewegungsqualitäten aufgelöst – zurück ins Museum.

Tino Sehgals künstlerisches Medium ist der menschliche Körper. Das Werkkonzept des studierten Tänzers und Volkswirts funktioniert für den Kunstbetrieb. Seine „konstruierten Situationen“ beanspruchen trotz ihrer Immaterialität und Flüchtigkeit den Status eines Kunstwerks der bildenden Kunst. In ihrer Präsentationsform gleichen sie einem klassischen Kunstobjekt, das ausgestellt und gekauft wird und in museale Sammlungen eingehen kann. Jegliche dokumentarische Aufnahmen seiner künstlerischen Arbeiten verwehrt er, denn ein fotografisches Abbild ersetzt nicht die Erfahrung und das alle Sinne ansprechende Erlebnis.

Auch ältere Arbeiten sind Teil der Stuttgarter Ausstellung. Das älteste Stück "Instead of allowing some thing to rise up to your face dancing bruce and dan and other things" (2000) bezieht sich u.a. direkt auf "Dan Grahams Roll" (1970) und Bruce Naumans Videoarbeit "Wall floor Positions" (1968), in denen die Künstler mit ihrem Körper als Material experimentieren und mögliche Positionen im Verhältnis zur Wand und zum Raum austesten. Ganz hinten im Ausstellungsraum liegt die Tänzerin nah an die Wand gedrängt auf dem Boden und bewegt sich langsam von einer Liegeposition in die andere wechselnd. Auch "Kiss" (2002) steht im direkten Bezug zur Kunstgeschichte. Ein Paar küsst sich anmutig und eng umschlungen. Für ihre fließende, zeitlupenhafte Choreografie übernehmen sie Liebes- und Kussposen berühmter Kunstwerke wie von Auguste Rodin, Constantin Brancusi und Jeff Koons. Ich fühle mich ertappt, als die Frau meinem direkten, voyeuristischen Blick begegnet.

Sehgals „konstruierte Situationen“ sind vielfältig und sehr unterschiedlich. Sie sind konzeptuell angelegt, präzise konzipiert und entfalten sich in der direkten Begegnung und Interaktion mit den Besuchern. Mit seinen Akteuren, auch oft als „Interpreten“ bezeichnet, probt Tino Sehgal intensiv, so lange bis seine Handlungsanweisungen, Spielregeln und choreografierten Bewegungsabfolgen verinnerlicht sind.

Die Ausstellung zeigt Arbeiten, die vornehmlich aus tänzerischen und sängerischen Elementen bestehen. Es ist keine Werkschau wie 2017 in der Fondation Beyeler in Basel oder 2015 im Stedelijk Museum in Amsterdam. Hier geht es weniger um die Präsentation einzelner Kunstwerke. Denn mit den neueren Stücken entfernt sich der Künstler vom Werkbegriff und seiner Hinterfragung, das Szenische interessiere ihn nun mehr. In der Tat spielt die Inszenierung im Stuttgarter Konzept eine wesentliche Rolle. So wie er die unterschiedlichen Aufführungorte, das Innen und Außen verbindet, so gehen auch seine aufgeführten Arbeiten fließend ineinander über, dramaturgisch – von einer Szene in die andere, von einem Moment zum anderen. Die choreografischen Situationen verändern sich eigendynamisch, immer in Abhängigkeit von den gegebenen Umständen – Tageszeit, Besucheranzahl und Stimmung – und dem Geschehen vor Ort, im und vorm Museum. Flüchtige Aufführungskunst wird hier permanent verfügbar gemacht, zumindest während der Museumsöffnungszeiten. Ein Kunsterlebnis mit großer Wirkung, das noch bis zum 29. Juli 2018 zu erfahren ist und danach in der Erinnerung weiterlebt.

Veröffentlicht am 25.06.2018, von Katharina de Andrade Ruiz in Homepage, Kritiken 2017/2018

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